Interview, geführt am 12.07.2021 Joschka Fischer: Deutschland verfolgte keine eigenen Interessen in Afghanistan

Nach fast 20 Jahren endet der Einsatz in Afghanistan. Im Interview erklärt der frühere Bundesaußenminister Joschka Fischer, warum es so schwierig war, demokratische Strukturen im Land zu etablieren, wie vor allem die afghanischen Frauen vom Einsatz der NATO profitiert haben, warum für ihn der Abzug der Bundeswehr eine Akzeptanz der Niederlage ist.

Ehemaliger Politiker Joschka Fischer
Joschka Fischer im Interview. Bildrechte: MDR/Story im Ersten

Nach fast 20 Jahren ist nun der Bundeswehreinsatz in Afghanistan beendet. In ihrem vorletzten Buch „Der Abstieg des Westens“, erschienen 2018, haben sie schon gesagt: Wenn man jetzt überhastet aus Afghanistan rausgeht, den Taliban das Feld überlässt, dann wird das sicherheitspolitisch verheerende Folgen haben. Wenn Sie jetzt sehen, was da jetzt passiert, was geht da in Ihnen vor?

Joschka Fischer: Für mich war immer klar, dass man nicht so einfach abziehen kann. Da hat sich über die Jahrzehnte etwas entwickelt, was jetzt aufgegeben wird und das wird für die betroffenen Menschen eine enorme Gefahr mit sich bringen.

Außerdem spielt Afghanistan geopolitisch eine große Rolle in der Region. Iran, Pakistan, Indien, dieser Konflikt spielt da hinein. Und auch China ist direkter Anrainer, Russland ist ganz in der Nähe. Also die geopolitische Konsequenzen werden jedenfalls massiv sein. Das ist absehbar.

2001 fand auf dem Petersberg bei Bonn eine Afghanistan-Konferenz der UN statt, an der 28 Delegierte aus Afghanistan teilnahmen und in der ein Stufenplan zur Demokratisierung des Landes vereinbart wurde. Danach haben Sie ihre Hoffnungen zum Ausdruck gebracht, dass man es doch hinkriegt, dass der Bürgerkrieg aus Afghanistan auf absehbare Zeit verschwindet. War das realistisch?

Joschka Fischer: Was sich von Anfang an als zentrales Problem herausgestellt hat, war, dass die Amerikaner sich recht früh auf den Krieg mit dem Irak konzentriert haben. Da war das Eingreifen in Afghanistan militärisch noch nicht zu Ende gebracht, als schon die besten amerikanischen Special Forces abgezogen wurden. Die sogenannten A-Teams. Und die B-Teams, C-Teams blieben da. Diese Abkehr des Fokus der Supermacht und damit auch ihrer Alliierten von Afghanistan war ein ganz großes Problem. Und hat entscheidend, meines Erachtens, zum Scheitern auch der Afghanistanmission beigetragen.

Warum ist es nicht gelungen, in den 20 Jahren starke Institutionen hervorzubringen, ein stabiles Regime, was jetzt auch widerstandsfähig ist. Was ist da schiefgelaufen?

Joschka Fischer: Das kann ich Ihnen so einfach nicht sagen, ich kann Ihnen nur meine Einschätzung geben: Sie brauchen, um stabile staatliche Institutionen aufzubauen, erstmal eine Tradition von Staat. In Afghanistan gibt es kaum staatliche Tradition. Dort ist die Tradition der unterschiedlichen Stämme nach wie vor dominant. Und durch den Bürgerkrieg und durch die sowjetische Besatzung verschwand auch die vereinheitlichende Figur des Königs, der in der vorsowjetischen Zeit eine wichtige Rolle gespielt hat. Sie müssen sich vorstellen, die afghanische Realität war bestimmt durch einen permanenten Verhandlungsprozess. Die unterschiedlichen Interessen von Stämmen und Sippen, die in – vor allem im Winter - oft völlig isolierten Tälern zu eigenen Bedingungen lebten, mussten fein ausbalanciert werden. Das war nicht so einfach, einfach von oben runter zu sagen, so ist das.

Ich habe mich oft gefragt, was war anders nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland. Es gab eine starke staatliche Tradition, auf die zurückgegriffen wurde. Sowohl von den damaligen Besatzungsmächten, als auch von den Deutschen selbst. Die gab es in Afghanistan nicht. Und das schaffen Sie nicht innerhalb einer relativ kurzen Zeit.

Hatte Deutschland als Bündnispartner eigentlich einen Handlungsspielraum? Wurden strategische Fehler gemacht?

Joschka Fischer: Für die gesamten 20 Jahre kann ich nichts sagen, weil ich nur in der Frühphase daran beteiligt war. Ja, wir waren da eingebunden in das Bündnis. Wir verfolgten da nicht wirklich eigene Interessen. Und das war auch richtig so. Ich sehe nicht, dass wir als Land schwerwiegende strategische Fehler dort gemacht haben. Ich sehe auch nicht, dass die NATO große strategische Fehler gemacht hat. Wenn es einen Fehler gab, dann war das die Ungeduld. Es gibt ja diesen Satz, der sagt: Der Westen hat Uhren, die Taliban haben Zeit.

Für Sie rückblickend, was war gut an dem Einsatz in Afghanistan?

Joschka Fischer: Vieles war nicht vergeblich. Könnte sich jetzt allerdings als vergeblich erweisen. Es gelang dort, Inseln der Aufklärung und des Fortschritts durchzusetzen. Aus der Sicht afghanischer Frauen und Mädchen ist viel erreicht worden - was jetzt aber wieder in Gefahr ist. Der Abzug ist die Akzeptanz der Niederlage, machen wir uns keine Illusionen.

Joschka Fischer war von 1998 bis 2005 Außenminister in der rot-grünen Regierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder. Der Bundestag hatte am 22. Dezember 2001 das erste Afghanistan-Mandat verabschiedet. Im Januar 2002 trafen die ersten Kräfte in der Hauptstadt Kabul ein.

Das Interview mit Joschka Fischer wurde im Rahmen MDR-Fernsehdokumentation "Der Abzug - Die Afghanistan-Mission und was davon bleibt" geführt. Der Film wurde am 2.08.2021 um 23.30Uhr in der ARD ausgestrahlt.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: Story im Ersten | 02. August 2021 | 23:30 Uhr

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