Analyse Warum Klimakonferenzen enttäuschen – und trotzdem nötig sind

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Draußen auf Glasgows Straßen kritisieren Zehntausende, die Ergebnisse der Klimakonferenz seien nur leeres Blabla. Drinnen in den Hallen der Klimakonferenz zeigt man sich mit den Ergebnissen verhalten zufrieden. Wer hat Recht? Beide. Eine Analyse des UN-Klimatreffens in Glasgow.

Delegierte applaudieren bei der schließenden Plenarsitzung der UN-Klimakonferenz COP26
Im Plenum gab es Applaus für die UN-Klimakonferenz COP26, draußen hagelte es Proteste. Recht haben beide Seiten. Bildrechte: dpa

Klimaaktivistin Greta Thunberg nimmt an einer Demonstration in Glasgow teil.
Nannte die Klimakonferenz nur ein Blablabla: Greta Thunberg. Bildrechte: dpa

Singen gegen den Klimawandel. Vor den großen Messehallen des Scottish Event Campus in Glasgow finden sich täglich Demonstrierende. Sie singen, tanzen, halten Plakate, rufen zu mehr Handeln statt leeren Worten auf. Mindestens ein paar Dutzend sind es jeden Tag. An manchen Tagen sind es Zehntausende. Für sie ist das, was sich drinnen abspielt, ein Witz – und nicht die völlige Kehrtwende von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, die es bräuchte, um das 1,5 Grad-Ziel tatsächlich zu erreichen.

Es geht um jedes Zehntelgrad

Und das Ziel ist ein wichtiges: Bei 1,5 Grad Erderwärmung ließen sich die Folgen des Klimawandels noch einigermaßen beherrschen, heißt es aus der Wissenschaft. Zu spüren wären sie auch da deutlich – Hitzewellen, Dürren, Starkregen, steigende Meeresspiegel.

Aber jedes Zehntelgrad mehr würde die Situation deutlich verschlimmern. Extremwetterereignisse würden zunehmen, Landwirtschaft wäre in vielen Regionen nicht mehr möglich, ganze Ökosysteme brächen bei 2 Grad Erderwärmung zusammen, Korallen würde es quasi nicht mehr geben, Gletscher und Pole würden drastisch schmelzen. Und die Zwanzigerjahre sind das entscheidende Jahrzehnt, um die Weichen zu stellen. Sie sind ausschlaggebend dafür, auf welche Erderwärmung wir zusteuern. Auch da ist sich die Wissenschaft einig.

Nicht das beste – aber das bestmögliche Ergebnis

Angesichts dieser Ausgangslage ist das, was drinnen passiert, tatsächlich ein Witz. Es sind langsame, vergleichsweise kleine Tippelschritte. Und doch hört man drinnen insbesondere diese Worte: Eigentlich ist diese Konferenz ganz erfolgreich verlaufen. Woher kommt diese Diskrepanz?

Auch drinnen weiß man: Das, was hier beschlossen wurde, ist zwar nicht das beste Maßnahmenpaket – aber das bestmögliche. Denn die Klimakonferenz ist nicht das richtige Format, um sofortige, radikale Änderungen zu erzielen. Das ist hier schlicht nicht möglich. Es sind knapp 200 Nationen, die verhandeln. Da treffen unterschiedlichste Interessen aufeinander. Und am Ende müssen alle zustimmen, Einstimmigkeit ist Voraussetzung. Entsprechend ist das Ergebnis stets der kleinste gemeinsame Nenner. Keine radikalen Neuerungen, sondern ein radikaler Kompromiss.

Klimakonferenzen haben ihre Grenzen

Die Konferenzen laufen dabei stets nach demselben Muster ab: Gegen Ende hin werden die Beschlüsse verwässert. Diesmal zeigte sich das insbesondere bei der Kohle. War in den ersten Entwürfen noch von einem Kohleausstieg die Rede, geht es jetzt nur noch um ein Herunterfahren der Kohleverstromung.

Zudem kann auf den Klimakonferenzen nur der Rahmen vorgegeben werden. Die genaue Ausgestaltung, wie man Klimaschutzziele erreichen möchte, konkrete Maßnahmen – all das muss in den einzelnen Nationen passieren. Und die haben, mal wieder, nicht geliefert. Zumindest nicht genügend, sagt die Wissenschaft. Den nationalen Plänen entsprechend sparen wir bis 2030 nur fünf Gigatonnen CO2 ein. Um auf dem 1,5-Grad-Pfad zu bleiben, müssten es aber 20 Gigatonnen sein. Es ist also gerade mal ein Viertel dessen geplant, was tatsächlich gebraucht wird.

Klimakonferenzen halten das Thema im Gespräch

Aber sind die Klimakonferenzen dann überhaupt sinnvoll? Etliche auf den Straßen sehen das Format als gescheitert an, sind gar für eine Abschaffung. Doch die Konferenzen erfüllen einen wichtigen Zweck. Sie halten das Thema auf internationaler Ebene, sie halten die Staaten im Gespräch, sie verleihen Kontinuität. Jedes Jahr kommt auf großer Bühne zur Sprache, dass die Bemühungen nicht ausreichen. Inzwischen herrscht Einigkeit darüber, dass eine Begrenzung auf 1,5-Grad-Erderwärmung das große Ziel sein muss. Das war vor ein paar Jahren noch undenkbar. Inzwischen herrscht Einigkeit darüber, dass zur Mitte des Jahrhunderts Klimaneutralität angestrebt werden muss. Das war bis vor ein paar Jahren undenkbar. Die Richtung ist nun die richtige – nur wurde der Weg viel zu spät eingeschlagen: So äußern sich viele auf der Konferenz. Denn die Änderungen kommen zu schleppend. Mit diesem Tempo hätten wir vermutlich vor 20 Jahren beginnen müssen.

Einige Beobachter sehen als größte Errungenschaft dieser Konferenz, dass die Wirtschaft diesmal so stark eingebunden war. Unternehmen haben sich an diversen Abkommen beteiligt, haben Zusagen zu mehr Klimaschutz gemacht. Autohersteller haben beispielsweise ein Ende des Verbrennungsmotors angekündigt.

Es gibt also ein spürbares Umdenken, in Politik und Wirtschaft, aber auch in der Gesellschaft. Noch nie war das Interesse an einer Klimakonferenz so groß. Rund 40.000 Teilnehmer – das ist Rekord.

Kohle als Hauptreiber des Klimawandels benannt und viele Einzelabkommen

Und was bleibt nun von dieser Konferenz konkret? Erstmals wurde die Kohle als Haupttreiber des Klimawandels benannt und ein Gegensteuern angekündigt. Erstmals haben die Industrienationen anerkannt, dass Schadenersatz für ärmere, vom Klimawandel jetzt schon betroffene Staaten ein Thema ist. Es gab diverse Randabkommen, bei denen sich einzelne Staaten zusammengetan haben – zur Reduzierung von Methan, zum Aus des Verbrenners, zum Schutz von Wäldern. Vorteil der Einzelabkommen: Es müssen nicht alle Staaten zustimmen – dadurch kommt Tempo in den Klimaschutz.

Und auch generell wurde versucht, das Tempo im entscheidenden Klimaschutzjahrzehnt doch noch zu erhöhen. Statt erst 2025 müssen die Länder schon kommendes Jahr neue Klimaschutzpläne vorlegen. Sie werden vermutlich wieder nicht reichen. Die meisten Wissenschaftler haben das 1,5-Grad-Ziel längst als Utopie abgeschrieben. Doch die Utopie, sie muss am Leben gehalten werden. Nur wenn die Latte so hoch hängt, tut sich überhaupt etwas Nennenswertes. Und am Ende zählt jedes Zehntel Grad – das ist wissenschaftlicher Konsens.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 14. November 2021 | 19:30 Uhr

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