Interview Angst, Scham, Lähmung: Experte aus Leipzig zur Stimmung in Moskau

Dr. Thomas Kunze aus Leipzig leitet seit Jahren das Auslandsbüro der politischen Konrad-Adenauer-Stiftung in Moskau. Seit dem Wochenende ist er zurück in Deutschland. Im Interview mit MDR SACHSEN beschreibt er die Folgen des Krieges gegen die Ukraine in Russland und die Stimmung in der Millionenmetropole.

Ein Mann hält ein Schild hoch bei einer Demonstration
Demonstranten riskieren eine Geld- oder Haftstrafe, wenn sie den Krieg Russlands gegen die Ukraine - wie hier auf dem Foto in Moskau - beim Namen nennen. Putin ließ anordnen, dass es sich um eine "spezielle Militäroperation" handele. Bildrechte: dpa

Frage: Wie haben Sie und Ihre zwölf Mitarbeitenden in Moskau den Kriegsbeginn gegen die Ukraine erlebt?

Thomas Kunze: Das war fast schizophren. In Moskau hatte der Regen endlich ein Ende, es gab tagelang Sonnenschein. Der Krieg schien zunächst nicht überall gegenwärtig zu sein. Die Wirtschaftssanktionen beginnen langsam, um sich zu greifen. Die Preise schnellen in die Höhe. Das merken nun auch die Bewohner. Der Krieg ist spürbar durch die wirtschaftlichen Einschränkungen.

Ein Mann steht auf einer Dachterrasse. ImHinergrund sieht man viele Hochhäuser. Der Mann lächelt freundlich in diekamera. Er heißt Dr. thomas Kunze und leitet seit Jahren das Moskauer Büro der Konrad-Adenauer-stiftung. Seit 8.3.2022 ist der Leipziger wieder in deutschland wegen des Krieges Russlands gegen die Ukraine.
Bildrechte: Konrad-Adenauer-Stiftung

Mir persönlich tut es wahnsinnig weh und leid, was in der Ukraine passiert. Russland als Aggressor hat alle Freunde und europäischen Partner vor den Kopf gestoßen.

Dr. Thomas Kunze Leiter des Auslandsbüros und Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer-Stiftung für die Russische Förderation

Was heißt das konkret?

Die Menschen erleben einen dramatischen Verfall des Rubels und eine Teuerungswelle. Die Administration versucht, den Preisverfall aufzuhalten. Ich glaube nicht, dass das auf Dauer gelingt. Viele Leute verlieren ihre Arbeit bei ausländischen Firmen. Die haben ja reihenweise geschlossen. Die beiden großen Warenhäuser GUM und ZUM im Stadtzentrum sehen aus wie Geisterhäuser, weil alle westlichen Läden geschlossen sind.

Menschen vor einem geschlossenen Geschäft
Viele westeuropäische und amerikanische Unternehmen und Markenhersteller haben ihr Russlandgeschäft eingestellt. Bildrechte: dpa

Auch kleinere mittelständische Firmen verlassen das Land. Die Lücken, die westliche Unternehmen wegen der Sanktionen in Russland hinterlassen, in die werden sicher chinesische und südkoreanische Firmen reingehen - vor allem in den Technologiesektor und in die Landwirtschaft. Viele fürchten, dass Russland ein zweites 1998 erleben wird (damals schüttelte das Land die schwerste Krise seit dem Verfall der Sowjetunion, Anm. d. Red.).

Welche Stimmung herrschte in Moskau, als Sie die Stadt verließen?

Angst, Lähmung. Es ist so, wie vor zwei Jahren zu Beginn der Corona-Pandemie, als keiner mehr das Haus verlassen durfte und niemand wusste, was wird. Man weiß ja jetzt auch nicht, wie es weitergeht. Mir ist auch viel Scham begegnet - von Freunden und Bekannten und die Frage: 'Wie konnte man das nur einem Brudervolk antun?'. Mir persönlich tut es wahnsinnig weh und leid, was in der Ukraine passiert. Russland als Aggressor hat allen Freunden und europäischen Partnern vor den Kopf gestoßen und unser jahrzehntelanges Eintreten für ein gemeinsames europäisches Haus kaputtgemacht. Der Krieg stellt einen Bruch dar, mit all den Werten, die uns in Europa miteinander verbunden haben. Das Vertrauen ist verloren. Ich weiß nicht, wie es wieder entstehen kann.

Sie sprechen von Scham. Was denken die Russinnen und Russen über Machthaber Wladimir Putin? Wissen die Menschen vom Krieg, den sie offiziell nicht so nennen dürfen?

Wer etwas wissen möchte, weiß alles. Euronews in russischer Sprache wird ja weiterhin ausgestrahlt, auch wenn oppositionelle Medien vorige Woche in Russland abgeschafft worden sind. Ich schätze, dass die Hälfte der Bevölkerung weiterhin hinter Putin steht. Bei diesen Menschen verfängt die Erzählung, dass dieser Krieg gerechtfertigt sei, dass man vom Westen hintergangen worden sei und dass sich die Ukraine vom Westen habe einspannen lassen. Diese Menschen sind wie Putin der Meinung, dass man jetzt Nägel mit Köpfen machen müsse.

Und die anderen 50 Prozent?

Je jünger, gebildeter und näher an Großstädten wohnhaft, desto weniger verfängt diese Propaganda. Es gibt auch Leute innerhalb der Administration, die dem System verbunden sind, die den Krieg ablehnen. Ich denke, dass diese Gruppe größer werden wird, wenn die Sanktionen noch spürbarer werden.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es gelingt, das Land auf Dauer und komplett abzuschotten.

Dr. Thomas Kunze Leiter des Auslandsbüros und Landesbeauftragter für die Russische Föderation / Konrad-Adenauer-Stiftung

Was ist mit den Repressionen der Staatsgewalt, dem Druck und den Versuchen, die Gegenstimmen auszuschalten?

Angst vor Repressionen gibt es. Leute wurden festgesetzt, die auf die Straße gegangen sind. Immer mehr Ausländer verlassen das Land. Wenn jüngere Russen ausreisen, werden sie an der Grenze von Polizisten zu ihrer Haltung zum Staatsapparat befragt, zum Militär und ihrer Einstellung dazu. Die aktuellen Beschlüsse der Duma zu wirtschaftlichen Maßnahmen und Verstaatlichungen hätte man zu Sowjet-Zeiten erwartet, aber nicht im 21. Jahrhundert. Sie zeugen meiner Meinung nach nicht von Stärke sondern davon, dass die Administration mit dem Rücken zur Wand steht.

Ein Demonstrant wird von Polizisten festgenommen
Russische Polizeibeamte verhaften einen Demonstranten, der Anfang März in Moskau gegen den Krieg in der Ukraine demonstrierte. Bildrechte: dpa

Wissen Sie, auch die russischen Menschen leben nicht mehr in den 1970er oder 1980er Jahren. Sie konnten in den vergangenen Jahren reisen, haben gerade in den größeren Städten die Entwicklung eines Mittelstands erlebt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es gelingt, das Land auf Dauer und komplett abzuschotten.

Wie lange wird sich Putin halten können?

Ich denke, Putin weiß genau, was er tut. Aber er hat den Widerstand und die Feindschaft in der Ukraine unterschätzt. Die Soldaten wurden ja auch von russlandfreundlichen Kräften in der Ukraine nicht mit wehenden Fahnen begrüßt. Zudem steht ihm der Westen kollektiv geeint gegenüber. Es kann keiner sagen, ob es einen politischen Wechsel in Russland geben wird. Aber: Erinnern wir uns an den Sommer 1989. Wer hätte da geglaubt, dass im November die Mauer fällt? Geschichte vollzieht sich manchmal rasch - manchmal brauchen Entwicklungen viel Zeit. Aber Russland ist nicht nur Putin. Russland ist der große Nachbar in Europa, mit dem wir eine gemeinsame Geschichte, Kultur und hoffentlich auch Zukunft haben. Wir sollten alles tun, um nicht die Menschen in Russland pauschal für das verantwortlich zu machen, was gerade passiert.

Vielen Dank für das Gespräch.

MDR (kk)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | 10. März 2022 | 18:02 Uhr

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