Auslandseinsatz Mali: Folgt aus dem Anschlag eine Aufrüstungsspirale?

Der Anschlag in Mali mit zwölf verletzten deutschen Soldaten hat den Auslandseinsatz der Bundeswehr wieder in den Fokus der breiten Öffentlichkeit gerückt. Doch nach MDR-Informationen war der Einsatz auch bereits vor dem Anschlag gefährlicher geworden – und in Zukunft wird es nicht weniger heikel.

Ein Panzer mit deutscher Flagge fährt durch Goa.
Bundeswehrfahrzeug unter UN-Flagge in Mali. Bildrechte: picture alliance/dpa/Bundeswehr | Pao Minusma

Als an einem Freitag Ende Juni um halb sieben Uhr Ortszeit ein mit Holz und Sprengstoff beladener Pick-Up auf ein Nachtlager der UN-Mission MINUSMA im Norden Malis zufährt, verrichten die meisten deutschen Soldaten ihren Dienst dort weitgehend unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit. Dass derzeit etwa 1.000 Bundeswehrsoldaten in dem nordafrikanischen Land stationiert sind, ist zwar bekannt. Dass eines ihrer zwei Mandate wenige Wochen zuvor sogar auf vier weitere Länder in der Region ausgeweitet wurde, darüber sprechen bis dahin allenfalls Fachleute.

Doch die Mission war bereits in den vergangenen Monaten gefährlicher geworden. Nach dem Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan ist der Einsatz in der Wüstenregion der größte deutsche Auslandseinsatz. Und der gefährlichste.

Dschihadisten bekennen sich zu Anschlag

Verübt wurde der Anschlag von der Al-Kaida-nahen Gruppe JNIM. Die Gruppe hatte ein Bekennervideo im Internet veröffentlicht. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums bestätigte dem MDR die Authentizität des Videos. Neben JNIM gibt es in der Region auch eine IS-nahe Dschihadistengruppe. „JNIM ist allerdings aktiver und auch stärker lokal verankert“, sagt Matthias Basedau. Er ist Direktor des GIGA-Instituts für Afrika-Studien in Hamburg. Auch Anschläge mit improvisierten Bomben, teilweise als Selbstmordanschläge, würden in Mali schon länger eine Rolle spielen.

Um einen solchen Selbstmordanschlag handelte es sich auch bei dem Angriff auf die MINUSMA-Truppen Ende Juni. Dreizehn Blauhelmsoldaten wurden dabei verletzt, zwölf aus Deutschland, einer aus Belgien. In der vergangenen Woche hatte das Bundesverteidigungsministerium über den Anschlag das Parlament informiert. Aus Teilnehmerkreisen hieß es, die Aufklärungseinheit hätte in der Nacht eine Art Wagenburg errichtet. Ein mit Sprengstoff und Holz beladenes Auto des Attentäters sei explodiert, nachdem der Geländewagen den äußersten Verteidigungsring bereits durchfahren hatte. Die anschließende Explosion habe eine Sprengkraft von 100 bis 150 Kilogramm herkömmlichen Sprengstoffes entwickelt.

Auch mitteldeutsche Soldaten in Mali

Die Verwundeten wurden später nach Deutschland ausgeflogen. Auch aus Mitteldeutschland sind Bundeswehrsoldaten in Mali, unter anderem ein Teil des Aufklärungsbataillons aus Gotha. Acht der zwölf verwundeten Soldaten sind Angehörige des Heeres, wie ein Sprecher dem MDR sagte. Sie gehören demnach zu zwei Panzerdivisionen. Die Nordwestzeitung hatte zudem unter Berufung auf die SPD-Bundestagsabgeordnete Siemtje Möller berichtet, dass vier weitere Verletzte zu einem Objektschutzregiment der Luftwaffe aus Niedersachsen gehören.

Colonel Rafael Dengra Tello (r-l), Kommandeur des Koulikoro Training Center (KTC), führt den deutschen Brigadegeneral Jochen Deuer und den spanischen Brigadegeneral Fernando Luis Gracia Herreiz durch die Kaserne.
Brigadegeneral Jochen Deuer übernahm gerade die Führung bei EUTM. Bildrechte: dpa

Christian Klatt leitet das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in der malischen Hauptstadt Bamako. „Die Sicherheitslage im Land ist fragil. Zwei Drittel des Landes stehen nicht oder kaum unter staatlicher Kontrolle“, sagt Klatt. Er glaubt aber nicht, dass der Anschlag direkt gegen Soldaten der Bundeswehr gerichtet war. Wahrscheinlicher sei ein grundsätzlicher Angriff auf die MINUSMA-Truppen.

Zumindest die Einschätzung zur fragilen Lage in der Region teilt auch das Bundesverteidigungsministerium. In einem aktuellen, internen Dokument zur Bedrohungslage heißt es, sie sei in weiten Teilen Malis "erheblich", die zweithöchste Stufe. Diese Einordnung bedeutet, dass zwar mit Angriffen „in naher Zukunft“ gerechnet werde, "Erkenntnisse zu konkreten Angriffszielen und -zeiträumen" lägen aber nicht vor. Allerdings hat sich die Bedrohungslage nach MDR-Informationen mindestens punktuell verändert.

Sprengkraft von improvisierten Bomben hat sich verdoppelt

So sei festgestellt worden, dass sich die mittlere Sprengladung von improvisierten Sprengfallen der aufständischen Gruppen verdoppelt habe. Von knapp 7,5 Kilogramm auf 15 Kilogramm Sprengstoff. Darüber hinaus sei die Art der Anschläge verändert worden. Im April und Ende Juni habe es ähnliche Anschläge wie dem auf die Bundeswehr gegeben. Einmal auf Truppen der französisch-malischen Kampfoperation Barkhane, ein weiteres Mal auf MINUSMA-Truppen.

Ein ehemaliger Kampfmittelbeseitiger der Bundeswehr, der nach seinem Ausscheiden aus der Truppe in Afrika Sprengfallen entschärft hat, bestätigte dem MDR anonym diese Entwicklung. "Die Aufständischen probieren sich aus, sie lernen dazu, verwenden mehr oder andere Sprengmittel." Diese Entwicklung sei absehbar, je länger der Konflikt dauere. Außerdem würden gerade dschihadistische Aufständische voneinander lernen – es gebe teilweise einen regelrechten Know-how-Transfer, so der ehemalige Soldat. "Ich habe in Nordafrika identische Zündvorrichtungen wie im Irak gesehen. Das Wissen wird entweder über das Internet oder bestimmte Personen weitergegeben."

Dennoch steht der Generalinspekteur der Bundeswehr, Eberhard Zorn, einer zu schnellen Aufrüstung seiner Soldaten in der Wüstenregion offenbar skeptisch gegenüber. In der Sondersitzung des Verteidigungsausschusses in der vergangenen Woche hatte Zorn Teilnehmern zufolge gewarnt, vorschnell auf bessere Panzer und bewaffnete Drohnen zu setzen. Dies sei zu kurz gedacht. Offenbar fürchtet die Bundeswehr, dass sie durch die Aufrüstung noch stärker zum Ziel von Angriffen werden könnte.

Angegriffene Einheit soll sich offenbar in gefährlichere Region orientieren

Teilnehmer der Sondersitzung in der vergangenen Woche berichteten ebenfalls, die vom Anschlag betroffene Einheit sei nicht nach Deutschland zurückverlegt worden. Stattdessen soll die Einheit weiter auf Patrouille gehen und sich nach MDR-Informationen in Richtung des Dreiländer-Ecks von Mali, Burkina-Faso und Niger orientieren. Beobachter schätzen die Lage hier vergleichsweise schwieriger ein, als in der Region, in der sich die Einheit vorher befunden hatte und angegriffen wurde. Das Ministerium bewertet die Bedrohungslage in einem aktuellen, internen Papier dagegen gleich.

In dieser Region kämpfen französische und Soldaten der sogenannten G5-Sahel-Staaten gegen dschihadistische Aufständische. Als die G5 Sahel gelten neben Mali auch Burkina Faso, Niger, Mauretanien und Tschad. Die Verlegung in das Grenzgebiet könnte Beobachtern zufolge wie ein Bumerang wirken. Das US-amerikanische Datenprojekt ACLED hat ausgewertet, wie sich die Aktivitäten militanter Gruppen verändern, sobald malische Truppen zusammen mit anderen Armeen versuchen, die dschihadistischen Gruppen zurückzudrängen. Mit klarem Ergebnis: Die Konzentration auf ein Gebiet sorge für einen Domino-Effekt. So würden militante Gruppen sich auflösen und an anderen Orten ihren Kampf fortsetzen.

Verletzte Soldaten, die aus Mali eingetroffen sind, werden am Stuttgarter Flughafen aus einem Airbus A310 der Bundeswehr transportiert.
Nach dem Anschlag Ende Juni wurden verletzte Soldaten nach Deutschland ausgeflogen. Bildrechte: dpa

Ziele im Sahel: Demokratie stärken, Migration eindämmen

Deutschland hat vor, mit seinen Engagements "Instabilität und Gewalt einzudämmen und einem möglichen Staatszerfall der G5-Sahel-Staaten vorzubeugen", so steht es offiziell in einem Dokument mit dem Namen "Strategischen Ausrichtung des Sahel-Engagements" der Bundesregierung. Nordafrika und die Sahel-Zone werden hier als "geostrategisches Vorfeld" Europas bezeichnet. Neben Punkten wie Sicherheit, Ausbau der Demokratie und Vorantreiben von Staatsreformen geht es im Papier aber auch ganz explizit um Forderungen Deutschlands an die Staaten. So heißt es, die Bundesregierung "erwartet von den Partnern zugleich Zusammenarbeit im Bereich Migration und Rückführung." Die Sahel-Zone soll demnach wie ein Puffer für größere Migrationsbewegungen in Richtung Europa verstanden werden.

Laut Christian Klatt von der Friedrich-Ebert-Stiftung haben Deutschland und die Bundeswehr grundsätzlich ein positives Image in Mali. Das gleiche gelte für die MINUSMA-Mission insgesamt, zumindest in den Regionen, wo sie aktiv sei. "Ein Abzug der internationalen Truppen hätte gravierende Folgen, die malische Armee hat unzureichende Ressourcen und Ausbildung, um für Stabilität zu sorgen."

Kritischer würden viele im Land hingegen die Ausbildungsmission EUTM sehen. Dort sei vor allem eine stärkere Evaluierung der Ausbildung und eine Fokussierung auch auf untere Dienstgrade nötig. Kürzlich übernahm Deutschland von Spanien die Führung der Mission. Im Rahmen von EUTM sind derzeit 110 deutsche Soldaten im Land, auch wenn gerade erst das Mandat auf bis zu 600 Bundeswehrangehörige aufgestockt wurde.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 08. Juli 2021 | 17:18 Uhr

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