'Ndrangheta vor Gericht Großer Mafia-Prozess in Italien eröffnet

In Süditalien hat ein neuer Mammut-Prozess gegen die Mafia begonnen. Auf der Anklagebank sitzen hunderte mutmaßliche Mitglieder der 'Ndrangheta, die auch in Thüringen und Sachsen aktiv ist. Das Verfahren soll mindestens ein Jahr dauern.

An einem Straßenrand stehen mehrere Schilder, auf einem der Schilder steht der Ortsname San Luca.
San Luca in Kalabrien im Süden von Italien: Die kleine Gemeinde mit weniger als 4.000 Einwohnern ist einer der Ursprungsorte der 'Ndrangheta. Bildrechte: MDR/Axel Hemmerling

In der süditalienischen Stadt Lamezia Terme hat am Mittwoch ein Prozess gegen die Mafia-Organisation 'Ndrangheta begonnen. Es eines der größten Mafia-Verfahren seit Jahrzehnten. Angeklagt sind mehr als 350 mutmaßliche Mafiosi. Beteiligt sind etwa 400 Anwälte und mehr als 900 Zeugen. Erwartet wird, dass das Verfahren ein bis zwei Jahre dauert.

Den Beschuldigten werden ihre Mafia-Zugehörigkeit selbst, Mord, Waffenbesitz, Drogenhandel, Erpressung, Geldwucher und Geldwäsche und weitere Straftaten vorgeworfen. Vielen Angeklagten drohen hohe Haftstrafen. Die meisten der Beschuldigten waren vor mehr als einem Jahr bei Razzien in Italien, Deutschland, der Schweiz und Bulgarien festgenommen worden. Unter ihnen sind auch Politiker, Anwälte und Geschäftsleute.

Hunderte Mafiosi auf der Anklagebank

Die 'Ndrangheta aus Kalabrien gilt als mächtige und äußerst brutale Mafia-Organisation. Experten sehen den Prozess als Signal des italienischen Staates, der damit Stärke gegen die organisierte Kriminalität zeigen kann.

Für den Prozess wurde extra ein Gebäude hergerichtet, in dem rund 1.000 Beteiligte die coronabedingten Abstände einhalten können. Unter den Zeugen sind auch ehemalige Mafia-Angehörige, die das Gesetz des Schweigens, die sogenannte Omertà, brechen.

Rund 90 der Angeklagten hatten sich nach italienischen Medienberichten für ein Schnellverfahren entschieden. Diese Verfahren sollen am 27. Januar beginnen.

Der gesamte Prozess ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit der Justiz, geführt von dem prominenten Mafia-Jäger und leitenden Staatsanwalt von Catanzaro, Nicola Gratteri. Er wurde schon wiederholt bedroht und erhielt Personenschutz.

Die 'Ndrangheta hat ihren Ursprung in der süditalienischen Region Kalabrien mit ihrer Hauptstadt Catanzaro. Von dort aus steuert sie weltweit große Teile des Kokainhandels und verdient jährlich viele Milliarden Euro mit illegalen Geschäften.

Ableger in Thüringen und Sachsen

In Thüringen und Sachsen ist die 'Ndrangheta auch im Immobiliengeschäft aktiv. Das ging aus dem Jahresbericht der italienischen Anti-Mafia-Behörde DIA hervor, der im Sommer 2020 veröffentlicht wurde und MDR THÜRINGEN vorlag. Demnach baute der Mafia-Clan seit mehr als 25 Jahren seine Position in den beiden Bundesländern aus und kooperiert auch mit osteuropäischen Gruppen wie der armenischen Mafia.

Ende Mai 2020 wurde auch in Erfurt ein 'Ndrangheta-Mitglied verhaftet, über einem bekannten italienischen Restaurant in der Innenstadt. Vor allem Restaurants stehen im Verdacht, umfangreich Geldwäsche für die Clans zu organisieren.

Die Festnahme fand sich auch in dem DIA-Bericht wieder. Die "Direzione Investigative Antimafia" ist die zentrale italienische Anti-Mafia-Ermittlungseinheit. Anfang der 1990er-Jahre war sie in Rom gegründet worden, nach der Ermordung der beiden Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino durch die sizilianische Cosa Nostra.

Gegen die Cosa Nostra hatte es in den 1980er-Jahren einen ähnlichen Mammut-Prozess in Palermo gegeben. Damals waren mehr als 400 Mafiosi angeklagt, ein Großteil wurde verurteilt. Die Morde an den beiden Staatsanwälten gelten als Racheakt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. Januar 2021 | 08:30 Uhr

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