Deutsche Stimmen Langsame Reaktion auf raschen Taliban-Vormarsch in Afghanistan

Die Taliban nehmen Afghanistans Hauptstadt Kabul in die Zange: Das Auswärtige Amt ruft Deutsche im Land zu schneller Ausreise auf, Außenminister Heiko Maas droht mit Entzug von deutscher Finanzhilfe, Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer gibt afghanischen Behörden die Schuld an schleppender Ausreise von afghanischen Ortskräften der Bundeswehr. Ein neuer Truppeneinsatz, um den Extremisten-Vorstoß aufzuhalten, ist nicht in Sicht.

Taliban Afghanistan
Ein Kämpfer der Taliban posiert während des Vorrückens auf Kabul. Bildrechte: dpa

Der Siegeszug der Extremisten scheint kaum zu stoppen: Die Taliban nehmen die afghanische Hauptstadt Kabul von mehreren Seiten in den Würgegriff. Dass sich ihnen eine ausländische Armee, die Bundeswehr gar, in den Weg stellen wird, um sie aufzuhalten, ist kaum zu erwarten.

"Es ist schwer zu akzeptieren, diese bitteren Bilder der Taliban in Kundus oder anderen Städten zu sehen. Aber jeder, der davon spricht, dass die Bundeswehr wieder nach Afghanistan geht, der wirklich die Taliban stoppen will, muss wissen: Wir reden dann nicht von einer Ausbildungsmission. Wir reden dann von einem langen, harten Kampfeinsatz, man kann auch sagen: Wir reden dann von einem Krieg", betonte jetzt Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer auf ARD-Nachfrage. Dafür, fügt die CDU-Politikerin noch an, könne sie von Seiten der Gesellschaft und der Politik derzeit keine Unterstützung erkennen.

Diplomatischer und finanzieller Druck auf Taliban

Die Zeiten, in denen Deutschland militärisch Druck auf die Taliban ausüben konnte, sind seit dem Abzug der Bundeswehr vorbei. Vermutlich endgültig.

Der deutsche Außenminister Heiko Maas versucht es daher nun mit den begrenzten Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen – mit diplomatischem und mit finanziellem Druck – und packt all das in eine Art Drohung an die Adresse der Extremisten. Sollten diese das Ziel haben, in Afghanistan ein Kalifat zu errichten, dann werde man das nicht mittragen.

"Dieses Land ist ohne internationale Hilfe nicht lebensfähig. Wir geben jedes Jahr 430 Millionen Euro", sagte Maas im Morgenmagazin von ARD und ZDF. "Wir werden keinen Cent mehr nach Afghanistan geben, wenn die Taliban das Land komplett übernommen haben, die Scharia einführen und das Land ein Kalifat wird."

Sicherheitslage in Afghanistan neu bewertet

Ob Maas mit seiner Vermutung, die Taliban wollten das Land nicht allein übernehmen, sondern lediglich Teil der Regierung – wenn auch der mächtigere Teil der Regierung – werden, richtig liegt, wird sich erweisen müssen.

Soldaten der Bundeswehr verladen Ausrüstung in ein Flugzeug
Die Bundeswehr verlässt Afghanistan Bildrechte: dpa

Jedenfalls überrennen die Extremisten derzeit so rasant das Land, dass die Bundesregierung ihre Bewertung der Sicherheitslage nun hat korrigieren müssen. Das heißt: Deutschland fordert jetzt aktuell seine Bürgerinnen und Bürger zur zügigen Ausreise aus Afghanistan auf, Abschiebungen in das Krisenland werden ausgesetzt. Vorerst. Gleichzeitig rechnet man im Außenministerium mit einer steigenden Zahl an Afghanistan-Flüchtlingen, wie Staatsminister Niels Annen der Funke-Mediengruppe sagte.

Ausreise aus Afghanistan als schwerwiegendes Problem

Bundeswehr in Afghanistan
Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan Bildrechte: dpa

Trotz vereinzelter Forderungen, die Bundewehr müsste angesichts der Situation notfalls wieder ins Land hinein (worüber etwa der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses Norbert Röttgen laut nachdachte), dreht sich derzeit eher alles um die Frage, wie man die ehemaligen Helfer der Bundeswehr aus dem Land herausbekommt.

Verteidigungsministerin Annnegret Kramp-Karrenbauer erklärte: "Der limitierende Faktor liegt im Moment darin, dass die afghanische Regierung darauf besteht, dass diejenigen, die ausreisen, einen afghanischen Reisepass haben". Das Auswärtige Amt versuche gerade, die afghanische Regierung von dieser Praxis abzubringen.

Tempo des Vormarsches der Taliban überrascht

Was die Ministerin nicht sagte: Zahlreiche, die Rache der Taliban fürchtende Helfer der Bundeswehr haben ihren Pass bereits an die deutsche Seite abgegeben und seitdem nichts mehr gehört. Tausende Afghanen, die sich angesichts des Extremisten-Vormarsches akut bedroht sehen, sind noch im Land.

Ein Schild weist auf die Ankunftshalle am Flughafen Kabul.
Ankunft in Kabul nach der Abschiebung Bildrechte: dpa

Außenminister Maas stellte in Aussicht, dass bis Ende des Monats doch Afghanen mit Chartermaschinen ausgeflogen werden könnten. "Die Frage lautet, wie die Leute ans Flugzeug kommen", betonte Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer. Denn dafür bestehe die afghanische Regierung auf die Reisepässe.

Doch auch beim Thema Ortskräfte wird nun immer deutlicher: Dass die Taliban nach dem internationalen Truppenabzug vorrücken würden, war absehbar. Dass sie es mit so hoher Geschwindigkeit tun, davon wurden USA, Nato und Bundesregierung doch überrascht. Die Linksfraktion im Bundestag rät angesichts der "Schreckensbilder vom Vormarsch der Taliban" dazu, den für Ende August geplanten Großen Zapfenstreich abzusagen, mit dem der Bundeswehr-Einsatz gewürdigt werden soll.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. August 2021 | 10:00 Uhr

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