Bundestag Selenskyj: "Herr Scholz, stoppen Sie diesen Krieg!"

Mit einer Videoansprache hat sich der ukrainische Präsident Selenskyj am Donnerstag an die Abgeordneten des Bundestags, an die Bundesregierung und die Deutschen gewandt. Er beschrieb darin Russlands Gräueltaten in seinem Land und fordert mehr Hilfe von Deutschland.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht auf einer Videoleinwand im Bundestag.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht auf einer Videoleinwand im Bundestag. Mit Applaus im Stehen hatten ihn die Abgeordneten begrüßt. Bildrechte: dpa

  • Selenskyj zeichnet ein Bild der Situation in seinem Land und wirft Deutschland Zögerlichkeit und Fixierung auf Wirtschaftsinteressen vor.
  • Von Deutschland fordert Selenskyj mehr Hilfe und eine Führungsrolle bei der Beendigung des Krieges.
  • Nach der Rede Selenskyjs stritten Abgeordnete, ob es eine Aussprache darüber geben sollte.

Für neun Uhr war die Rede von Wolodymyr Selenskyj angesetzt. Doch sie verzögerte sich um einige Minuten. Kiew war erneut unter Beschuss und die Leitung konnte zunächst nicht aufgebaut werden.

Ukraines Präsident bei seiner Rede im Deutschen Bundestag 12 min
Bildrechte: mdr

Do 17.03.2022 12:49Uhr 11:36 min

https://www.mdr.de/nachrichten/welt/panorama/selenskyj-ansprache-bundestag-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ukraines Präsident bei seiner Rede im Deutschen Bundestag 12 min
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12 min

Do 17.03.2022 12:49Uhr 11:36 min

https://www.mdr.de/nachrichten/welt/panorama/selenskyj-ansprache-bundestag-100.html

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Video

Als er dann auf der Videoleinwand hinter der Regierungsbank zu sehen ist, zeichnet Selenskyj ein schreckliches Bild der Situation in seinem Land:

Russland bombardiert alles, was wir in der Ukraine aufgebaut haben. Tausende Menschen sind gefallen. Die Besatzer haben 108 Kinder getötet – mitten in Europa bei uns im Jahre 2022.

Wolodymyr Selenskyj Präsident der Ukraine

Eine Mauer in Europa zwischen Freiheit und Unfreiheit

Deutschland befinde sich wieder hinter einer Mauer und wolle über diese nicht hinüberschauen, sagte Selenskyj in Richtung Regierungsbank. Er stellte die Frage, warum aus den USA mehr Hilfe komme als aus Deutschland. Es habe zwar viele Schritte gegeben, die die Ukraine unterstützen, aber manche – wie die Sanktionen gegen Russland – zu spät. "Verbindungen, die Ihre Konzerne noch mit Russland haben, finanzieren den Krieg mit."

Selenskyi betonte, die Ukraine habe immer wieder gesagt, dass die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 eine Waffe sei und eine "Vorbereitung auf den großen Krieg". Die Antwort sei gewesen: "Das ist Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft." Dabei sei es Zement gewesen für die neue Mauer.

Warnungen und Wünsche der Ukraine nicht ernst genommen

Auch die Gesuche der Ukraine nach einem Nato- und EU-Beitritt seien nicht ernst genommen worden, klagte Selenskyj. Der Wunsch der Ukraine, Nato-Mitglied zu werden, sei beantwortet worden mit dem Hinweis, dass eine solche Entscheidung nicht anstehe. "Und auch jetzt zögern Sie bei dem Beitritt der Ukraine in die Europäische Union." Er fügte hinzu, für manche sei das Politik, aber in Wirklichkeit sei es ein Stein für eine neue Mauer. Alles werde auf die "lange Bank geschoben".

Deutschland forderte Selenskyj erneut auf, für einen sicheren Luftraum über der Ukraine zu sorgen. Bundeskanzler Olaf Scholz hatte das aus Sicherheitsgründen abgelehnt. "Es ist schwierig für uns, ohne Ihre Hilfe, unser Land und Europa zu verteidigen", richtet sich Selenskyj direkt an Scholz. In Anlehnung an Ronald Reagans Aufforderung an Michael Gorbatschow "Tear down this wall" fordert Selenskyj Scholz auf:

Zerstören Sie diese Mauer. Geben Sie Deutschland die Führungsrolle, die es verdient. Stoppen Sie diesen Krieg. Helfen Sie uns, diesen Krieg zu stoppen.

Wolodymyr Selenskyj Präsident der Ukraine

Auch an die Ukrainer und Ukrainerinnen, die bereits den Zweiten Weltkrieg miterleben mussten, erinnerte Selenskyj – außerdem an den Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Babyn Jar im vergangenen Jahr. Steinmeier hatte dort an einer Gedenkveranstaltung für die ermordeten ukrainischen Juden teilgenommen. Selenskyj sagte in diesem Zusammenhang: "Immer wieder sagen Politiker 'Nie wieder Krieg!'. Jetzt sehen wir, dass diese Worte nichts wert sind."

Opposition fordert nach Selenskyj-Rede Aussprache

Nach der 20-minütigen Sonderveranstaltung wurde die Sitzung des Parlaments offiziell eröffnet. Die Unions-Fraktion forderte eine Aussprache und eine Stellungnahme zur Rede Selenskyjs und den darin enthaltenen Vorwürfen. Linke und AfD unterstützten die Forderung. Die Ampel-Fraktionen lehnten eine Aussprache ab und warfen Unions-Fraktionschef Friedrich Merz eine Inszenierung vor. Die Union hatte der Bundestags-Geschäftsordnung am Vortag zugestimmt und keine Sonderdebatte beantragt. Das Parlament startete mit der regulären Tagesordnung, auf der unter anderem die erste Debatte um eine allgemeine Impfpflicht stand.

epd,dpa(cvt)

Hinweis zur Barrierefreiheit: Die Ansprache von Wolodymyr Selenskyj soll nach Angaben des Bundestags ab morgen, Freitag, 18. März, in der Mediathek der Bundestags-Webseite mit Übersetzung in Gebärdensprache verfügbar sein.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 17. März 2022 | 10:00 Uhr

145 Kommentare

hilflos vor 9 Wochen

Falsch, Churchill hatte berechtigte Aussichten durchzuhalten. Lufthoheit hatte er wieder erlangt und UK war damals ein reiches riesiges Kolonialreich mit riesigen Menschenmaterial (Z. B. Kanada, Australien, Indien)

DER Beobachter vor 9 Wochen

Die russischen Generäle mit Durchblick und Erfahrung werden gerade ausgeschaltet, Vor Ort im Kampf oder mit Befehl des gewissen neuen GröFaz... Wie weiland...

DER Beobachter vor 9 Wochen

Ja, akw, dort sitzt u.a. auch der russische Oligarch mit 17 Mrd., der die Kaligewinnung hier in D in Aktien dominiert. Das ist der, dessen Superjacht SY A gerade von der italienischen Finanzpolizei beschlagnahmt wurde. Verlor durch Putins Erpressungspoliitik den eigenen Oligarchen gegenüber (Nawalny lässt grüßen) nur so schlappe 1/3 seines Vermögens, also nur schlappe 5 Mrd. schon damals. Bitte MDR ausdrücklich um Freigabe...

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