Lage in Afghanistan Zwischen Gleichgültigkeit und Angst

Als einer von sehr wenigen Journalisten ist Markus Spieker vom MDR in Afghanistan unterwegs. Im Gespräch mit MDR AKTUELL schildert der ARD-Korrespondent seine Eindrücke und spricht über die Sorgen und Ängste der Menschen unter der Taliban-Herrschaft.

Kämpfer militant-islamistischen Taliban laufen bewaffnet in der Stadt Kabul
Bildrechte: dpa

MDR AKTUELL: Ist das Bild der gemäßigten Taliban nur eine Fassade?

Markus Spieker: Dieses Bild zeigen die Taliban ja nur gegenüber Ausländern, gegenüber ausländischen Journalisten. Und tatsächlich war es ja von vornherein eine Illusion zu glauben, dass Leute, die zwanzig Jahre lang im Terrorkampf stehen, dadurch irgendwie gemäßigter werden. Tatsächlich sind viele Taliban eigentlich radikalisiert worden und glauben jetzt nach ihrem gefühlten Sieg über den Westen tatsächlich, sie sind auf einer göttlichen Mission; müssen den Gottesstaat hier in Afghanistan nach ihren Vorstellungen einrichten.

MDR AKTUELL: Mittlerweile präsentierten die Taliban ja eine Regierung, wir haben das gesehen, welche Botschaft geht von den ernannten Ministern aus?

Markus Spieker: Das sind überwiegend Taliban-Hardliner, das sind Leute, die teilweise auf internationalen Terroristen-Fahndungslisten stehen. Und auch die politischen Aktionen der letzten zwei Tage sprechen Bände. Demonstrationen sind, wenn sie nicht offiziell erlaubt sind, verboten, werden niedergeprügelt, da wurden Frauen geschlagen, auch Journalisten geschlagen, dann gab es Verlautbarungen, dass Frauen nicht mehr Sport machen dürfen, dass Frauen nicht mehr an Unis unterrichten dürfen, dass sie besser zu Hause bleiben und Kinder großziehen sollen und der Bildungsminister versteht sich zu der Aussage, Bildung sei überhaupt überschätzt, es käme auf die Frömmigkeit an.

Das ist natürlich nichts, was der Westen hören will, das ist aber auch schwierig für die Taliban, denn Dreiviertel des Staatshaushaltes wird von ausländischen Geldern bislang gestaltet und so kommen die Taliban natürlich nicht an ausländische Hilfe und auch nicht an internationale Anerkennung.

MDR AKTUELL: Wie reagiert die Bevölkerung vor Ort. Herrscht dort Angst oder eher Zufriedenheit über die neuen Machthaber?

Markus Spieker: Bei vielen Menschen herrscht tatsächlich Gleichgültigkeit. Man muss berücksichtigen, jeder zweite Afghane lebt von weniger als einem Euro am Tag. Das sind sehr existenzielle Probleme, da interessiert die vielleicht der jetzige Machtwechsel gar nicht so sehr. Aber alle, die ein bisschen gebildet sind, auch viele Frauen, sind natürlich verängstigt, trauen sich aber immer weniger, das offen zu sagen. Ich habe das selber gemerkt, bei meinen Versuchen, Interviews zu führen. Die werden immer öfter abgeblockt, weil da steht auch schnell der Taliban schon um die Ecke und guckt ganz misstrauisch. Tatsächlich erlebe ich hier (...) Angst.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 09. September 2021 | 21:45 Uhr

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