Taliban in Afghanistan Wie regelt die Scharia Frauenrechte?

Während die afghanische Bevölkerung derzeit in Unsicherheit lebt, scheinen die Taliban vor allem den Eindruck von Normalität erwecken zu wollen. In ihrer ersten Pressekonferenz gestern versicherten sie unter anderem, dass die Rechte der Frauen gewahrt werden würden – und zwar im Einklang mit der Scharia. Doch was bedeutet das überhaupt und was gibt die Scharia diesbezüglich vor? Linda Schildbach hat nachgefragt.

Kleines Mädchen in Afghanistan
Die Sorge um Frauen und Mädchen in Afghanistan unter der Taliban-Herrschaft ist groß. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Press

Wenn von der Scharia gesprochen werde, dann meine man meist das islamische Recht – auch wenn die Scharia noch viel mehr umfasse, erklärt Susanne Schröter. Sie ist die Direktorin des Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam: "Dieses Recht ist nicht kodifiziert, das heißt es wird in unterschiedlichen Ländern unterschiedlich ausgelegt und auch verschiedene Theologen können es unterschiedlich auslegen – oder Bewegungen wie die Taliban."

Scharia ist Interpretationssache

Die Basis und Quellen für das islamische Recht seien zum einen der Koran, zum anderen prophetische Überlieferungen, also theologische Quellen, sagt Schröter. Anhand derer würden dann Gesetze oder Alltagsregeln für Muslime und auch nicht-Muslime entworfen. Es gehe also um eine Interpretation dieser Quellen und die Frage, wie man diese in die Gegenwart übersetzt. Da könne man zu ganz unterschiedlichen Schlüssen kommen, erklärt Schröter.

"Es gibt liberale Theologen, die versuchen die Scharia in einer moderaten Weise auszulegen oder die Taliban, die waren jetzt nicht gerade bekannt dafür, dass sie das gemacht haben, sondern im Gegenteil."

Koran erlaubt Bildung und Berufstätigkeit von Frauen

Denn im Islamischen Emirat Afghanistan haben sie von 1996 bis 2001 das islamische Recht in besonders brutaler, menschenverachtender Weise ausgelegt, das insbesondere das Leben der Frauen extrem beschnitten. Dabei erlauben die theologischen Texte und der Koran sowohl die Bildung als auch die Berufstätigkeit der Frauen. Da gebe es nach Meinung der meisten Theologen der Welt überhaupt keinen Zweifel, sagt Schröter.

Eine Frau hält die Afghanische Fahne
Im ursprünglichen Islam waren Frauen berufstätig und angesehen. Nach Meinung der meisten Theologen gibt es kein Zweifel an einem Recht auf Bildung und Berufstätigkeit für Frauen. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Press

"Im 7. Jahrhundert, als der Islam entstand, waren die Frauen durchaus berufstätig. Auch Mohammeds erste Ehefrau, war eine Frau, die nicht nur einen Beruf hatte, sondern die absolut anerkannt war in Mekka, die eine herausragende Position hatte," erklärt die Direktorin des Forschungszentrums Globaler Islam.

Viele Islamisten versuchen deshalb über Umwege die Frauen aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Bisher hatten die Taliban dies etwa mit der Sündhaftigkeit begründet: "Die Frauen verursachen Unruhe in der Welt, weil sie alleine schon die Verkörperung der Sünde sind, deshalb dürfen sie nicht in die Öffentlichkeit", fasst Schröter die Argumentation der Taliban zusammen: "Und darüber haben sie dann versucht die Berufstätigkeit der Frauen zu kappen."

Zentralrat der Muslime: Afghanen wollen keinen Steinzeit-Islam

Kehrt sich die neue Generation der Taliban von dieser Sichtweise etwa ab? Die Direktorin des Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam hält das für illusorisch und sogar für eine PR-Aktion. Auch der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, sieht die Ereignisse in Afghanistan als Schlag für die weltweite muslimische Community: "Die allermeisten Muslime und die Afghanen ohnehin wollen keinen Steinzeit-Islam gepaart mit Stammesdoktrin und das findet jetzt wieder an die Macht und es ist deswegen ein Desaster für alle."

Frauen in Afghanistan werden bedrängt

Dass die Taliban bereits vor Ort die Frauenrechte anders auslegen, berichtet Stephan Theo Reichel vom Nürnberger Verein "Matteo Kirche & Asyl": "Wir hören von unseren Kontaktleuten vor Ort, dass es bereits Übergriffe gibt, besonders auf Frauen, die noch frei rumlaufen auf der Straße, die werden angesprochen, in die Häuser geschickt und bedrängt."

Denn man dürfe nicht vergessen, dass die Unterwerfung der Frau, das starke Patriarchat eine lokale Tradition in weiten Teilen Afghanistans habe, allen voran bei den religiösen Eliten sowie politischen Führern, sagt Susanne Schröter. Das sei auch ein Grund, warum diese Form des Islams der Taliban so erfolgreich sei.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. August 2021 | 16:05 Uhr

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