Afghanistan Vormarsch der Taliban: Kandahar und Herat gefallen

Die Taliban haben weitere große Städte in Afghanistan erobert: Kandahar, die zweitgrößte Stadt des Landes und Herat, die drittgrößte Stadt. Damit kontrollieren die Islamisten mehr als die Hälfte der Provinzhauptstädte des Landes. Die USA entsendeten unterdessen 3.000 Soldaten nach Afghanistan zur Unterstützung US-amerikanischer Botschaftsmitarbeiter.

Afghanistan, Militär im Einsatz gegen die Taliban bei Kundus
Das afghanische Militär hat dem Ansturm der Taliban nicht viel entgegenzusetzen. Bildrechte: imago images/Xinhua

Auf ihrem nahezu ungebremsten Vormarsch in Afghanistan haben die militant-islamistischen Taliban weitere große Städte des Landes erobert. Wie ein Regionalpolitiker in Kandahar, der zweitgrößten Stadt des Landes, mitteilte, sind die wichtigsten Regierungseinrichtungen der 500.000-Einwohner-Stadt unter Kontrolle der Islamisten.

Anwohner berichten vom Rückzug der Armee. Zudem eroberten die Taliban mit Herat, Ghasni, Laschkar Gah, Tschaghtscharan, Tirinkot und Kalat weitere Provinzhauptstädte. Dort haben sich Anwohnern zufolge die Sicherheitskräfte teilweise den Taliban ergeben, sagte ein Parlamentarier. Da die Islamisten vielerorts die Straßen blockierten, sei eine Flucht unmöglich gewesen.

In den vergangenen acht Tagen haben die Taliban 18 der 34 Provinzhauptstädte des Landes eingenommen. Die afghanische Regierung hingegen kontrolliert neben der Hauptstadt Kabul nur noch zwei Großstädte: Dschalalabad im Osten sowie Masar-i-Scharif im Norden des Landes.

Deutschland zieht Botschaftspersonal ab

Als Konsequenz aus dem Vormarsch der Taliban hat die Bundesregierung beschlossen, das Personal der deutschen Botschaft in Kabul auf das "absolute Minimum" zu reduzieren. Das teilte Außenminister Heiko Maas am Nachmittag mit. Es werde dazu sofort ein Unterstützungsteam in die afghanische Hauptstadt geschickt.

Die Botschaftsmitarbeiter würden mit Chartermaschinen ausgeflogen, sagte Maas weiter. Darin würden auch afghanische Ortskräfte, die früher für die Bundeswehr oder Bundesministerien gearbeitet haben oder heute noch für sie arbeiten, ausgeflogen. Maas rief alle Deutschen auf, das Land sofort zu verlassen. Eine hohe zweistellige Zahl deutscher Staatsbürger sind demnach noch in Afghanistan.

Auch Norwegen wird seine Botschaft in Kabul schließen und die Diplomaten sowie die afghanischen Botschaftsmitarbeiter und deren Familien evakuieren. Das kündigt Außenministerin Ine Eriksen Soereide an. Auch Dänemark zieht nach Angaben des dänischen Außenministers Jeppe Kofod die Botschaftsmitarbeiter aus Kabul ab.

USA entsenden Soldaten nach Kabul

Weil die Taliban auch immer näher an die Hauptstadt Kabul heranrücken, hat das Pentagon zeitweise 3.000 Soldaten nach Afghanistan entsendet. Den Angaben zufolge sollen sie die Reduzierung des US-Botschaftspersonals unterstützen. Die Soldaten sollten am Flughafen in Kabul für Sicherheit sorgen sowie Konvois zum Flughafen absichern.

Die USA sind nach Angaben des Pentagon außerdem dazu bereit, täglich tausende Menschen aus der Hauptstadt Kabul auszufliegen. Pentagon-Sprecher John Kirby sagte, die ersten US-Soldaten zur Absicherung der Evakuierungsaktion für US-Diplomaten und andere Zivilisten befänden sich bereits in der Stadt.

Abschiebungen aus Deutschland ausgesetzt

Seit dem Vormarsch der Taliban waren Forderungen nach einer Aussetzung der Abschiebung abgelehnter Asylbewerber nach Afghanistan lauter geworden, unter anderem aus Sachsen. Wie das Bundesinnenministerium am Mittwoch mitteilte, werden die Rückführungen nun vorerst ausgesetzt. Auch eine in der vergangenen Woche verschobene Abschiebung von sechs Afghanen werde zunächst nicht nachgeholt.

Zuvor hatten sich die EU-Botschafter in Kabul für einen Abschiebestopp ausgesprochen. Auch 26 Organisationen, darunter Amnesty International, Pro Asyl, Caritas und die Diakonie plädierten in einer gemeinsamen Erklärung dafür. Das Auswärtige Amt erstellt nach eigenen Angaben derzeit einen neuen Asyllagebericht für Afghanistan, der normalerweise Hauptgrundlage für die Entscheidung über Abschiebungen ist.

Seehofer fordert schnelle Ausreise von Ortskräften

Bundesinnenminister Horst Seehofer hat unterdessen zugesichert, afghanische Ortskräfte, die der Bundeswehr geholfen hatten und deswegen jetzt besonders gefährdet sind, bei einer schnellen Ausreise zu unterstützen. Der CSU-Politiker sagte, die Lage in dem Land werde immer bedrohlicher. Die Menschen, die für Deutschland in Afghanistan arbeiten, und deren Familien müssen nun schnell die Ausreise ermöglicht werden – beispielsweise mit Charterflügen oder Visaerteilungen. Nach Aussage von Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer gehen die Ausreisen nicht so schnell voran wie gewünscht. Das liege aber an der afghanischen Regierung. Diese würde Ausreisen nur mit Reisepass erlauben.

Lage dramatisch verschlechtert

Die Sicherheitslage in Afghanistan hatte sich seit der Entscheidung über den Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan Mitte April dramatisch verschlechtert. Seit dem Beginn des Abzugs der USA und der Nato-Verbündeten Anfang Mai hat sich die Lage noch einmal drastisch verschärft. Vor wenigen Tagen erst hatten die Islamisten die nördliche gelegene Provinzhauptstadt Kundus erobert. Dort hatte die Bundeswehr jahrelang Soldaten in "Camp Pamir" stationiert.

Quelle: dpa, AFP

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. August 2021 | 06:00 Uhr

19 Kommentare

MDR-Team vor 9 Wochen

Wir bitten in diesem Zusammenhang auf pauschale Aussagen zu verzichten. Richtig ist, dass es bereits Kritik an dem Vorgehen der afghanischen Armee gab. Dennoch bitten wir bei diesem komplexen Thema differenzierte Aussagen zu treffen - die Lage ist sehr angespannt.
Liebe Grüße aus der MDR.de-Redaktion

Tacitus vor 9 Wochen

@Anni, volle Zustimmung! Die afghanische Armee (300 000 Mann, top ausgerüstet) flieht ohne Widerstand vor den Talban (etwa 60 000 Mann) und hinterlässt teilweise auch noch westliche Kriegstechnik. Das übertrifft jeden Hollywoodfilm. Die fliehen mit ihren Armeeautos sogar ins Nachbarland. Es gibt nirgends Widerstand.
Die Taliban stehen in den Außenbezirken von Kabul und die Deutschen dort sind immer noch nicht ausgeflogen. Was für ein Versagen vom Maas und AKK! Vieleicht hätte man die GSG doch nicht demontieren sollen.

Anni22 vor 9 Wochen

!. kündigt man einen Abzug nicht Öffentlich an
2. holt man erst die eigenen Leute da raus
3. die Taliban werden nicht aufgehalten, die Bevölkerung hat aufgeben, die "Kämpfer" laufen über und dienen den neuen Herren
4. Das Ganze hätte man sich sparen können
5. Grüße an Herr Röttgen; wenn Sie eingreifen wollen, dann bitte persönlich und vorderster Front...

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