Hintergrund Fragen und Antworten zum Abzug der Truppen vom Hindukusch

US-Präsident Joe Biden will bis September die US-Truppen aus Afghanistan abziehen. Auch die Nato berät am Mittwoch über einen Truppenabzug. Derzeit befinden sich noch circa 10.000 Soldaten aus Nato-Ländern in Afghanistan.

US-Soldaten patroullieren mit ihren Militärfahrzeugen durch eine Straße von Herat in Afghanistan.
Die USA will ihre Truppen bis September vom Hindukusch abziehen. Die Nato berät am Mittwoch über den eigenen Truppenabzug. Bildrechte: dpa

Bis zum 11. September 2021 will US-Präsident Joe Biden die US-Truppen aus Afghanistan abziehen. Diese Entscheidung löst unterschiedliche Reaktionen aus - die, die ein Ende des internationalen Militäreinsatzes herbeigesehnt, sind erleichtert. Andere fürchten um die Zukunft des von Gewalt geplagten Landes am Hindukusch.

Biden gibt damit der Nato einen Weg vor, den viele fürchten. Auch für Deutschland und die anderen Bündnispartner hat er weitreichende Konsequenzen, denn auch die Nato berät am Mittwoch über einen möglichen Truppenabzug.

Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer rechnet jedoch mit einem Abzug der Nato-Truppen, erklärte sie am Mittwoch im ARD-Morgenmagazin: "Wir haben immer gesagt: Wir gehen gemeinsam rein, wir gehen gemeinsam raus."

Wie wirkt sich der Truppenabzug auf die politische Lage in Afghanistan aus?

Es gibt immer noch keinen stabilen und dauerhaften Waffenstillstand zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung. Deshalb befürchten viele Beobachter, afghanische Politiker und Bürger, dass das Land wieder in einen Bürgerkrieg gestürzt wird.

Nach Angaben der UN-Hilfsmission für Afghanistan wurden in den ersten drei Monaten dieses Jahres über 500 Zivilisten getötet und rund 1.200 verletzt. Nur wenige glauben noch an einen Rückgang der Gewalt. Der afghanische Parlamentspräsident Mir Rahman Rahmani geht davon aus, dass "sich die bittere Erfahrung der Vergangenheit wiederholen wird".

Zudem ist noch unklar, ob die afghanischen Truppen ohne die Unterstützung des US-Militärs Sicherheit garantieren können. Vor allem bei Unterstützung aus der Luft waren die US-Soldaten eine wichtige Unterstützung.

Die Taliban kontrollieren immer noch weite Teile des ländlichen Raums und strategisch wichtige Straßen. In den Städten sorgen sie mit fast täglichen Autobombenanschlägen oder gezielten Tötungen für Angst und Schrecken.

Wo steht der afghanische Friedensprozess?

Seit September laufen Friedensgespräche zwischen Regierung und Taliban in Doha. Allerdings kamen die Verhandlungsteams über Verfahrensfragen bisher nicht hinaus. Die USA versuchen, den Prozess mit mehreren Initiativen zu beschleunigen.

Eine davon ist eine Konferenz in Istanbul, die am 24. April beginnen sollte. Als Reaktion auf die neuen US-Pläne schlossen die Taliban am Dienstag ihre Teilnahme aber aus. Sie erklärten, erst nach einem vollständigen Abzug dazu bereit zu sein und bestehen auf dem ursprünglich vereinbarten Termin, dem 1. Mai 2021.

Zudem hat der Präsident Aschraf Ghani einen Drei-Stufen-Plan erarbeitet, der eine politische Einigung und eine Waffenruhe mit den Taliban vorsieht, bevor eine Präsidentenwahl und die Bildung einer sogenannten "Friedensregierung" stattfinden können. Die Taliban bestehen hingegen auf einer Rückkehr zu einem Emirat nach strengen islamischen Regeln unter Führung eines religiösen Ältestenrats.

Seit dem Sturz der Taliban 2001 hat das Land vier Präsidentschaftswahlen erlebt, Millionen Afghanen nahmen bereitwillig ein pluralistisches, demokratisches System an. Experten befürchten nun, dass die demokratischen Errungenschaften der vergangenen zwei Jahrzehnte mit der Rückkehr der Taliban verloren gehen könnten.

Was bedeutet ein Truppenabzug für Deutschland?

Der US-Abzug ist quasi gleichbedeutend mit dem Ende des Afghanistan-Einsatzes der Nato. Deutschland und die anderen Nato-Staaten sind nicht bereit und auch nicht mehr in der Lage das Engagement ohne die USA fortzuführen.

Die US-Amerikaner sorgen zum Beispiel dafür, dass verletzte Soldaten schnell in Sicherheit gebracht und versorgt werden können. Zudem stellen sie wichtige Aufklärungsgeräte und Kampfflugzeuge, die bei Angriffen auf Nato-Soldaten schnell eingreifen können. Ohne diese Kräfte wären ausländische Soldaten deutlich stärker gefährdet.

Wie reagiert die Bundesregierung auf die Entscheidung?

Außenminister Heiko Maas wollte das Ende des Nato-Einsatzes eigentlich vom Erfolg der Friedensverhandlungen zwischen Taliban und der Regierung in Kabul abhängig machen. "Wir wollen nicht durch einen zu frühzeitigen Abzug aus Afghanistan riskieren, dass die Taliban zurückkehren zur Gewalt und versuchen, mit militärischen Mitteln an die Macht zu kommen", erklärte der SPD-Politiker schon im März bei einem Nato-Treffen in Brüssel.

Deutschland sei dort mit mehr als 1.000 Soldatinnen und Soldaten engagiert. Ziel sei, Afghanistan nach zwei Jahrzehnten nicht so zu hinterlassen, wie man es vorgefunden habe. Die jetzige Entscheidung dürfte daher nicht im Sinne des Auswärtigen Amtes sein. Anders sieht es im Verteidigungsministerium aus. Dort gibt es viele, die den Abzug begrüßen dürften.

Wie viele internationale Truppen sind derzeit noch in Afghanistan stationiert?

Zuletzt waren noch rund 10.000 Soldaten aus Nato-Ländern und Partnernationen in Afghanistan stationiert, um die demokratisch gewählte Regierung durch Ausbildung und Beratung von Sicherheitskräften zu unterstützen. Darunter sind auch 1.100 deutsche Soldaten und Soldatinnen.

Bislang ließen 59 deutsche Soldaten in dem Land ihr Leben - die meisten starben in Gefechten oder bei Anschlägen. Mehr als 2.300 US-Soldaten kamen in Afghanistan zu Tode, rund 1900 davon gewaltsam.

Quelle: AFP, dpa

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 14. April 2021 | 16:10 Uhr

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