Afghanistan Tumulte am Flughafen Kabul - Evakuierungen verschoben

Nach der Einnahme Kabuls durch die Taliban haben sich am Flughafen der afghanischen Hauptstadt dramatische Szenen abgespielt. Die US-Armee teilte mit, die Evakuierungsflüge würden auf Dienstag verschoben. Am späten Abend landetet dennoch eine Bundeswehrmaschine in Kabul. UN-Generalsekretär Guterres forderte die Weltgemeinschaft zu Einigkeit auf, um eine Terrorgefahr zu bannen.

Menschen rennen zum Flughafen in Kabul
Nach der Machtübernahme durch die Taliban versuchen die Menschen, das Land zu verlassen. Bildrechte: Jawad Sukhanyar

Die Evakuierungsflüge aus Kabul sind auf Dienstag verschoben worden. Die US-Truppen am Flughafen Kabul müssen nach Angaben des Weißen Hauses zunächst Ordnung und Sicherheit wieder herstellen. Der stellvertretende nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jon Finer, sagte dem TV-Sender MSNBC, die Soldatinnen und Soldaten würden "den Großteil des restlichen Tages" damit verbringen, die Lage am Flughafen wieder unter Kontrolle zu bringen.

US-Militär in wenigen Tagen mit 6.000 Leuten vor Ort

Das US-Militär ist nach eigenen Angaben inzwischen mit rund 2.500 Soldatinnen und Soldaten am Flughafen im Einsatz. Im Lauf des Dienstags solle die Zahl auf mehr als 3.000 steigen, sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby. In einigen Tagen sollten dann rund 6.000 US-Soldaten vor Ort sein.

Tumultartige Szenen auf dem Flughafen

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums bestätigte, dass US-Sicherheitskräfte zwei Menschen getötet haben. Inmitten von tausenden Menschen, die sich dort friedlich aufhielten, hätten zwei Männer ihre Waffen "auf bedrohliche Weise geschwungen". Es gebe keine Hinweise darauf, dass es sich dabei um Taliban gehandelt habe. Ein US-Soldat sei verwundet worden.

Nachdem die Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul eingenommen haben, versuchen Tausende Menschen verzweifelt, per Flugzeug das Land zu verlassen. Aufnahmen, die auf Online-Plattformen gepostet wurden, zeigten Zivilisten, die eine bereits überfüllte und verbogene Treppe hinaufkletterten, um ein geparktes Passagierflugzeug zu besteigen. Die Afghanen wollten offenbar an Bord von Militärflugzeugen gelangen, die aber nur für Diplomaten, Botschaftspersonal und einheimische Ortskräfte der Botschaften gedacht waren.

Bundeswehrmaschine in Kabul gelandet

Am Abend ist ein Transportflugzeug der Bundeswehr vom Typ A400M in Kabul gelandet. Zuvor hatte die Maschine stundenlang in der Luft auf eine Landeerlaubnis gewartet. Die Bundeswehr will neben deutschen Staatsbürgern auch afghanische Ortskräfte außer Landes fliegen. Die Evakuierung wird von einer Sondereinheit der Bundeswehr abgesichert. Bundeskanzlerin Angela Merkel geht davon aus, dass bis zu 10.000 Menschen in Sicherheit gebracht werden müssen.

Bereits in der Nacht zum Montag hatte ein US-Flugzeug 40 Botschaftsmitarbeiter nach Doha geflogen.

Ortskräfte verlassen "Safe Houses"

In Kabul haben rund 350 Ortskräfte ihre von einer deutschen gemeinnützigen Organisation organisierten Sammelunterkünfte verlassen. Der Vorsitzende des Patenschaftsnetzwerks Afghanischer Ortskräfte, Marcus Grotian, teilte via Facebook mit, er habe die sogenannten Safe Houses aufgelöst, da sie nicht mehr sicher, sondern nur noch Todesfallen seien. Ein ehemaliger Übersetzer sagte, es habe Informationen gegeben, dass die Taliban nach und nach die Häuser durchsuchten. Nun wohne man einzeln in Kabul.

Afghanische Ortskräfte, die die Bundeswehr vor Ort beispielsweise als Dolmetscher oder Fahrer unterstützt haben, müssen nach der Machtübernahme durch die Taliban um ihr Leben fürchten.

Guterres: Erschreckende Berichte UN-Generalsekretär

Antonio Guterres, UN-Generalsekretär, hält im UN-Hauptquartier im Rahmen des Climate Ambition Summit 2020 eine Rede.
António Guterres Bildrechte: dpa

António Guterres hat die internationale Gemeinschaft zur Einigkeit im Umgang mit der "terroristischen Bedrohung in Afghanistan" aufgefordert. Guterres sprach in einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates von "erschreckenden Berichten über schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen im ganzen Land". Besonders betroffen seien demnach Frauen und Mädchen. Die Weltgemeinschaft müsse sicherstellen, dass "Afghanistan nie wieder als Plattform oder sicherer Hafen für Terrororganisationen benutzt wird".

Fast 600 Soldaten in Flugzeugen nach Usbekistan geflohen

Immer mehr Regierungssoldaten versuchen, in die Nachbarstaaten zu fliehen. Nach Angaben der usbekischen Generalstaatsanwaltschaft wurden seit dem Wochenende 46 afghanische Militärflugzeuge und -Hubschrauber mit 585 Soldaten an Bord zur Landung auf dem Flughafen Termes gezwungen. Dabei sei eines der Flugzeuge mit einer usbekischen Maschine zusammengestoßen und abgestürzt. Das Verteidigungsministerium hatte zuvor von einem Abschuss gesprochen. Übereinstimmend berichteten beide, dass sich die Piloten mit Fallschirmen gerettet hätten. Zudem sind den Angaben zufolge 158 Zivilisten und Soldaten aufgegriffen worden, die über den Fluss Amu Darja nach Usbekistan gelangt waren.

Tadschikistan lässt afghanische Militärmaschinen landen

Auch in Tadschikistan sind mehrere Militärmaschinen mit über 100 afghanischen Soldaten an Bord gelandet. Das teilte das tadschikische Außenministerium mit. Man habe den Flugzeugen den Eintritt in den eigenen Luftraum erlaubt, nachdem diese ein Notsignal gesendet hätten, berichtet die russische Nachrichtenagentur RIA unter Berufung auf das Ministerium.

Taliban beherrschen praktisch ganz Afghanistan

Nach einem zehntägigen Eroberungsfeldzug hatten die Taliban am Sonntag die Hauptstadt Kabul erreicht. Die afghanische Regierung erklärte sich zur Machtübergabe bereit, Präsident Aschraf Ghani floh ins Ausland. In einer Facebook-Botschaft gestand er die Niederlage gegen die Taliban ein.

Die Islamisten feierten am Sonntagabend im Präsidentenpalast ihren "siegreichen" Feldzug gegen die afghanische Regierung. Die Polizei und andere Regierungstruppen gaben ihre Posten in Kabul auf, Taliban-Kämpfer übernahmen Kontrollpunkte in der Stadt.

Am Montag waren Kämpfer mit Gewehren über den Schultern zu sehen, die durch die Straßen der Grünen Zone liefen – dem ehemals stark befestigten Viertel, in dem die meisten Botschaften und internationalen Organisationen untergebracht sind.

Quelle: AFP, Reuters,DPA

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. August 2021 | 09:00 Uhr

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