Unter der Lupe | Kolumne Warum die Ostdeutschen Russland anders sehen

Tim Herden
Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Am Montag werden die EU-Außenminister möglicherweise über weitere Sanktionen gegen Russland beraten, um die Freilassung von Alexej Nawalny zu erreichen. Dabei könnte es auch um einen Stopp für Nord Stream 2 gehen. Es wird nicht von Erfolg gekrönt sein, denn für Putin wäre es ein Zeichen der Schwäche. Die Fronten zwischen Russland und Europa, aber auch zwischen Russland und Deutschland, werden sich verhärten. Viele Ostdeutsche sehen das mit Sorge, bei Westdeutschen trifft das auf Unverständnis.

Der russische Präsident Wladimir Putin leitet ein Treffen russischer Regierungsbeamter im Kreml.
"Großer Bruder", so wurde die Sowjetunion in der DDR oft genannt. Wie prägt die Vergangenheit das Verhältnis Ostdeutscher zu Russland? Bildrechte: imago images/Russian Look

Vor knapp drei Wochen erreichte mich ein Anruf aus Köln. Eine Redakteurin der dort ansässigen Rundfunkanstalt fragte mich, ob ich nicht was dazu sagen könnte, warum die Ostdeutschen eine andere Haltung zu Russland haben als die Westdeutschen. Im allgemeinen Sprachgebrauch gibt es dafür das Wort "Russlandversteher". Ich lehnte ab. Trotzdem trieb mich die Frage um. Sind die Ostdeutschen wirklich "Russlandversteher" oder haben sie nicht einfach nur in den vergangenen 75 Jahren eine sehr wechselvolle Geschichte mit der Sowjetunion und später mit Russland erlebt?

Eine Freundschaft, die keine war?

Schon als Kind fiel mir auf: Wenn Leute über die Sowjetunion redeten, sprachen sie oft nur vom "großen Bruder" oder von den "Freunden". Aber es klang überhaupt nicht freundschaftlich. Ich begriff relativ bald, dass es die ständig beschworene Freundschaft zur Sowjetunion so gar nicht gab.

Unter der Lupe: Tim Herden
MDR-AKTUELL-Kolumnist Tim Herden Bildrechte: MDR

Und ich spürte es auch. Man lernte eine Sprache, die sehr fremd war und deren Gebrauchswert für mich als Jugendlichen nicht erkennbar war. Wann traf man schon mal im realen DDR-Leben einen Sowjetbürger oder schlicht gesagt einen Russen? Aber das war so etwas wie ein Schimpfwort und nicht ratsam für den offiziellen Sprachgebrauch.

Klar gab es Begegnungen auf Arbeitsebene oder bei organisierten Reisen ins gelobte Land, eine begrenzte Anzahl von Jugendlichen konnte auch in der SU studieren. Doch die sowjetische Führung achtete mit Argusaugen darauf, dass durch Begegnungen mit DDR-Bürgern keine unstillbaren materiellen Bedürfnisse bei den eigenen Landsleuten entstanden. Es gab ein großes Gefälle beim Lebensstandard zwischen beiden Ländern.    

Sergej Lochthofen 89 min
Sergej Lochthofen Bildrechte: MDR/Hoferichter&Jacobs

Für mich wohnten die "Freunde" hinter den grauen, immer verschlossenen Kasernentoren mit dem roten Stern. Davon gab es in meiner Heimatstadt Halle eine ganze Menge. Die Soldaten zeigten sich nur mit Panzern, Kanonen und missmutigen Mienen auf der Ladefläche von Militärfahrzeugen. Auch diese permanente militärische Drohkulisse wirkte nicht besonders freundschaftlich. Man spürte, das waren Besatzer. Natürlich gab es auch die vielen Heldengeschichten der sowjetischen Soldaten, die martialischen Kriegsfilme im Kino oder Fernsehen, und sicher ließen einen als Kind Geschichten wie "Timur und sein Trupp" nicht kalt. Die sowjetische Literatur brachte mir die russische Seele näher. Bücher wie "Der Tag zieht den Jahrhundertweg" von Tschingis Aitmatow oder "Beerenreiche Gegenden" von Jewgeni Jewtuschenko galten schon fast als "Bückware". Die ständig wiederholte Erzählung vom Blutzoll der Roten Armee zur Befreiung Deutschlands vom Naziregime hinterließ Wirkung bis heute.

Gorbatschow: Wegbereiter der deutschen Einheit

Lange sagte die Sowjetunion, wo es für die DDR lang ging. "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen", war der Leitspruch. Doch dann kam Gorbatschow. 1985. Plötzlich hörten wir aus dem Land der Besatzer Töne, die in der DDR nicht zu hören waren. Die Zauberworte hießen "Glasnost" und "Perestroika". Endlich sollte Kritik an den Verhältnissen des realen Sozialismus möglich sein und nicht mehr unter den Tisch gekehrt werden. Gorbatschow wurde zu einer Art Heilsbringer. Auch in der DDR. Für die SED-Führung wurde allerdings aus dem Freund plötzlich der Feind. SED-Politbüro-Mitglied Kurt Hager erklärte die neue Linie: "Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?" 

Die Folge: Sowjetische Filme und  Zeitschriften wurden verboten. Es war eine verkehrte Welt. Unaufgefordert skandierten Menschen auf der Straße den Namen eines sowjetischen Staatschefs wie einen Hilferuf. Und er erhörte ihn. Für ihn war – anders als für Honecker – die deutsche Frage nicht entschieden. Gegen den Willen seiner Generäle ließ er keine Panzer rollen, als 1989 die Mauer fiel. Er gab den Weg frei für die deutsche Einheit. Es war eine Befreiung. Wer in seinem Leben eine solche Befreiung von einer Diktatur nicht erlebt hat, sondern immer in demokratischen Verhältnissen leben konnte, kann die Dankbarkeit dafür vielleicht nicht verstehen. Sie wirkt bis heute bei vielen Ostdeutschen nach. Auch bei mir.

Russland: wichtiger Absatzmarkt für ostdeutsche Produkte

Noch etwas anderes spielt eine Rolle. Mit der deutschen Einheit und Einführung der D-Mark brachen die wirtschaftlichen Beziehungen der ostdeutschen Unternehmen nach Russland zusammen. Viele Betriebe lebten allein vom Export in die Sowjetunion. Ende der 1990er-Jahre konnten alte Kontakte wiederbelebt werden. Russland wurde für ostdeutsche Unternehmen ein wichtiger, wenn nicht sogar der einzige Absatzmarkt. Bis durch den Ukraine-Konflikt die Sanktionen kamen. Sie trafen die ostdeutsche Wirtschaft besonders hart. Die Intervention der ostdeutschen Ministerpräsidenten blieb ungehört, obwohl viele Arbeitsplätze bedroht waren. Auch deshalb wird die Pipeline Nord Stream 2 von Manuela Schwesig so hart verteidigt. Politisch wirkt dieses Bauwerk aber auch wie die letzte Brücke zwischen Deutschland und Russland. Damit verbunden ist der Wunsch bei vielen Ostdeutschen, dass die Spannungen zwischen beiden Ländern abgebaut werden.

Die Vorbehalte der Kanzlerin – die Angst des Autokraten

Aber so einfach ist das nicht. Politik wird von Menschen gemacht. Kanzlerin Angela Merkel trifft mit Wladimir Putin auf einen russischen Staatschef, der ein Machtbewusstsein verkörpert, wie sie es in ihrer Jugend durch die sowjetischen Truppen in ihrer Heimat Templin demonstriert bekommen hatte. Das schaffte von Anfang an kein Vertrauen, wirkte auf sie wahrscheinlich abschreckend.

Wladimir Putin
Kennt keine Gnade mit innenpolitischen Kontrahenten: Wladimir Putin Bildrechte: imago images/ZUMA Wire

Hinzu kommt ein politisches Agieren durch Putin, das mit den Jahren immer mehr an die Zeiten des Kalten Krieges erinnert. Er verteidigt mit seiner Militärmacht die russische Hemisphäre: auf der Krim, in der Ukraine oder in Syrien. Innenpolitisch ist er in seiner Vorgehensweise mittlerweile zurückgefallen auf die Methoden des sowjetischen Geheimdienstes, für den er als Resident in Dresden wirkte: mit Giftattacken, Mordanschlägen und Verbannung von Gegnern in Arbeitslager. Wie im Fall Nawalny. Völlig inakzeptabel. Doch dahinter steckt Angst.

Bei Putin ist es die Angst vor dem persönlichen Machtverlust. So ergeht es wohl jedem Diktator oder Autokraten. Gerade, wenn er in die Jahre kommt. Deshalb geht kaum einer von ihnen freiwillig. Auch Putin wird das nicht tun. Gleichzeitig sollte der Westen bei allem Respekt vor Nawalnys Schicksal und Mitgefühl trotzdem seine politischen Ziele und Inhalte hinterfragen. Mit der Strategie "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" hat man in der Vergangenheit öfters, gerade auch in Nachfolgestaaten der Sowjetunion, Schiffbruch erlitten.

Vor allem geht es um die Angst Russlands vor dem Verlust seines weltpolitischen Einflussbereichs und um das Trauma vom Beginn des Großen Vaterländischen Krieges mit Millionen Opfern. Da war man schutzlos und unvorbereitet der übermächtigen Militärmaschinerie der Wehrmacht ausgeliefert und einer Niederlage nah. Dieses Trauma will Russland nicht noch einmal erfahren. In der DDR hat man diese Angst über 40 Jahre tagtäglich durch die Präsenz der sowjetischen Truppen spüren können. Sie wurde durch diese militärische Machtdemonstration kompensiert.

Deshalb ist für viele Russen auch Gorbatschow kein Held, sondern ein Verräter ihrer Interessen. Er hat in ihren Augen diesen einstigen Machtbereich durch die deutsche Einheit und den Abzug der Soldaten aus Deutschland und auch Osteuropa preisgegeben, ohne vertraglich fixierte Sicherheitsgarantien. Zum Beispiel den Verzicht der Nato auf eine Osterweiterung. Seit Jahrzehnten wird darüber gestritten, ob es ein derartiges Versprechen Helmut Kohls gegeben hat. Hätte Gorbatschow sonst zugestimmt? Viele Ostdeutsche zweifeln jedenfalls daran, ob Nato-Manöver mit Bundeswehrbeteiligung in Lettland oder Estland, an der Westgrenze Russlands, eine gute Idee seien oder eher wie eine Provokation wirkten. Säbelrasseln hat noch nie Konflikte gelöst. 

Politische Koexistenz und Wandel durch Annäherung statt Sanktionen

Die Alternative zur momentanen Konfrontation wäre ein Begriff aus dem Kalten Krieg: friedliche Koexistenz. Stattdessen geht es in der Auseinandersetzung mit Russland offensichtlich um einen Regimewechsel. An der Destabilisierung einer Atommacht, noch dazu am Rande Europas, kann niemand wirklich Interesse haben, ohne zu wissen, was danach kommt. Und das weiß keiner. Auch der harsche Ton des amerikanischen Präsidenten gegenüber Russland auf der Münchner Sicherheitskonferenz ist ebenso wenig hilfreich wie das ständige Drohen mit neuen Sanktionen. Beides verschlechtert die Situation.

Merkel und Putin nach ihrem Treffen auf Schloss Meseberg
Kann es zwischen Deutschland und Russland wieder zu einer Politik der Annäherung kommen? Bildrechte: IMAGO

"Russland hat wohl im Moment genug von uns und unseren permanenten Vorwürfen", bilanziert Matthias Platzeck, Sprecher des Deutsch-Russischen Forums in der "Berliner Zeitung". "Politisch haben wir immer diesen erhobenen Zeigefinger, wir wissen alles besser, wir wissen genau, wie es geht, und die Welt darf nur so organisiert sein, wie wir es für richtig halten."

Es gibt sicher nicht wenige Ostdeutsche, die dieses Gefühl aus ihrer eigenen Lebenserfahrung nachvollziehen können. Auch das bringt sie den Russen näher. Es ist auch diplomatisch der völlig falsche Weg. Denn sowohl die USA als auch die EU sind auf Russland zur Lösung internationaler Konflikte angewiesen. Auch kann es beiden nicht egal sein, dass sich Russland geopolitisch immer stärker China annähert und damit eine starke Allianz gegen den Westen schmiedet.

Stattdessen braucht es eine Strategie zur Entspannung des Konflikts. Auch da bietet die Vergangenheit eine Anleihe, die gerade für die Ostdeutschen am Ende mit der deutschen Einheit zum Erfolg führte: Wandel durch Annäherung. Erfunden durch Willy Brandt. Sie basierte auf einer stabilen wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen der damaligen Sowjetunion und der Bundesrepublik. Zum Beispiel mit der zuverlässigen Lieferung von Erdgas seit 50 Jahren. Begleitet von einem engen politischen Austausch. 

Außerdem sollten wir als Deutsche die gemeinsame Geschichte unserer Länder nicht aus den Augen verlieren. Ostdeutschen ist sie bewusster als vielen Landsleuten im Westen. 2021 jährt sich zum 80. Mal der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. Allein die Erinnerung daran rechtfertige kein Fehlverhalten der russischen Politik heute, meinte Bundespräsident Steinmeier in der "Rheinischen Post", "… aber das größere Bild dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren. Ja, wir leben in der Gegenwart eines schwierigen Verhältnisses, aber es gibt eine Vergangenheit davor und eine Zukunft danach."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 21. Februar 2021 | 06:00 Uhr

165 Kommentare

MDR-Team vor 17 Wochen

Hallo Kritiker,
wir sind uns darüber bewusst, dass in der politischen und medialen Debatte wiederkehrend über die politischen Umstände Russlands diskutiert wird. Wir verweisen an dieser Stelle auf einen Auszug eines Artikels der Welt [Putins System ist weder Demokratie noch Diktatur] der die Diskussion gut zusammenfasst: "Eine Demokratie ist Russland nicht, eine lupenreine schon gar nicht. Eine Diktatur reinsten Wassers aber auch nicht. Seit Wladimir Putin Präsident ist, scheint sich hier ein neues politisches Zwitterwesen herauszubilden. Das hat mit der langen Geschichte der Unfreiheit und der kurzen Geschichte der Freiheit in Russland zu tun."
Mehr Informationen zu diesem Thema findet sich auch bei der Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/internationales/europa/russland/47940/verfassungsordnung-versus-politische-realitaet
Liebe Grüße aus der MDR.de-Redaktion

Kritiker vor 17 Wochen

@Wessi: Nö, abwarten bis auch Russland, bzw. seine Führung und entsprechende Repräsentanten solche Worte verlauten lassen, wenn es nicht schon gewesen ist. Die Ausweisung von Diplomaten aus Russland, wie die Gegenreaktion für russische Diplomaten, die hier ausgewiesen wurden setzen solche Einschätzungen "die Haube auf"!
Ist doch bekanntlich diktatorische Grundlage, wenn man sich als Präsident wünscht das andere sich nicht in die eigenen Angelegenheiten einmischen. Hatte sicher bei Honecker und Co bestand und wird auch immer weiter Bestand haben in kommunistisch geführte Staaten. Also was sagt es? Diktaturen wollen sich nicht belehren lassen und umgekehrt meinen andere Staaten und deren Führungen das sie etwas in entsprechenden Staaten nach eigenem Maßstab bemessen wollen.

Bernd1951 vor 17 Wochen

Hallo ElBuffo,
zumindest zu den Kommunalwahlen 1989 war es meiner Erinnerung nach anders. In den Wahllokalen mit Wahlurnen wurde ordentlich ausgezählt. Dort konnte die Auszählung der Stimmen von den Wählern überwacht werden, obwohl das nicht gern gesehen wurde. Diese "Wahlbeobachter" trugen dann die Ergebnisse zusammen. Bei der Veröffentlichung der offiziellen Wahlresultate trat dann folgendes auf: Die Summe der Gegenstimmen in den "durch Wahlbeobachter überwachten" Wahlkreisen war viel höher als die veröffentlichte Gegenstimmenzahl dieser Wahlkreise in den Medien. Zu den Räumen, in denen die Briefwahlstimmen ausgezählt wurden, hatten die "Wahlbeobachter" keinen Zutritt. Es ist aber anzunehmen, dass der Anteil der Gegenstimmen dort noch höher war. Es war nach dem damals gültigen Wahlgesetz der größten und schönsten DDR der Weltgeschichte nur dann eine Gegenstimme, wenn jeder Name der Einheitsliste der Nationalen Front einzeln durchgestrichen wurde.

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