Astronaut Matthias Maurer bei seinem Außeneinsatz an der Raumstation.
Der Astronaut Matthias Maurer arbeitet bei seinem Außeneinsatz an der Raumstation ISS. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Wire

Interview mit Politikwissenschaftlerin USA, Russland und China dominieren: Wo Europa im Wettlauf um den Weltraum steht

18. Juni 2024, 10:58 Uhr

Ob Wetterbericht, Börsenhandel oder städtischer Verkehr – Weltraumtechnik ist in unserem Alltag gegenwärtig. Sie ist aber auch in Sachen Sicherheitspolitik und Wirtschaftswachstum zu einem wichtigen Faktor geworden. Die Chemnitzer Politikwissenschaftlerin Antje Nötzold forscht zum "Strategischen Wettbewerb um den Weltraum" und erklärt im Interview, wo Deutschland und Europa im Kampf um die Vormachtstellung im All stehen.

Ging es früher noch darum, wer den ersten Fuß auf den Mond setzte, so ist Weltraumpolitik mittlerweile zur Realpolitik geworden. Unsere Kommunikation, Banking, die Börsen, Landwirtschaft und inzwischen auch die moderne Kriegsführung sind von Satelliten und anderen technischen Systemen im Weltraum abhängig. Neben politischen Interessen geht es auch um wirtschaftliche: Das Beratungsunternehmen McKinsey schätzt, dass im Jahr 2035 in der Weltraumwirtschaft 1,8 Billionen US-Dollar umgesetzt werden.

Zwischen den Weltraumgroßmächten USA, China, Indien, Japan, Russland und Europa ist ein Wettstreit um den Weltraum gestartet. Dieser läuft jedoch nicht nur zwischen den Staaten – auch Unternehmen mischen mit. Über 6.000 der insgesamt 9.500 Satelliten im All gehören zum Starlink-System, das vom US-Unternehmen SpaceX betrieben wird, bei dem Elon Musk Geschäftsführer ist.

Die Chemnitzer Politikwissenschaftlerin Antje Nötzold forscht zu Sicherheit, Konflikten und Rivalität im Weltraum.
Die Chemnitzer Politikwissenschaftlerin Antje Nötzold forscht zu Sicherheit, Konflikten und Rivalität im Weltraum. Bildrechte: DITF

Die Politikwissenschaftlerin Dr. Antje Nötzold von der TU Chemnitz forscht zum Wettbewerb im Weltraum und hat zuletzt mit anderen Autoren ein Buch dazu veröffentlicht. Im Interview erklärt sie, wo Europa in diesem Wettlauf steht und was dieser für Auswirkungen auf unser alltägliches Leben hat.

Früher war es eine Art utopischer Traum, andere Planeten zu betreten, heute bedeutet Raumfahrt auch Realpolitik. Wie betrifft uns Bürgerinnen und Bürger Weltraumpolitik in unserem Alltag?

Antje Nötzold: Wir kommen täglich mehrmals mit dem Weltraum in Berührung – ob uns das bewusst ist oder nicht. Da geht es nicht nur um den Wetterbericht, um Fernsehen oder um Kommunikation. Weltraumsysteme sind ein essentieller Bestandteil unseres täglichen Lebens. Wir haben Navigationssysteme, die darüber funktionieren. Der Schiff- und Flugverkehr wird darüber abgewickelt, auch der öffentliche Personennahverkehr darüber koordiniert. Das geht hin bis zu hochpräzisen Zeitsignalen, die über Satellit erfolgen. Die regulieren nicht nur den Börsenhandel mit, sondern auch Geldautomaten, damit wir Geld abheben können. Wir sind in unserer modernen Gesellschaft vielfältig verknüpft mit Weltraumsystemen.

Es gibt immer mehr Raketenstarts. Was treibt die Entwicklung voran?

Antje Nötzold: Wir haben mittlerweile nicht nur staatliche, sondern auch private Akteure. Das war der Game-Changer in den letzten 15 Jahren, dass auch Unternehmen wie SpaceX eingestiegen sind und eigene Raketen entwickelt haben, die wiederverwertbar sind. Das hat die Kosten für Raketenstarts bis zu 90 Prozent seit den 2000er-Jahren gesenkt. Damit wird es wesentlich günstiger, mehr Systeme und kleinere Systeme in den Weltraum zu bringen und hat damit auch mehr Staaten den Zugang zum Weltraum zu ermöglicht.

Im Weltraum gab es lange Zeit einen Zweikampf um die Vormachtstellung zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion. Wie ist die Lage heute?

Antje Nötzold: Wir können von sechs Weltraum-Großmächten sprechen. Das sind zum einen die USA und Russland als Nachfolger der Sowjetunion. Wir haben aber auch die Europäer, die sich mit der ESA, der Europäischen Weltraumorganisation, in dem Bereich entwickelt haben. Wir haben Japan, und als letztes hinzugekommen sind auch China und Indien. Warum Weltraum-Großmächte? Weil sie über einen autonomen Zugang zum Weltraum und umfangreiche Fähigkeiten im Weltraum verfügen. Momentan haben wir vor allen Dingen den Wettstreit zwischen den USA und China, deren Rivalität nicht nur auf der Erde ausgetragen wird, sondern sich auch in den Weltraum übertragen hat. China fordert mit rasant gewachsenen Fähigkeiten die USA heraus, die seit den 1990er-Jahren im Weltraum vorherrschend ist. Mittlerweile ist China das dritte Land, welches zu bemannter Raumfahrt fähig ist und das erste, das eine Sonde mit Proben von der der Erde abgewandten Seite des Mondes auf die Erde bringt.

Warum ist es wichtig, dass Europa das Feld nicht den anderen Ländern überlässt?

Antje Nötzold: Europäische Systeme sind in vielen Bereichen wettbewerbs- und hochleistungsfähig. Nehmen wir Galileo, das europäische GPS. Oder das europäische Erdbeobachtungsprogramm Copernikus. Dies wird immer wieder als der Goldstandard der Erdbeobachtung bezeichnet. Beides sind hocheffiziente Systeme. Aber bei uns läuft deswegen noch lange nicht alles rund. Wir haben seit dem russischen Angriff auf die Ukraine unseren autonomen Zugang zum Weltraum verloren, weil wir seitdem keine russischen Sojus-Raketen mehr nutzen. Unsere Eigenentwicklung, die Ariane 6, ist verspätet. Das heißt, wir hatten seit Anfang 2022 keine eigenen Raketen, um Satelliten ins All zu befördern. Wir mussten unsere Systeme beispielsweise über SpaceX in den Weltraum bringen lassen.

Kann die Europäische Weltraumorganisation ESA mit Weltraummächten wie China und den USA nachziehen?

Antje Nötzold: Zum einen ist die Frage, wobei will man denn nachziehen? Am Anfang hatten Sie die Raumfahrt hier im Interview auch als Möglichkeit bezeichnet, andere Planeten betreten zu können. In den Explorationsbereichen (Anmerkung der Redaktion: geografische Erkundungen) und in der bemannten Raumfahrt will die ESA gar nicht autonom werden, das kann sie sch auch gar nicht leisten. Hier kooperiert man. Das sind auch die Bereiche, wo es am meisten internationale Kooperation gibt.

Was im Fokus steht, ist der eigene Zugang zum Weltraum mit den eigenen wichtigen Systemen. Man plant – zwar auch wieder mit Diskussionen – ein eigenes Satellitenkommunikationssystem aufzubauen, das sogenannte Iris². Dies soll autonomes Handeln ermöglichen und verhindern, auf Starlink oder andere kommerzielle Systeme zurückgreifen zu müssen. Zudem will man auch den sogenannten New Space Sektor, also den kommerziellen Sektor, in Europa stärker voranbringen und Innovationen fördern. Generell ist leider die ESA, die natürlich von Staaten finanziert wird, aber auch die deutsche Weltraumpolitik zu wenig finanziell unterfüttert.

Beim Wettstreit um den Weltraum geht es vor allem um macht- und sicherheitspolitische Interessen. Gibt es Beispiele für eine solche moderne Kriegsführung?

Antje Nötzold: Man muss sagen, dass Starlink einen ganz wesentlichen Beitrag dazu geleistet hat, dass es der Ukraine gelungen ist, sich zu verteidigen. Der Krieg gegen die Ukraine, der russische Angriff, begann im Weltraum, mit einem russischen Cyberangriff auf ein das Viasat Satellitennetzwerks, das Breitband-Internet bereitstellt, eine Stunde vor Beginn des Angriffs. Sie haben damit versucht, die ukrainische Kommunikation zwischen der Regierung und dem Militär zu stören und lahmzulegen.

Durch die innerhalb weniger Tage zur Verfügung gestellten Starlink-Terminals ist es der Ukraine gelungen, ihre Kommunikation aufrecht zu erhalten und damit ihre Verteidigung zu organisieren. Jetzt ist Starlink ein System für satellitenbasiertes Internet vom US-Unternehmen SpaceX. SpaceX wird von Elon Musk, als Gründer, Besitzer und CEO dominiert. Das heißt, SpaceX wird von einer Person geführt, und die könnte theoretisch auch über die Einsatzfähigkeit von Starlink entscheiden.

Es gab immer wieder Berichte über sogenanntes Geofencing von Starlink in der Ukraine. Das heißt, dass Starlink in einzelnen Bereichen nicht freigeschaltet wurde und nicht zugänglich war, wie beispielsweise auf der Krim oder auch an der Frontlinie. Andererseits hört man von verschiedenen Stimmen aus US-Kreisen, dass das gar nicht so stattgefunden hat und es derartige Einschränkung gab. Es gibt ja auch Berichte, dass mittlerweile selbst Russland versucht, auf Starlink-Systeme zuzugreifen. Das zeigt, wie wichtig diese weltraumbasierten Kommunikationssysteme sind.

Man hat es über diese Satellitennavigations- und -kommunikationssysteme auch geschafft, die Angriffe schneller und präziser ausführen zu können. Es wurden auch viele andere, gerade kommerzielle Systeme, der Ukraine zur Verfügung gestellt, auf die sie zurückgreifen konnte, die große militärische Bedeutung haben. Sie haben durch Erdbeobachtung die Möglichkeit, in Echtzeit ein Lagebild zu erfassen, durch verschiedene Radarsatelliten auch in der Nacht, auch durch Bewölkung. In der Ukraine wird deutlich, das über diese weltraumbasierten Systeme nicht nur moderne Kriegsführung erfolgt. Über kommerzielle Systeme können auch Staaten darauf zurückgreifen, die keine eigenen Weltraumsysteme haben.  

Das Gespräch führte Philipp Baumgärtner.

MDR (cbr)

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