Bezahlbarer Wohnraum Wien: ein Mieten-Modell für Deutschland?

Jeder fünfte Haushalt in Wien lebt in einem "gemeinnützigen Wohnungsbau". Dabei muss bei diesem bezahlbaren Wohnraum nicht auf Komfort verzichtet werden, wie das Sonnwendviertel zeigt. Wie bekommt Wien das hin?

Sonnwendviertel Wien, 29. 03. 2020 Stadtentwicklungsgebiet Sonnwendviertel
Das Sonnwendviertel in Wien ist ein neuer Staddteil und fast fertig: mit 5.000 Wohnungen für 13.000 Menschen. Bildrechte: imago images/SKATA

Berlin, München, Hamburg – aber auch Leipzig oder Dresden: Die Mieten in deutschen Großstädten sind in den letzten Jahren geradezu explodiert. Selbst in ostdeutschen Großstädten sind Wohnungen bei Neuvermietungen und vor allem in Neubauten selten noch unter 10 Euro/qm kalt zu bekommen. Sozialer Wohnungsbau findet kaum statt und die Wohnungen sind ohnehin nur für wirklich Einkommensschwache zu haben, Stichwort WBS/ Wohnberechtigungsschein. Doch es geht auch anders. Wieder einmal zeigt Österreich, wie man es besser machen kann.

Wiener Wohnen im Sonnwendviertel – in ist, wer drin ist

Wien, 10. Bezirk, direkt am Hauptbahnhof – willkommen im Sonnwendviertel! Hier sieht man das, was die Stadt Leipzig und private Investoren seit Jahren versprechen und einfach nicht hinbekommen: einen neuen Stadtteil mit vielen bezahlbaren Wohnungen, Kitas, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und ganz viel Grün. Während die Areale am Leipziger Hauptbahnhof oder am Bayrischen Bahnhof noch immer brachliegen, entstanden hier in den letzten Jahren Tausende Wohnungen, zwei Drittel davon im sogenannten gemeinnützigen Wohnungsbau. Der neue Stadtteil, geplant mit insgesamt 5.000 Wohnungen für 13.000 Menschen ist fast fertig. An einigen Bauten wird noch gewerkelt und auch die Fußgängerpassage ist noch nicht durchgängig begehbar – doch das Viertel wirkt schon jetzt belebt.

Alexander Gluttig
Alexander Gluttig ist der Chef der Gemeinnützigen Ein- und Mehrfamilienhäuser Baugenossenschaft. Bildrechte: Umschau

5.000 Wohnungen für 13.000 Menschen

Alexander Gluttig, Chef der EBG, der Gemeinnützigen Ein- und Mehrfamilienhäuser Baugenossenschaft, zeigt uns die von ihm im Sonnwendviertel gebaute Anlage. Zugegeben, eins der Wiener Vorzeigeprojekte – von denen die Stadt aber viele hat. 436 Wohnungen hat allein die EBG gebaut, modern, hell, teils mit offenen Küchenbereichen und natürlich alle mit Balkon – und das für 7,60 bis 8 Euro pro Quadratmeter Nutzungsentgelt. In Deutschland würde man sagen Kaltmiete, nur dass in Österreich im Nutzungsentgelt schon diverse Betriebskosten wie Wasser, Müllabfuhr oder Hausmeister enthalten sind – nur Heizung und Strom kommen noch extra hinzu.

Viele Freizeitangebote inklusive

Der Clou der Anlage sind die vielen Gemeinschaftseinrichtungen: Spielplätze, Fahrradgarage, Dachterrassen zum Sonnen mit Blick über ganz Wien, ein kleines Kino, das man sich privat und ohne Extrakosten für einen DVD-Abend mit Freunden oder Familie reservieren kann. Es gibt Mieter-Hochbeete, Indoorspielplätze, einen Boulderraum zum Klettern und sogar ein Schwimmbad mit drei Saunen in den "Geschmacksrichtungen" Finnisch, Bio und Dampf. 

"Ein Schwimmbad hat natürlich nicht jedes Wohnhaus, aber in dem Fall haben wir uns dazu entschieden, ein öffentliches Schwimmbad in das Objekt zu integrieren. Das heißt, die Bewohner und Bewohnerinnen, die hier wohnen zahlen keinen Eintritt, sondern nur die, die hier nicht wohnen. Es ist ein großes Highlight des Projekts. So richtig rechnet sich das eigentlich nicht, aber es stößt uns auch nicht in Unkosten. Und das geht nur bei sehr großen Projekten, wo die Gesamtbaukosten sehr hoch sind. Bei kleineren Projekten wäre das nicht leistbar", erklärt Alexander Gluttig.

110 Quadratmeter für 880 Euro Miete im Monat

Gerhard Weisskircher, Facility Manager und eine Art oberster Hausmeister der Anlage, lässt uns in eine Wohnung. Es ist die Wohnung seiner Tochter, die hier mit ihrem Freund in drei Zimmern plus zwei Balkonen auf 110 Quadratmetern wohnt – für 880 Euro Miete im Monat. In Berlin oder München undenkbar und auch in Leipzig, Dresden oder Jena wohl längst nicht mehr zu diesem Preis zu bekommen.  

Hausmeister Gerhard Weisskircher
Gerhard Weisskircher, Facility Manager und eine Art oberster Hausmeister der Anlage im Sonnwendviertel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Alexander Glutig verschweigt nicht, dass es für solche Wohnungen oft lange Wartelisten gibt: "Grundsätzlich dauert so ein Projekt, wenn alles gut läuft, zwischen drei und fünf Jahren. Die Anmeldung ist meistens schon vor Baubeginn möglich. Wir haben dann oft mehrere tausend Anmeldungen. Wir prüfen dann natürlich, ob die Bewerber die Kriterien einhalten, also das Einkommen oder dass die größeren Wohnungen auch Familien mit mehr Kindern bekommen und wir schauen, dass Alleinerzieherinnen vielleicht auch mehr Unterstützung bekommen. Grundsätzlich werden die Wohnungen aber nach der Anmeldeliste vergeben, d.h. wer zuerst kommt und die Kriterien erfüllt, der darf dann auch hier wohnen."

Sonnwendviertel kein Einzelfall

Solche Anlagen wie im Sonnwendviertel gibt es viele – und es entstehen ständig neue. Seit dem Fall des eisernen Vorhangs vor über 30 Jahren wuchs die Einwohnerzahl Wiens um 400.000 Menschen. Inzwischen hat Wien mehr Einwohner als Hamburg und ist damit die zweitgrößte Stadt im deutschsprachigen Raum.

Im Stadtteil Floridsdorf im 21. Wiener Bezirk zeigt uns Niklas Blöch eine Wohnung, die unmittelbar vor der Vermietung steht: Ca. 105 Quadratmeter, vier Zimmer, offene Küche, großer Abstellraum, Schlafzimmer mit einer großen Nische für einen begehbaren Kleiderschrank, Bad und WC getrennt, Fenster mit extra Lüftung, Jalousien und natürlich Balkon. Alles wirkt sehr hochwertig. Hier liegt der Quadratmeter Nutzungsentgelt bei zehn Euro. Niklas Blöch ist für das Projektmanagement zuständig. Sein Arbeitgeber, die Projektbau, ist eine Tochter der Sozialbau AG, eines der größten gemeinnützigen Bauunternehmen Österreichs.

Niklas Blöch
Niklas Blöch ist für das Projektmanagement von "Gemeinnützigen" im 21. Wiener Bezirk zuständig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zauberwort "Gemeinnützig"

"Gemeinnützig" – oder auch gemeinnütziges Bauen oder Wohnen – das ist das Zauberwort, das für diese Art bezahlbaren Wohnraums steht. Das Modell ist denkbar einfach: Die gemeinnützigen Unternehmen zahlen keine Steuern und dürfen dafür (fast) keine Gewinne machen – weder beim Bau der Wohnungen noch bei deren Vermietung.

Bernd Rießmann, Verbandsobmann vom Österreichischen Verband gemeinnütziger Bauvereinigungen erklärt das Prinzip so: "Der gemeinnützige Sektor hat die Tradition, auf 35 bis 40 Jahre die Rückzahlung der Finanzierungen zu organisieren. Und aufgrund dessen ergibt sich eine sehr niedrige Anfangsmiete. Und über die 35 Jahre wird zurückgezahlt. Und genau das darf man als Miete verrechnen und nicht mehr, auch wenn der Standort vielleicht viel mehr hergeben würde."

Bernd Rießland
Bernd Rießland ist Verbandsobmann des Österreichischen Verbandes gemeinnütziger Bauvereinigungen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Prinzipien der Wohnungsgemeinnützigkeit

Im WGG sind die Grundprinzipien der Wohnungsgemeinnützigkeit verankert, die in ihrer Kombination ein Alleinstellungsmerkmal der GBVs sind. Im Gegenzug zu diesen Verpflichtungen sind gemeinnützige Bauvereinigungen im Rahmen der Haupt- und Nebengeschäfte von der Körperschaftssteuer befreit. Die Grundprinzipien sind:

Kostendeckung
GBVs müssen mit ihren Kunden ein angemessenes Entgelt vereinbaren. Dieses darf "nicht höher, aber auch nicht niedriger angesetzt werden", als sich aus den Kosten der Herstellung bzw. der Bewirtschaftung der Wohnhäuser ergibt ("Kostenmiete"). Auch Wohnungen, deren Finanzierungsdarlehen bereits getilgt sind, unterliegen dauerhaft einer Mietzinsbeschränkung, der so genannten Grundmiete.

Gewinnbeschränkung
Ertragskomponenten sind Bestandteil der kostendeckenden Preise. Sie sind bei den GBVs jedoch durch das WGG und verschiedene Verordnungen genau festgelegt und in ihrer Höhe begrenzt.

Vermögensbindung
Eigenkapital ist auf Dauer für gemeinnützige Zwecke gebunden. Dies wird durch eine Begrenzung der Gewinn-Ausschüttung an die Eigentümer und durch die Verpflichtung zur regelmäßigen Investition in den gemeinnützigen Wohnbau gewährleistet. Weiterhin dürfen Anteile an gemeinnützigen Bauvereinigungen lediglich zum Nennwert der seinerzeitigen Einlage veräußert werden (Nennwertprinzip).

Begrenzter Geschäftskreis
Eine gemeinnützige Bauvereinigung muss insbesondere folgende Hauptgeschäfte betreiben: Errichtung, Verwaltung und Sanierung von Wohnungen, Eigenheimen und Heimen im eigenen Namen. In untergeordnetem Maß sind Nebengeschäfte (z.B. Errichtung von Geschäftsräumen, Garagen und Gemeinschaftseinrichtungen) sowie – mit Zustimmung durch die Landesregierung - bestimmte Zusatzgeschäfte zulässig.

Personelle Einschränkung
GBVs müssen von Angehörigen des Baugewerbes unabhängig sein, um Koppelungsgeschäfte zum Nachteil der Kunden zu verhindern. Dies gilt vor allem für die Funktionäre von gemeinnützigen Unternehmen. Auch die Bezüge von Funktionären und Angestellten sind gesetzlich reguliert.

Revisionspflicht  
Alle gemeinnützigen Bauvereinigungen müssen einem Revisionsverband angehören und sich jährlich einer Prüfung durch unabhängige RevisorInnen unterziehen. Die Revision prüft nicht nur die Einhaltung der Bilanzierungsgrundsätze, sondern auch die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens, die Zweckmäßigkeit der Geschäftsführung sowie die Einhaltung der WGG-Bestimmungen.

Jeder fünfte Haushalts Wien lebt in "Gemeinnützigem Wohnungsbau"

Nicht nur Wien, ganz Österreich praktiziert dieses Modell. In Österreich gibt es (Stand Ende 2020) 185 gemeinnützige Wohnungsunternehmen (98 Genossenschaften, 77 GmbHs und zehn Aktiengesellschaften), die insgesamt 670.000 Wohnungen verwalten. Jeder fünfte Haushalt Österreichs lebt in einem "Gemeinnützigen". Bei Neubauten ist der Marktanteil noch höher.

Anders als beim sozialen Wohnungsbau in Deutschland, wo die Sozialbauten nur über einen Zeitraum von 15 oder 20 Jahren mietpreisgebunden, also günstig sind, müssen die Mieten hier dauerhaft günstig sein. Gewinne sind nicht erlaubt. Es kann sogar passieren, dass die Mieten sinken – nämlich dann, wenn ein Objekt abbezahlt ist – oder "ausfinanziert", wie man hier sagt.

"Wir sind im Neubau in der Größenordnung von sechs Euro bis sieben Euro je Quadratmeter. Das liegt doch um etwa 30 Prozent unter dem, was der sonstige Markt anbietet. Und ein wichtiges Element aus der gesetzlichen Grundlage ist auch, dass nach der Ausfinanzierungsphase, also nach den 35 Jahren, die Miete gesetzlich fixiert ist, in einer Höhe von 4,50 Euro. Und wenn die Objekte das entsprechende Alter erreicht haben, sinkt die Miete für die Bewohner in der Altsubstanz", so Verbandschef Rießland.

Von der OECD gelobt – in Deutschland abgeschafft

Während erst Ende letzten Jahres die OECD die österreichische Wohnungsgemeinnützigkeit als internationales "best-practice-Modell" lobte, ist man in Deutschland offenbar noch nicht gewillt, von der Alpenrepublik zu lernen. Dabei gab es auch hier einst ein ähnliches Modell – und zwar im Westen, in der alten Bundesrepublik. Auch hier konnten sich Bauunternehmen von der Steuer befreien lassen, wenn sie Wohnungen zum Selbstkostenpreis bauten und vermieteten. So entstanden nach dem 2. Weltkrieg 4,8 Millionen Wohnungen.

In den 1980er-Jahren gab es in Deutschland 1.800 gemeinnützige Bauunternehmen. Anfang der 1980er-Jahre erschütterte jedoch der Skandal um die gewerkschaftseigene "Neue Heimat" die Branche. Funktionäre des gemeinnützigen Unternehmens hatten in fragwürdige Projekte investiert und jede Menge Schulden angehäuft. Die "Neue Heimat" ging pleite. Der Anlass für die damalige Koalition von CDU/CSU und FDP unter Bundeskanzler Helmut Kohl, 1989 die Gemeinnützigkeit im Wohnungsbau abzuschaffen.

Jan Kuhnert
Immobilienexperte Jan Kuhnert kritisiert den Rückzug in Deutschland vom gemeinnützigen Wohnungsbau. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Immobilienexperte benennt Rückzug in Deutschland als einen "Fehler"

"Ein Fehler", sagt der Immobilienexperte Jan Kuhnert von der KUB Kommunal- und Unternehmensberatung GmbH. Der ehemalige Grünenpolitiker und heutige Unternehmensberater warnte schon 1989 vor der Abschaffung der Gemeinnützigkeit: "Ich habe als Sachverständiger in den Bundestagsausschüssen argumentiert, dass diese Mietbindung des gemeinnützigen Wohnungsbausektors eigentlich erst in den Folgejahren, also ab 1990, bedeutsam werden würde. Weil dann die großen Jahrgänge des sozialen Wohnungsbaus aus der Bindung auslaufen. Und beim gemeinnützigen Wohnungsbau hätten diese Wohnungen weiterhin in der Kostenbindung bleiben müssen und damit preiswert bleiben können."

Doch das sah die damalige Bundesregierung anders und erhoffte sich Steuermehreinnahmen, so Kuhnert, von etwa 100 Millionen D-Mark im Jahr: "Die Realität ist jedoch umgekehrt, es sind Milliarden an Mehraufwand entstanden." Viele der einstmals gemeinnützigen Wohnungen fielen den Kommunen zu, die städtischen Wohnungsgesellschaften waren aber nicht mehr steuerbefreit, mussten sich dem Wettbewerb stellen und viele Städte verkauften in den letzten Jahren große Teile ihrer Wohnungsbestände. Privatisierung hieß in Deutschland das Zauberwort.

Dramatischer Rückgang mietpreisgebundener Wohnungen in Deutschland

Seit 1990 ging der Bestand an mietpreisgebundenen Sozialwohnungen von vier Millionen auf eine Million zurück. Jährlich fallen ca. 60.000 bis 80.000 Wohnungen aus der Preisbindung – aber nur 25.000 werden neu gebaut – in ganz Deutschland. Pro Jahr gibt Deutschland etwa eine Milliarde Euro für den sozialen Wohnungsbau aus – und gleichzeitig 17 Milliarden für Wohngeld oder für Sozialhilfe- oder Hartz-IV-Bezieher.

Jan Kuhnert bilanziert: "Im Ergebnis der Aufhebung der Gemeinnützigkeit haben wir einen schlechten Umgang mit öffentlichen Mitteln. Wir haben jetzt einen Mehraufwand für die sogenannte Mietensubventionierung, also für die Subjektförderung. Dabei hätten wir ein großes Vermögen mit preiswerten Wohnraum erhalten können." 

Aktuelle Debatte über gemeinnützigen Wohnungsbau in Deutschland

Im aktuellen Bundestagswahlkampf versprechen die Parteien viele neue bezahlbare Wohnungen, vor allem mehr Neubau von Sozialwohnungen. Die Union und die FDP setzen auf den Markt – "bauen, bauen, bauen" lautet ihr Programm. Der Markt wird es schon richten.

SPD, Grüne und Linke wollen sich indes an Österreich orientieren und den gemeinnützigen Wohnungsbau wieder einführen. Das Thema wurde bereits vor einem Jahr im Bundestag diskutiert. Damals hatten die Grünen und die Linke Gesetzesvorschläge eingebracht, die im Bauausschuss diskutiert wurden. Während Mieterverbände eine neue Gemeinnützigkeit begrüßten, war vor allem die deutsche Immobilienwirtschaft dagegen. Von Sozialismus auf dem Immobilienmarkt war die Rede, gemeinnützige Wohnbauten würde eine Ghettobildung durch einkommensschwache Bewohner befördern – und das Hauptproblem für fehlenden Wohnraum sei ja eigentlich, dass es in Deutschland schlichtweg an Bauland fehlt. Über solche Argumente kann man in Österreich nur lächeln.

Befürchtung: Ghettobildung durch einkommensschwache Bewohner? – Unbegründet!

"Wir kennen die Argumente und finden die Diskussionen immer humorvoll. Die einen sagen, gemeinnütziger Wohnungsbau führt zur Ghettobildung der Armen und die anderen oder meist sogar die gleichen sagen dann zwei, drei Sätze weiter, hier leben ungerechtfertigterweise in diesem günstigen Wohnraum die mit dem hohen Einkommen. Allein, dass das gleichzeitig in der Diskussion immer auftritt zeigt schon, dass das System funktioniert", so Bernd Rießland, Verbandsobmann des Österreichischen Verbandes Gemeinnütziger Bauvereinigungen (ÖVGB).

70% aller Österreicher haben Anspruch auf eine "Gemeinnützige"

Jedes Bundesland hat seine eigenen Regeln. Um in eine gemeinnützig erbaute und damit preiswerte Wohnung einziehen zu dürfen, darf ein alleinstehender Wohnungssuchender in Wien jährlich nicht mehr als 47.740 Euro verdienen – netto wohlgemerkt.

Zum Vergleich: Das mittlere Jahreseinkommen von Arbeitern und Angestellten liegt in Österreich bei 29.458 Euro – brutto, so der offizielle Bericht des Rechnungshofes (Allgemeiner Einkommensbericht 2020). Eine dreiköpfige Familie darf netto nicht mehr als 80.500 Euro verdienen. Das heißt: In den Sozialbauten wohnen nicht nur die Ärmsten der Armen, sondern die ganz normale Mittelschicht. 70% aller Österreicher haben Anspruch auf eine Sozialwohnung.   

Günstig Wohnen am Wiener Prater

Dennis Pregesbauer gehört zu jenen 70%, die von diesem Modell profitieren. Der 29-Jährige arbeitet für die Tourismusagentur Österreichs und lebt seit knapp fünf Jahren in einer 2-Raum-Wohnung am Nordbahnhof, nicht weit vom berühmten Wiener Prater entfernt. 58 qm für 570 Euro. 120 Euro für Strom und Heizung kommen noch hinzu.

"Ich glaube, im internationalen Vergleich sind wir hier in Wien in einer sehr guten Lage. Ich höre aus meinem Freundeskreis, aus Dublin, aber auch aus dem deutschen Raum, wie Berlin oder Dortmund, dass dort die Preise höher sind. Wenn ich dann sage, wie viel ich zahle, fällt ihnen schon ein bisschen die Kinnlade runter. Ein Kollege von mir arbeitet in Dublin und wohnt dort in einer WG. Und der zahlt 1.500 Euro im Monat, also circa den dreifachen Betrag von dem, was ich für meine Wohnung zahle. Und das für ein Zimmerchen in einer WG", sagt Dennis Pregesbauer.

Dennis Pregesbauer
Dennis Pregesbauer ist mit dem Konzept "gemeinnütziger Wohnungsbau" als Mieter sehr zufrieden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch drin: ein Wohnungs-"Upgrade"

Auf Anraten seines Vaters bewarb er sich schon mit 18 Jahren auf eine Wohnung. Da er jedoch erst im Ausland studierte, u.a. in Kalifornien und Florida, benötigte er eine Wohnung erst nach seiner Rückkehr aus den USA. Dann ging alles sehr schnell. Nach einem Dreivierteljahr hatte er seine Wohnung, die zum Bestand des österreichischen Siedlungswerks gehört.

Die Mitgliedschaft in dieser Genossenschaft hat für ihn noch einen weiteren Vorteil: "Falls ich meine Wohnung upgraden möchte, also sage, ich möchte vielleicht ein paar Quadratmeter mehr oder ein Balkon, dann kann ich mich wieder beim österreichischen Siedlungswerk melden und bekomme neue Angebote von neuen freien Wohnungen. Eine feine Sache, weil diese eben auch wieder zu den günstigeren Konditionen wie meine jetzige geförderte Wohnung offeriert wird."

Pressestatement von Wiens Bürgermeister Michael Ludwig
"Das Wichtige ist, dass man schon bei der Grundstücksbevorratung beginnt", so Wiens Bürgermeister Michael Ludwig. Bildrechte: imago images/photosteinmaurer.com

Thema Bauland in Österreich

Auch in Österreich und speziell in Wien ist Bauland knapp. Doch die Stadt schafft es immer wieder, für größere Bauvorhaben Land zur Verfügung zu stellen, erklärt Bürgermeister Michael Ludwig, der lange Baustadtrad der Donaumetropole war: "Das Wichtige ist, dass man schon bei der Grundstücksbevorratung beginnt. Wir haben aus diesem Grund zwei Fonds eingerichtet in der Stadt. Mit der Wirtschaftsagentur, eine Einrichtung, die sich um Grundstücke für Wirtschaft, Gewerbe kümmert; und den Wohnfonds Wien, der rechtzeitig Grundstücke aufkauft und die dann mit Bauträgerwettbewerben dem gemeinnützigen, aber auch dem gewerblichen Wohnbau, zur Verfügung stellt."

Das ermögliche den geförderten Wohnbau, nicht so wie andere Großstädte, am Stadtrand, sondern in allen Bezirken durchzuführen – auch in Zukunft. "Das ist der Grund, warum wir die Bauordnung jetzt dahingehend geändert haben, dass bei allen Umwidmungen, z. B. wenn landwirtschaftliche Flächen in Bauland umgewidmet werden, dass verpflichtend 2/3 der errichteten Wohnungen geförderte und damit leistbare Wohnungen sein müssen", betont der Wiener Bürgermeister.

Michael Klien im Interview
Wirtschaftswissenschaftler Michael Klien betont, Gemeinnützigkeit löse keine Probleme auf kurze Sicht, sondern muss langfristig geplant werden. Bildrechte: Umschau

Vorteil für die Gesellschaft

Michael Klien und Gerhard Streicher vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung haben im Auftrag des Österreichischen Verbandes gemeinnütziger Bauvereinigungen untersucht, welche Effekte die Gemeinnützigkeit auf die Wirtschaft des Alpenlandes hat. Im Vergleich zu Wohnungen im freien, privaten Markt, haben die Haushalte im Schnitt 20% geringere Wohnkosten und pro Monat etwa 160 Euro mehr in der Tasche, was mehr privaten Konsum bedeutet und zugleich einen positiven Effekt auf die Wirtschaft hat.

"Für Österreich quantifizieren wir den Vorteil für das Bruttoinlandsprodukt im Jahr mit knapp einer Milliarde Euro, was hochgerechnet auf Deutschland, mal zehn, dann vielleicht zehn Milliarden Euro bedeuten würde“, so Wirtschaftswissenschaftler Michael Klien." Kurzfristig, so der Experte, dürfte eine Rückkehr Deutschland zum gemeinnützigen Bauen die Wohnungsprobleme nicht lösen. Gemeinnützigkeit sei ein langfristiges Projekt. Und dafür habe es in Deutschland in der Vergangenheit auf dem Wohnungsmarkt zu große Umwälzungen oder Privatisierungen gegeben. Aber, so Klien: "Nichts hält Deutschland oder die deutsche Wohnungspolitik davon ab, damit wieder zu beginnen und für die Zukunft eine Art Wohnkostenbremse wieder einzuziehen."

Quelle: MDR Umschau

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 07. September 2021 | 20:15 Uhr

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