NATO-Mission Bundeswehreinsatz in Afghanistan: Gekämpft wofür?

Tausende Soldaten sind traumatisiert, hunderte wurden schwer verletzt und 59 Soldaten bezahlten den Einsatz mit ihrem Leben. Das ist Teil der Bilanz des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan.

Bundeswehr in Afghanistan
Die Bundewehr ist auch in Afghanistan im Einsatz. Bildrechte: dpa

2011, also vor zehn Jahren, begann der Bundeswehreinsatz für Daniel Kleinow in Afghanistan. Und genau dieses Jahr war für die Bundeswehr ein besonders verlustreiches. Bei Einsätzen rund um Faizabad sah Daniel Kleinow große Armut – diese Armut zu bekämpfen und für den Wiederaufbau Afghanistans Sicherheit zu schaffen, waren Ziele des deutschen Engagements am Hindukusch.

Zehn Jahre später in Celle

Daniel Kleinow hat seine aktive Dienstzeit bei der Bundeswehr mittlerweile beendet. MDR FAKT trifft ihn in der Nähe von Celle in Niedersachsen. Auf die Frage, wie er das deutsche Engagement heute sieht und ob sich sein Einsatz gelohnt hat, sagt er:

Ex-Soldat Daniel Kleinow
Daniel Kleinow war 2011 für die Bundeswehr in Afghanistan. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Meine persönliche Meinung ist nein. Wenn man da jetzt hinguckt, was ist da jetzt? Es ist zurückgekehrt. Das, wofür man gekämpft oder wofür man dagewesen ist, ist doch jetzt alles wieder hinfällig. Ja, wir müssen natürlich den Leuten helfen, das ist ganz klar. Aber was bringt es jetzt noch? Zu dem Zeitpunkt haben wir denen geholfen, ja, aber für welchen Preis? Weil es ist jetzt genauso wie vorher, als wenn wir gar nicht da waren."

Anschlagswelle in Afghanistan 2020

Donald Trump
In Afghanistan gibt es heute mehr Opfer als vor zehn Jahren. Ex-Präsident Trump zog trotzdem weitere Soldatinnen und Soldaten ab. Bildrechte: dpa

Tatsächlich wird Afghanistan 2020 von einer grausamen Anschlagswelle erschüttert. Im Mai richteten radikal-islamische Terroristen ein Blutbad in einer Geburtsklinik an – 16 Frauen und Säuglinge werden regelrecht massakriert. Das Jahr 2020 war also ein weiteres sehr blutiges Jahr in Afghanistan. Ungeachtet der gefährlichen Lage zogen die Amerikaner vor wenigen Wochen weitere 2.000 Soldatinnen und Soldaten ab. Denn US-Ex-Präsident Donald Trump hatte den Taliban kurz vor Ende seiner Amtszeit zugesagt, alle US-Soldatinnen und -soldaten aus Afghanistan abzuziehen – und damit faktisch die ganze Nato-Mission beendet. Denn ohne die logistische Struktur der Amerikaner wären auch die rund 1.100 Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten in Afghanistan nicht in der Lage, ihre Mission zu erfüllen.

Hans-Peter Bartels, ehemaliger Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages, kritisiert die einseitigen Friedens-Verhandlungen des früheren Präsidenten Trump mit den Taliban und den überhasteten Abzug von US-Soldatinnen und Soldaten:

Experte Hans-Peter Bartels
Hans-Peter Bartels, langjähriger Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Also so eine Konstellation – ich wüsste nicht, wo in der Weltgeschichte es die schon gegeben hat, also dass der, der interveniert hat, erst den Separatfrieden schließt und sagt, dann sollen sich die anderen einigen. Gleichzeitig steigen die zivilen Opfer durch Talibananschläge in Afghanistan auf neue Rekordhöhen. Also es ist überhaupt nicht so, dass Gewalt reduziert worden wäre, sondern das Gewaltniveau steigt.

Gescheiterte Afghanistanpolitik des Westens

Zwei Soldaten in Afghanistan
In Afghanistan gibt es 2019 41 Prozent mehr Opfer als vor zehn Jahren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Steigende Opferzahlen und wachsende Armut am Hindukusch – die Afghanistanpolitik des Westens scheint gescheitert zu sein. Allein im Jahr 2019 zählte die UN über 10.000 zivile Opfer, davon 3.402 Tote. Das sind nach Angaben des Afghanischen Innenministeriums 41 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Warum gelingt es nicht, das Land zu stabilisieren? Wehrexperte Bartels sagt dazu:

"Die Lehre aus Afghanistan, wenn man lernen will, dann muss sie lauten: Wenn man sich engagiert, dann muss es schnell und massiv sein, dann muss es einheitlich geführt sein. Dann muss es ein klares Ziel geben. Dann muss es auch den Willen zum langen Atem geben. Also so zu tun, als wenn man das jeweils für ein halbes Jahr macht und dann muss man noch mal gucken, ob das funktioniert, das ist es auch nicht."

Traumatisiert, verletzt – oder tot

Tausende Soldaten sind traumatisiert, hunderte wurden schwer verletzt und 59 Soldaten bezahlten den Einsatz mit ihrem Leben.

Bartels sagt: "Die 59 Toten sind sicher auch immer ein Argument zu sagen, es kann uns nicht egal sein, was jetzt mit Afghanistan weiter geschieht. Also eine deutsche Haltung "Weg mit Schaden" – kann es eigentlich nicht geben. Also nicht für die Opfer, die gebracht wurden, aber andersherum auch nicht für die Erwartungen, die wir bei Millionen von Afghanen auf ein sicheres, besseres Leben geweckt haben."

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 23. Februar 2021 | 21:45 Uhr

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