Energiewende EU debattiert über Comeback der Atomenergie

In Glasgow hat am Sonntag der Weltklimagipfel begonnen. Dort geht es um die Frage, wie die Klimaziele von Paris doch noch erreicht werden. Denn die Europäische Union will bis 2050 klimaneutral werden. Dabei bekommt überraschend eine alte Technologie neuen Aufwind, die Atomenergie. Die Frage, die für Diskussionsstoff sorgt: Sollte die EU-Kommission die Atomkraft als nachhaltige Energiequelle einstufen und so künftige Investitionen in diesem Bereich fördern?

Reaktorgebäude des Atomkraftwerk Grohnde mit dem Brennelement-Lagerbecken
Experten sagen, dass der Bau und der Betrieb von Atomkraftwerken auf Dauer teurer ist als der Ausbau der Erneuerbaren Energien. Bildrechte: dpa

Lange hatte Ursula von der Leyen ausgeschlossen, dass Atomkraft und Erdgas auf die Liste nachhaltiger, klimafreundlicher Investitionen aufgenommen werden. Doch vor Kurzem hat sich das geändert.

Grüne: Druck kommt von Frankreich

Sven Giegold, Sprecher der Europagruppe der Grünen vermutet, dass das auf Druck von Frankreich und einiger osteuropäischer Länder passiert sein könnte. Die endgültige Entscheidung will die EU-Kommission Ende November fällen. Sven Giegold: "Hier wird offensichtlich versucht eine fatale Weichenstellung für die europäische Energiewende festzuzurren, während Deutschland keine voll funktionsfähige Regierung hat. Neue Atomkraftwerke sollten nicht als grüne, nachhaltige Investition bewertet werden. Und hier will offensichtlich die Europäische Kommission jetzt Fakten schaffen, und leider hat Angela Merkel beim letzten Rat hier grünes Licht gegeben. Sehr bedauerlich."

Es sei aus seiner Sicht nur eine kleine Allianz einiger Staaten, die dafür sorge, dass Investitionen künftig in die falsche Richtung gelenkt würden, sagt der Grünen-Politiker. Denn wer vermeintlich CO2-freie Atomkraft habe, investiere nicht mehr ausreichend in den Ausbau der Erneuerbaren Energien.

CDU/CSU: Mehrheiten für Atomenergie in anderen Ländern

Das sieht Markus Pieper völlig anders. Der parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Gruppe im Europaparlament sagt, dass es vor allem wichtig sei, dem Klimaziel näher zu kommen. Da sei es gut, wenn der Beschluss früher komme, denn Investitionen seien dringend nötig – egal ob es um Gas und Erneuerbare Energien gehe wie in Deutschland oder um Atomenergie wie in anderen europäischen Ländern.

Weiter sagt Markus Pieper: "Also, ich möchte mich zumindest nicht einmischen in Wege, die die Franzosen oder die Finnen für sinnvoll halten und die sie gemeinsam auch mit ihrer Bevölkerung gehen. Wenn auch die Mehrheit der europäischen Staaten tatsächlich der Meinung ist, dass Kernkraft für die Energiewende und für den Klimaschutz wichtig ist, dann sollten wir in Deutschland unseren Weg konsequent gehen, aber uns nicht in die Angelegenheiten anderer europäischer Staaten einmischen." Man müsse akzeptieren, dass es in anderen Ländern Mehrheiten für die Atomenergie gebe. Angesichts neuerer Forschungsergebnisse habe es da mancherorts eine Neubewertung gegeben.

Expertin: Atomenergie viel zu teuer

Und tatsächlich haben sich die Kräfteverhältnisse bei dem Thema verschoben: Insbesondere im Osten und Norden sehen einige EU-Mitgliedsstaaten die Atomenergie als ernstzunehmende Alternative zu den fossilen Energieträgern.

Über diese Entwicklung zeigt sich Klima-Expertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung irritiert. Es sei gut bekannt, dass Atomenergie viel zu teuer sei, sagt sie im Klima-Podcast von MDR AKTUELL. Keine Bank finanziere neue Atomkraftwerke. Das sei nur der Fall, wenn es sich um Staatskonzerne handele wie etwa in Frankreich.

In den Ländern, wo man eine freie Marktwirtschaft hat und echte Preisvergleiche, rentiere sich kein Atomkraftwerk – auch die neueren Anlagen nicht, sagt Kemfert weiter und erklärt: "Auch das haben wir uns in zahlreichen Studien angeschaut: keine neue Technik, bekannt aus den 50er-, 60er-Jahren, ähnliche Sicherheitsprobleme, Atommüllprobleme usw. und die Kosten sind einfach gigantisch. Man sieht jetzt auch beim Bau von neuen Reaktoren – Finnland beispielsweise: 15 Jahre Bauzeit, Kosten sind fünfmal so hoch als man das anvisiert hatte."

Es sei aus wirtschaftlicher Sicht in jedem Fall sinnvoller auf die wesentlich preisgünstigeren erneuerbaren Energien zu setzen, anstatt mit Milliardensummen Atomenergie zu subventionieren, konstatiert die Energieökonomin.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. November 2021 | 06:00 Uhr

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