Lage in der Ukraine Was, wenn es keine Banken und kein Bargeld mehr gibt?

Der Krieg in der Ukraine zerstört Städte und große Teile der Infrastruktur. Die Banken im Land sind bemüht, ihren Betrieb aufrechtzuerhalten. Wie lange das noch gelingt, ist ungewiss. Flüchtende Menschen versuchen, noch möglichst viel Bargeld mit ins Ausland zu nehmen.

Menschschlange vor Bankautomat
Zu Kriegsbeginn bildeten sich lange Schlangen an den Bankautomaten wie hier in Kiew. Bildrechte: IMAGO / Ukrinform

Der Krieg in der Ukraine dauert seit über einer Woche an. Nach UN-Angaben sind mehr als 1,2 Millionen Menschen bereits aus dem Land geflohen. Dennoch wird versucht, die kritische Infrastruktur, zu der auch Banken und Geldautomaten gehören, aufrecht zu erhalten. Das ist längst nicht mehr überall möglich – besonders dort nicht, wo russische Truppen Dörfer und Städte besetzt haben.

Menschen heben Bargeld für die Flucht ab

Im Land herrscht Kriegsrecht und die Bargeldausgabe ist dadurch nur begrenzt möglich. Menschen, die fliehen, versuchen, häufig noch Geld abzuheben, berichten Korrespondenten. Möglich ist das jedoch nur an Automaten, die noch von den Banken beliefert werden. Viele männliche Bank-Mitarbeiter stehen durch die Mobilmachung nicht mehr zur Verfügung, auch gepanzerte Fahrzeuge für den Geldtransport sind knapp. Sie werden für den Krieg dringender gebraucht. Die Privatbank – die größte Bank der Ukraine – fragte öffentlich nach gepanzerten Fahrzeugen für die Auslieferung.

Auch die österreichische Raiffeisenbank, die 390 Filialen in der Ukraine betreibt, ist bemüht, die Bargeldausgabe weiter zu ermöglichen. Deren Sprecher Christof Danz beschreibt die widrige Situation der Mitarbeitenden: "Menschen arbeiten aus den schwierigsten Orten heraus, um das System aufrecht zu erhalten." In gemeinsamen Videokonferenzen sei ihre Angst zu spüren, aber auch die große Motivation, weiter zu machen. Wo sich Mitarbeitende befinden, sei geheim. Denn auch sie können zum Ziel werden, das sei "Teil der Kriegsführung".

Kritische Infrastruktur nur in Teilen des Landes intakt

Unser MDR-Ostblogger Denis Trubetskoy floh vor wenigen Tagen aus Kiew. Ihm war es möglich, während der Flucht noch Bargeld abzuheben. "Umgerechnet kann man etwas weniger als 1.000 Euro abheben. Es gibt aber Orte, wo es gar nicht mehr geht". Besonders im ländlichen Raum sei es nicht einfach, an Bargeld zu kommen, sagt er. Geld aus dem Ausland zu empfangen, funktioniere jedoch weiterhin. Das berichten auch andere Korrespondenten.

Ostblogger Denis Trubetskoy
MDR-Ostblogger Denis Trubetskoy konnte bei der Flucht aus Kiew noch Bargeld abheben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Experte: "Im schlimmsten Falle Tauschwirtschaft"

Die Situation könnte sich jedoch weiter zuspitzen und der Betrieb von Banken und Geldautomaten eingestellt werden. Doch was passiert dann? "Ein Zusammenbruch der kritischen Infrastruktur dürfte im schlimmsten Falle in einer Tauschwirtschaft und im Devisenhandel auf dem Schwarzmarkt führen", sagt der Finanzmarktexperte Michael Koetter vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle. Außerdem, fügt er hinzu, würde eine Verknappung der Geldmenge die Preise in die Höhe treiben.

Wechselkurse deutlich verschlechtert

Ein ähnlicher Mechanismus ist bereits an den Geldwechselstuben in Grenznähe zu beobachten. Dort habe sich der Wechselkurs in den letzten Tagen kontinuierlich verschlechtert, berichtet die ukrainische Journalistin Lene Dej. Immerhin sei es aber überhaupt noch möglich, Geld zu wechseln. Auf die Frage, ob die Leute Geld dabei hätten, sagt sie: "Die meisten der Menschen haben etwas mit."

Menschen brauchen auch finanziell eine Perspektive

Während im Land noch um die Aufrechterhaltung der Strukturen gekämpft wird, verlassen Hunderttausende die Ukraine. Viele von ihnen werden auf finanzielle Hilfe angewiesen sein, sagt Michael Koetter. Er hält es für wichtig, diese "Erstversorgung" schnellstmöglich zu leisten und ihnen anschließend mit Arbeitserlaubnissen und Aufenthaltstiteln unter die Arme zu greifen.

Prof. Michael Koetter, Finanzmarktexperte IWH
Finanzmarktexperte Prof. Michael Koetter vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle fordert finanzielle Hilfen aus dem Rest Europas. Bildrechte: Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle

Das sei auch langfristig ökonomisch sinnvoll und stelle "den angemessen respektvollen Umgang mit diesen Menschen dar, die sich heldenhaft und ohne Rücksicht auf das eigene Leben für unsere demokratischen Werte gegen die russische Aggression zur Wehr setzen", so der Finanzexperte.

Quelle: phb

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 03. März 2022 | 21:45 Uhr

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