Faktencheck Brauchen wir Nord Stream 2?

Die Gas-Pipeline Nord Stream 2 soll Europa mit Gas aus Russland versorgen. Doch seit dem Giftanschlag auf den Kreml-Kritiker Nawalny mehren sich Stimmen, die ein Ende des Projekts fordern. Dazu gehört auch Franziska Schubert, Fraktionschefin der Grünen im Sächsischen Landtag. Sie sagt, Nord Stream 2 sei energiepolitisch nicht nötig: "Man kann sogar sagen, dass unsere Gasversorgung bisher nicht mal ausgelastet ist." Aber stimmt das?

Das russische Verlegeschiff €žAkademik Tscherski“ liegt im Hafen Mukran auf der Insel Rügen.
Bildrechte: dpa

Franziska Schubert, Grünen-Fraktionsvorsitzende im Sächsischen Landtag, will Nord Stream 2 stoppen: "Es ist nicht profitabel und es ist energiepolitisch nicht notwendig. Also die Gasversorgung in Deutschland ist sehr breit und divers auch aufgestellt. Ein Engpass ist nicht zu erwarten." Stimmt das wirklich?

Vorerst keine Gas-Engpässe zu erwarten

Nur wenige Deutsche kennen den Gasmarkt so gut wie Heiko Lohmann. Der Journalist schreibt für Fachzeitschriften rund ums Gas, verfasst jährlich einen Branchenreport. Er sagt: Es stimmt. Engpässe beim Gas gebe es in Deutschland derzeit nicht.

Mehrere Leitungen könnten uns versorgen, allein drei aus Russland: Nord Stream, die erste Leitung, die schon existiert, werde komplett genutzt. Genauso wie die zweite Leitung, Yamal Nord, die durch Polen verläuft.

Anders sieht es bei der dritten Leitung aus: "Das ist der Transit durch die Ukraine, der dann durch die Slowakei in Richtung Westeuropa läuft. Die Leitung wird ungefähr zur Hälfte im Moment genutzt. Das heißt, da ist tatsächlich noch Luft." Hinzu kommen Gasleitungen aus Norwegen und den Niederlanden. Außerdem fördert Deutschland auch selbst.

Gasbedarf könnte steigen

Und doch könnten die Kapazitäten bald ausgereizt sein, ergänzt die Energieexpertin der Stiftung Wissenschaft und Politik, Kirsten Westphal. Denn unser Gasbedarf dürfte steigen, sagt sie: "Weil wir ja aus der Atomkraft aussteigen. Das sind in den nächsten zwei Jahren nochmal 8,5 Gigawatt, sechs Kernkraftwerke, die stillgelegt werden. Und dann steigen wir ja auch sukzessive bis 2038 aus der Kohle aus. Und vor Corona haben wir eigentlich schon gesehen, dass die Nachfrage nach Erdgas anzieht."

Die anziehende Nachfrage trifft aber auf ein sinkendes Angebot. Die deutschen Gasfelder gehen zur Neige. Beide Experten sind sich deshalb einig: Deutschland wird künftig noch mehr Gas importieren müssen. Dafür muss es nicht zwingend auf Nord Stream 2 zurückgreifen.

Alternativen zu Nord Stream 2

Man kann auch Flüssiggas kaufen, das sogenannte LNG – zum Beispiel aus den USA. Doch Deutschland habe bislang kein eigenes Terminal, mit dem das Flüssiggas abgenommen werden könnte, sagt Heiko Lohmann. "Es gibt eine Reihe von Terminals in Nordwest-Europa. Die Auslastung ist sehr unterschiedlich. Unter Versorgungssicherheitsgesichtspunkten ist es sicher günstiger, eine zusätzliche Pipeline zu haben, als sich auf LNG zu verlassen. Was im Zweifelsfall eine teure Angelegenheit wird, wenn man es, vor allem wenn das Gas knapp ist, benötigt."

Experten befürworten Gas-Pipeline

Lohmann resümiert: Der Weiterbau von Nord Stream 2 durch die Ostsee sei wirtschaftlich sinnvoll. Und auch Kirsten Westphal sagt, die Direktverbindung sollte gebaut werden. "Als Analystin würde ich sagen, es wäre schön, wenn wir sie hätten. Weil man davon schon preisdämpfende Effekte erwarten kann. Und ich glaube, das ist mit Blick auf die jetzt ohnehin schon große Belastung der Wirtschaft gar nicht so unwichtig. Aber auch für die Endkonsumenten. Denn wir reden nicht nur von preisdämpfenden Effekten auf die Gaspreise, sondern auch auf die Strompreise."

Die bestehenden Gas-Leitungen könnten rein rechnerisch zwar auch in Zukunft ausreichen, sagt Westphal. Dann müssten diese aber stets zu 100 Prozent funktionieren. Dass das nicht immer klappt, zeigt die Vergangenheit. Schon mehrfach hat Russland den Gas-Transit durch die Ukraine gedrosselt. Auch in Deutschland kam dann weniger an. Und plötzlich sorgten sich einige, ob man so durch den Winter kommt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. Oktober 2020 | 08:25 Uhr

36 Kommentare

H.E. vor 36 Wochen

@goffman

Polen und die baltischen Staaten, die sogenannten Transitländer wie Sie sagen, waren schon von Anfang an gegen die Ostsee-Pipeline. Denen ging es nämlich nur ums Geld, weil sie aufgrund der Ostsee-Pipeline keine DURCHLEITUNGSGEBÜHREN erhalten. Und mit dem Flüssiggas aus den USA geht es auch nur ums Geld.
Auf jeden Fall ist eine Direktverbindung Rußland - Deutschland allergünstigste Variante.

goffman vor 36 Wochen

Die Grünen haben natürlich recht, dass es nötig ist, den Erdgasverbrauch drastisch zu senken und das es vor diesem Hintergrund natürlich fraglich ist, ob eine Investition in neue Gasleitungen sinnvoller ist, als eine Investition in regenerative Energieformen.

Trotzdem, solange wir Gas benötigen ist es wirtschaftlicher dieses direkt von Russland zu beziehen, als über Transitländer oder über den Seeweg von Amerika.

Hossa vor 36 Wochen

Ich denke mal ein Land das Waffen u.a.nach Saudi-Arabien liefert und mit der Volksrepublik China einen regen Handel betreibt kann auch ein Projekt wie North Stream 2 vollenden.

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