Hörer machen Programm Bankrott der Euro-Zone sehr unwahrscheinlich

Erst 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr, dann 200 Milliarden zur Linderung der Energiekosten. Deutschland gibt gerade mit vollen Händen Geld aus, denn eine Krise jagt die nächste. In anderen EU-Staaten sieht es nicht anders aus. Torsten Reiffarth hat sich darum nun mit der Frage an MDR AKTUELL gewandt: "Was würde eigentlich passieren, wenn die EU in einen Kontinental-Bankrott rutscht?". Ralf Geißler hat nachgefragt.

Viele Eurobanknoten stecken in einer Geldbörse
Ob in bar oder als Zahl auf dem Konto: Euros sind verbriefte Staatsschulden. Bildrechte: dpa

Wenn man zwei Ökonomen diese User-Frage stellt, bekommt man vom einen ein Lächeln und vom anderen ein Kopfschütteln. Denn dass die gesamte EU zahlungsunfähig wird, gilt als sehr unwahrscheinlich. Die EU als Organisation habe kaum Schulden, sagt dazu etwa der Wirtschaftswissenschaftler Reint Gropp. Die Mitgliedsstaaten seien zwar verschuldet, in der Summe aber nicht dramatisch.

Insgesamt sehe ich nicht einzelne Mitgliedsstaaten besonders gefährdet, vielleicht mit der Ausnahme von Italien.

Reint E. Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)

Die meisten EU-Mitgliedsländer seien sehr gut "geratet", sagt Gropp. Rating-Agenturen bewerteten ja die Zahlungsfähigkeit der Staaten. Deutschland habe drei Mal A, was das beste Rating sei. Viele andere Staaten in der Euro-Zone haben das demnach auch, weshalb Gropp nicht einzelne Mitgliedsstaaten als besonders gefährdet ansieht, "vielleicht mit der Ausnahme von Italien".

Kreditgeber müssten verzichten

Nehmen wir trotzdem mal an, es würde ein Land nach dem anderen seine Schulden nicht mehr bedienen. Dann würde das gleiche passieren wie einst mit Griechenland: Der Internationale Währungsfonds würde mit der EU ein Hilfspaket schnüren. Es würde Notkredite geben – mit unschönen Auflagen, die auf eine massive Kürzung der Staatsausgaben hinauslaufen.

Auch müssten die alten Kreditgeber auf einen Teil ihres Geldes verzichten, sagt Rolf Langhammer vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel: "Dann würde man den Gläubiger zur Kasse bitten, indem man sagt: 30 Prozent weniger. Oder wir schulden um." Alles das habe man in Entwicklungsländern gemacht: Den Schuldendienst in die Zukunft schieben, größere Sicherheiten geben und so weiter. Trotzdem würden natürlich Gläubiger einen Verlust erleiden.

Die Gläubiger können Einzelpersonen sein, die in Staatsanleihen investiert hatten, internationale Investmentfonds oder auch andere Staaten. Trotz ihres Verlustes ist denkbar, dass sie dem insolventen Staat noch einmal neues Geld geben, wenn sie darauf vertrauen, dass der Haushalt saniert werden kann.

Staaten gehen nicht pleite wie Unternehmen

Pleitegehen sei ja assoziiert etwa mit der Pleite von Unternehmen oder Insolvenzen von privaten Haushalten, sagt Langhammer. Das sei bei Staaten nicht so. Ein Staat sei ein "unendlich lange laufendes Investitionsobjekt". Der Staat verschwinde nicht: "Auch Griechenland wird nicht verschwinden."

Ein Staat ist ein unendlich lange laufendes Investitionsobjekt.

Rolf J. Langhammer, ehemaliger Ex-Vizepräsident des Kiel Institut für Weltwirtschaft (ifw)

Es ist allerdings möglich, dass im Falle einer Pleite der Euro-Raum zerfällt. Dann würde es mit eigenen Währungen weitergehen. Die Wahrscheinlichkeit für dieses Szenario sei aber in den vergangenen Monaten eher gesunken, sagt Gropp. Das liege an der Inflation, die bestehende Euro-Schulden entwerte:

"Real zahlt man weniger zurück, als man sich ursprünglich geliehen hat", erklärt der Ökonom: "Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Staat innerhalb der EU irgendwo Pleite geht, ist in Zeiten hoher Inflation niedriger", sagt Gropp.

Trotzdem, ergänzt Langhammer hier, dürfe man die Probleme nicht schönreden. Die Inflation müsse wieder sinken. Und auf lange Sicht hätten viele Euro-Staaten schon ein Problem – durch indirekte Schulden. Das sind Verpflichtungen des Staates für die Zukunft, etwa für Pensionen. In einer alternden Gesellschaft seien diese für jüngere Menschen immer weniger zu schultern und müssten womöglich durch neue Schulden bezahlt werden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. Oktober 2022 | 06:00 Uhr

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