Experte in Moskau Russland "weit entfernt vom Sieg" – militärisch und wirtschaftlich

MDR-Volontär Philipp Baumgärtner
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Oleg Buklemishev lebt in Moskau. Der Wirtschaftsexperte arbeitete bis 1998 im russischen Finanzministerium und bis 2004 für die Regierung. Im Interview spricht er über eine mögliche Generalmobilmachung am Montag, die Situation in Russland und die Pläne der EU, ein Öl-Embargo durchzusetzen.

Russischer Wirtschaftsexperte Oleg Buklemishev
Oleg Buklemishev ist Direktor des Forschungszentrums für Wirtschaftspolitik an der Staatlichen Universität Moskau. Bis 2004 war er für die russische Regierung tätig. Bildrechte: Oleg Buklemishev

Der Ukraine-Krieg dauert nun bereits seit über zehn Wochen an. Jetzt warnen Experten vor einer weiteren Eskalationsstufe - der Generalmobilmachung in Russland. Die könnte Putin, so Experten, am Montag zum "Tag des Sieges" ausrufen. Der Moskauer Wirtschaftsexperte Oleg Buklemishev warnt vor diesem Schritt und sieht angesichts weiterer Sanktionen düstere Zeiten auf Russland zukommen.

Die MDR-Wirtschaftsredaktion spricht mit ihm zum vierten Mal über die aktuellen Entwicklungen.

Herr Buklemishev, wie nehmen Sie die Stimmung in Russland wahr?

Oleg Buklemishev: Die Stimmung hat sich nicht wirklich verändert in letzter Zeit. Das ist aber keine Toleranz der aktuellen Geschehnisse, es kehrt eher eine Art Routine ein. Wir leben seit über zwei Monaten mit dieser Realität und man könnte fast sagen, die Menschen gewöhnen sich daran. Die Meldungen vom Krieg werden deutlich weniger, es erweckt den Eindruck, als würde nichts Dramatisches passieren.

Am 9. Mai ist der "Tag des Sieges" und es gibt viele Menschen, die sich sorgen, dass dann eine Generalmobilmachung verkündet werden könnte. Ein interessanter Fakt ist übrigens, dass am 9. Mai üblicherweise Sowjetfilme im Fernsehen gezeigt werden, die an den 2. Weltkrieg erinnern. Es sollen in diesem Jahr aber weniger Filme gezeigt werden, weil das natürlich an aktuelle Szenarien erinnern könnte. Ich würde auch sagen, das sind gefährliche Parallelen.  

Bleiben wir mal beim 9. Mai. Glauben Sie, dass es zu einer Generalmobilmachung kommen könnte?

Oleg Buklemishev: Ehrlich gesagt, gibt es dafür nicht wirklich gute Gründe. Moderne Kriegsführung hat nicht nur mit zahlenmäßiger Überlegenheit zu tun. Wenn die ganz jungen oder älteren Wehrpflichtigen mit dazu gezogen werden, scheint das für mich nicht wirklich sinnvoll. Aber es wäre nicht die erste Entscheidung, die nicht rational getroffen wird, deswegen schließt das hier auch niemand aus. Ich meine, es wird ja sogar über den Atomkrieg geredet. Dann ist wohl eine Generalmobilmachung auch nicht auszuschließen.

Putin sagte zuletzt, die westlichen Sanktionen würden verpuffen, das Finanzsystem und die Industrie funktionieren stabil, effektiv und nach Plan. Ist das auch Ihr Eindruck?

Oleg Buklemishev: Ich habe in letzter Zeit viele Artikel dazu gelesen, dass die russische Wirtschaft deutlich unverwüstlicher ist, als die meisten es erwartet hätten. Trotzdem wissen wir natürlich, dass sich einige Negativtrends fortsetzen. Das hat auch mit dem Abgang der westlichen Unternehmen zu tun. Und diese Sanktionen werden ja durchaus noch härter werden, das könnte dramatische Auswirkungen haben.  

Es wäre nicht die erste Entscheidung, die nicht rational getroffen wird.

Oleg Buklemishev, Wirtschaftsexperte aus Moskau

Abgesehen davon wurde der Leitzins aber in der letzten Woche gesenkt und auch der Rubel zeigt sich stabil. Die Inflation ist aber nach wie vor hoch und die Versorgungslage teilweise kritisch. Viele Bürgerinnen und Bürger müssen in den unbezahlten Urlaub, damit nicht Tausende Menschen entlassen werden.

Zu all diesen Entwicklungen – der Arbeitslosigkeit, Importen und Exporten u.v.m. werden kaum noch Daten herausgegeben. Man kommt nicht an belastbares Material, was uns zeigen könnte, wie es wirtschaftlich um Russland steht. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Oleg Buklemishev: Da haben Sie Recht. Es gibt natürlich Wege, das trotzdem in etwa abzuschätzen. Zu Sowjetzeiten gab es zum Beispiel zwei Indikatoren, die sich westliche Ökonomen angeschaut haben, wenn sie den Daten nicht getraut haben. Das waren der Energieverbrauch und der Umsatz der Bahn. Jetzt sehen wir gerade, dass beide Indikatoren sich zahlenmäßig deutlich verschlechtern.

Was die Arbeitslosigkeit anbelangt, da wird immer versucht, Menschen nicht zu entlassen. Sie werden beurlaubt oder man gibt ihnen weniger zu tun. So werden die Zahlen "berichtigt". Aber gerade wenn es um Fachkräfte geht, da gibt es Defizite. Nehmen Sie Piloten. Es gibt ja kaum noch Flüge und die Leute zieht es ins Ausland. So ist das für viele Bereiche und das kann für einen sehr langen Zeitraum zum Problem werden.

Die Gouverneurin der russischen Notenbank, Elwira Nabiullina, warnt vor einem langfristigen Produktivitätsverlust und einer schweren Rezession mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um acht bis zehn Prozent in diesem Jahr. Teilen Sie diese Einschätzung?

Oleg Buklemishev: Ich denke, es kann in diese Richtung gehen, wenn man all die Umstände beachtet, die es gerade so gibt. Und das bedeutet, dass schwierige Zeiten kommen werden. Die Gouverneurin gab das in der vergangenen Woche auf einer Pressekonferenz bekannt und bereitete die Leute schon auf, wie sie es nannte, "Strukturanpassungen" vor. Das wird also nicht nur aus militärischer Sicht problematisch, sondern auch, wenn es um wirtschaftliche Entwicklung geht.

Kann es, auch unter diesen Umständen, aus Putins Perspektive überhaupt noch ein „Narrativ des Sieges“ geben? Kommt er aus dieser Nummer irgendwie wieder raus?

Oleg Buklemishev: Das kommt ganz darauf an, wie man den Leuten erklären wird, warum und wofür sie leiden. Ich habe Ihnen gesagt, worauf sich die russische Wirtschaft gefasst machen muss. Trotzdem glauben viele Leute noch, dass man zur Normalität zurückkehren wird. Man muss ihnen erklären, dass das für viele Jahre nicht passieren wird. Die Regierung vermittelt natürlich trotzdem noch, dass es einen Sieg geben wird, der militärische Presseoffizier zum Beispiel. Das wird Tag für Tag wiederholt. Aber es gibt keine Anzeichen für einen Sieg. Wenn man die Situation zwischen dem 24. Februar und heute realistisch einschätzen würde, kommt man zu dem Schluss, dass sich die Lage schlicht verschlechtert hat.

In den letzten Tagen wurden die Pläne für ein europäisches Öl-Embargo konkreter. Wie reagieren in Russland Wirtschaft und Politik darauf?

Oleg Buklemishev: Das wird natürlich sehr viel diskutiert und die Hauptaussage dazu ist, dass wir das dann über die Preise kompensieren können, wenn die Nachfrage in Richtung Europa sinkt. Stand jetzt ist es laut der Daten so, dass Russland noch mehr als im letzten Jahr an diesem Handel verdient.

Wenn man die Situation zwischen dem 24. Februar und heute realistisch einschätzen würde, kommt man zu dem Schluss, dass sich die Lage schlicht verschlechtert hat.

Oleg Buklemishev, Wirtschaftsexperte aus Moskau

Natürlich wird auch weiterhin darüber diskutiert, die Exporte umzuleiten. Aber die Umleitung in Richtung asiatischer Märkte ist logistisch halt nicht einfach, da wird es schnell an die Kapazitätsgrenzen gehen. Dadurch, dass in der Sowjetzeit quasi der gesamte Handel in Richtung Europa ausgerichtet war, wird das interessant.

Eine letzte Frage: Immer wieder mal liest man von Protesten – auch digitaler Art. Wie nehmen Sie das wahr?

Oleg Buklemishev: Man kann sich natürlich nicht so wirklich auf die Umfragen verlassen, aber selbst die bemerken eine Bewegung hin zu negativeren Einstellungen der Bevölkerung, je länger all das dauert. Das hat natürlich auch mit teureren Lebenshaltungskosten zu tun. Ich würde also vielleicht nicht von Protesten sprechen, aber die Leute werden schon skeptischer, auch was offizielle Statements anbelangt.

Sie sprachen ja auch von diesem "Narrativ des Sieges". Man kann halt nicht mehr davon sprechen, dass diese "Operation" so läuft, wie das gedacht war. Selbst Lukaschenko (Anm. d. Red.: Alexander Lukaschenko ist der Präsident von Belarus) hat ja jetzt gesagt, dass das schon zu lang geht und aufhören muss. Es gibt mehr Skepsis und ich würde sagen eine "negative Neutralität", aber man wird das kaum auf der Straße sehen, auch wenn diese Stimmen lauter und lauter werden.

MDR-Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 06. Mai 2022 | 17:30 Uhr

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