Energielieferungen Wirtschaftsexperte in Moskau: "Russland braucht das Geld mehr als der Westen das Gas"

MDR-Volontär Philipp Baumgärtner
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Oleg Buklemishev lebt in Moskau. Der Wirtschaftsexperte arbeitete bis 1998 im russischen Finanzministerium und bis 2004 für die Regierung. Er kann den Vorstoß Putins, die Energie-Zahlungen nur noch in Rubel zu akzeptieren, nicht nachvollziehen. Die Folgen eines Lieferstopps seien nur schwer zu kalkulieren, sagt er, und auch China diene maximal auf lange Sicht als alternative "Lebensversicherung" für die Russen. Die Lage im russischen Alltag wird indes immer härter.

Russischer Wirtschaftsexperte Oleg Buklemishev
Oleg Buklemishev ist Direktor des Forschungszentrums für Wirtschaftspolitik an der Staatlichen Universität Moskau. Bis 2004 war er für die russische Regierung tätig. Bildrechte: Oleg Buklemishev

Der Ukraine-Krieg dauert seit über einem Monat an. Und mit ihm der Wirtschaftskrieg zwischen dem Westen und Russland. Jetzt will der russische Präsident Wladimir Putin für die Erdgaslieferungen nur noch Rubel akzeptieren. Bundeskanzler Olaf Scholz lehnt eine Zahlung in Rubel ab. Ob es nun zu einem Stopp der Energielieferungen kommt, ist ungewiss.

Bereits vor zwei Wochen sprach die MDR-Wirtschaftsredaktion mit dem Moskauer Wirtschaftsexperten Oleg Buklemishev über die Lage vor Ort. Im aktuellen Interview spricht er über das aktuelle Alltagsleben in Russland, einen möglichen Energie-Lieferstopp und was mit dem russischen Gas passiert, wenn es dazu kommen sollte.

Herr Buklemishev, im letzten Gespräch sprachen Sie von "harten Zeiten", die jetzt kommen. Wie sieht der Alltag in Russland aus?

Oleg Buklemishev: Die Situation wird schleichend schlechter und das Bewusstsein in der Bevölkerung wird stärker, was hier eigentlich passiert. Menschen müssen schauen, was sie kaufen können für ihre Rubel, die ja nicht mehr viel wert sind. Die Waren hingegen werden deutlich teurer. Ganz alltägliche Dinge verschwinden. Auf der Straße sieht man viele leere Büros, leere Schaufenster in den Läden.

Internationale Waren sind nicht mehr verfügbar. Die Menschen merken es, jeden Tag! Die Inflation liegt bei 15% und natürlich haben die Leute Angst vor dem, was noch kommt. Menschen verlieren ihre Jobs, Unternehmen müssen aufhören zu produzieren, weil ihnen Bauteile fehlen. Da hängt viel dran und die Bevölkerung wird das in der nächsten Zeit noch deutlich stärker zu spüren bekommen.

Gibt es darüber in der Bevölkerung eine Debatte, insofern das überhaupt möglich ist?

Oleg Buklemishev: Wo sollen wir solche Debatten lesen? Es ist alles abgeschaltet, auch im Netz. Es berichten nur noch die Staatsmedien. Ich glaube aber schon, dass die Leute merken, dass etwas nicht stimmt. Und sie sorgen sich auch darum, dass die Lebensmittelregale immer leerer werden.

Ich war heute in einem staatlichen TV-Sender, sie wollten über "Knappheit" sprechen – machen sie aber nicht wirklich. Sie sehen "dunkle Kräfte" am Werke. Es gibt im Rundfunk keine Auseinandersetzung mit der Realität. Wir dürfen das Wort Krieg nicht verwenden, es ist eine "spezielle militärische Operation".

Wo sollen wir solche Debatten lesen? Es ist alles abgeschaltet.

Oleg Buklemishev, Wirtschaftsexperte aus Moskau

Putin sagte vor zwei Tagen, dass er für russisches Gas nur noch Rubel akzeptieren will. Er will damit den Rubel aufwerten und die Sanktionen umgehen. Wird sein Plan aufgehen?  

Oleg Buklemishev: Ich kann diesen Schritt ehrlich gesagt überhaupt nicht nachvollziehen. Ich habe keine Ahnung, was er damit bewirken will. Ich glaube, dass die westlichen Staaten das schlicht und einfach ablehnen werden und dann wird das Ganze weder geldwirtschaftliche Vorteile für das Land bringen, noch werden die Energielieferanten darüber glücklich sein.

Der deutsche Kanzler Scholz sagt, dass man nicht in Rubel bezahlen wird. Was passiert jetzt?

Oleg Buklemishev: Ich glaube nicht, dass die russische Regierung in diesem Fall am längeren Hebel sitzt. Russland braucht dieses Geld mehr als der Westen das Gas braucht. Der Westen hat im Zweifel Alternativen, die gibt es bei uns nicht wirklich. Wenn ich Energieminister wäre, würde ich den Vorstoß einfach ignorieren und weiter Gas und Öl verkaufen.  

Wenn ich Energieminister wäre, würde ich den Vorstoß einfach ignorieren und weiter Gas und Öl verkaufen.

Oleg Buklemishev, Wirtschaftsexperte aus Moskau

Russland braucht dieses Geld unbedingt, gerade für die Bevölkerung, wenn man jetzt mehr und mehr in die Inflation rutscht. Und auch die "spezielle militärische Operation" ist sehr teuer. Das spitzt sich Tag für Tag zu.

In Deutschland wird den Verantwortlichen immer wieder vorgeworfen, man finanziere den Krieg über die Energielieferungen ganz direkt mit. Würden Sie das auch so sagen?

Oleg Buklemishev: Was ich sagen kann, ist, dass natürlich viel Geld aus diesen Zahlungen in den russischen Haushalt fließen. 40 % des Staatshaushaltes speisen sich aus Steuern für Gas, Öl und Ölerzeugnisse. Das ist also ein ganz entscheidender Faktor, ohne Frage.

Wenn die Lieferungen abbrechen, was passiert dann mit dem russischen Gas? Könnte China als Abnehmer zur "Lebensversicherung" werden?  

Oleg Buklemishev: Das könnte schon sein, aber wir bräuchten noch deutlich mehr Investitionen. Momentan fehlt es noch an der Infrastruktur, z.B. Pipelines Richtung China. In den letzten Jahren hat man sich auf das Europageschäft konzentriert, was auch das Hauptgeschäft ist. Ich denke auch nicht, dass sich das kurzfristig ändern lässt. Diese Umverteilung gen China würde Unmengen an Geld kosten und China wäre in der komfortablen Lage, sicherlich den Preis auch runterzuhandeln.

Kann Russland von einem Tag auf den anderen einfach die Lieferungen stoppen?

Oleg Buklemishev: Wir können eigentlich nicht einfach aufhören, zu liefern. Weil wir das Gas immer weiter fördern. Im Gegensatz zu Saudi-Arabien, wo man die Förderung stoppen kann, fördern wir weiter Gas. Das liegt an den physikalischen Gegebenheiten unserer Quellen.

Wir können eigentlich nicht einfach aufhören, zu liefern. Weil wir das Gas immer weiter fördern.

Oleg Buklemishev, Wirtschaftsexperte aus Moskau

Wir haben darüber hinaus nur begrenzte Speichermöglichkeiten, die sind dann schnell voll. Wir können dann nichts mehr verkaufen, da hängen ja eine riesige Wirtschaft und auch viele Menschen dran. Das wäre ein absolutes Desaster.   

Der Krieg dauert deutlich länger als viele das angenommen hatten. Was passiert jetzt mit Russland?

Oleg Buklemishev: Unser Land wird leiden. Da habe ich keine Zweifel. Qualitativ und auch quantitativ. Es werden Leute sterben, nicht nur im Krieg. Ich sehe für diese "militärische Operation" in der Ukraine keine lange Perspektive. Denn auch das ist eine erhebliche wirtschaftliche Belastung für Russland. Ich weiß nicht, worüber die Entscheidungsträger in Russland nachdenken, aber bei den Wirtschaftsexperten klingeln längst alle Alarmglocken. Die ganze Lage im Alltag und mit der Versorgung wird deutlich schlimmer werden. Und ich glaube nicht, dass dieses Land das mehrere Monate durchsteht.

Kann es passieren, dass Russland sich den Krieg nicht mehr leisten kann?

Oleg Buklemishev: Ja, auf jeden Fall. Das kann passieren.

Quelle: MDR-Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. März 2022 | 16:45 Uhr

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