Experte in Moskau Russland verliert viele "junge, gut ausgebildete Menschen"

MDR-Volontär Philipp Baumgärtner
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Oleg Buklemishev lebt in Moskau. Der Wirtschaftsexperte arbeitete bis 1998 im russischen Finanzministerium und bis 2004 für die Regierung. Den Krieg in der Ukraine beobachtet er mit großer Sorge. Er glaubt, dass viele junge und gut ausgebildete Menschen Russland verlassen werden. Die Stabilität des Rubels hält er für ein "künstliches Konstrukt". Außerdem spricht er über die Grundnervosität im russischen Alltag, die sich in hektischen Einkäufen und "leisem Protest" äußert.

Russischer Wirtschaftsexperte Oleg Buklemishev
Oleg Buklemishev ist Direktor des Forschungszentrums für Wirtschaftspolitik an der Staatlichen Universität Moskau. Bis 2004 war er für die russische Regierung tätig. Bildrechte: Oleg Buklemishev

Der Ukraine-Krieg dauert nun bereits seit über sieben Wochen an. Die westlichen Staaten haben eine Vielzahl an Sanktionen gegenüber Russland ausgesprochen. Diese machen sich längst im russischen Alltag bemerkbar, sagt der Moskauer Wirtschaftsexperte Oleg Buklemishev.

Bereits zweimal sprach die MDR-Wirtschaftsredaktion mit ihm über die Lage vor Ort.

Im neuen Interview lag ein besonderer Fokus auf den Menschen, die das Land verlassen, um bessere Perspektiven zu finden. Außerdem spricht Oleg Buklemishev über seine ganz persönlichen Überlegungen zur Flucht und dazu, ob der Rückhalt der Bevölkerung für den Krieg tatsächlich so groß ist, wie gemutmaßt wird.

Herr Buklemishev, in der deutschen Presse konnte man zuletzt folgende Schlagzeile lesen: "70.000 IT-Spezialisten aus Russland ausgewandert". Einige Menschen – insbesondere Fachkräfte – scheinen das Land zu verlassen. Ist das so und wenn ja: Was bedeutet das für Russland?

Oleg Buklemishev: Ja, das ist tatsächlich so. Es sind vor allem junge, gut ausgebildete Menschen. Ich habe das auch von Leuten aus dem Universitätsumfeld gehört. Die Menschen wollen natürlich gute Jobs finden und Karriere machen. Solche Pläne sind unter den aktuellen Umständen in Gefahr. Ich glaube auch nicht, dass sich dieses Problem lösen wird, wenn sich die Lage weiterhin politisch, sozial und wirtschaftlich so verschlechtert, wie sie es gerade tut.

Es gab auch schon offizielle Warnungen von einem IT-Unternehmerverband in Richtung Regierung, dass viele gut ausgebildete Menschen das Land verlassen werden und diese Fachkräfte womöglich auch nicht wiederkommen. Wie viele Menschen genau das Land verlassen, kann man nicht sagen.

Ist es nach wie vor ganz einfach möglich, das Land zu verlassen?

Oleg Buklemishev: Man kann nur noch in einige Länder direkt fliegen – in die Türkei, Georgien und Armenien zum Beispiel. Von dort aus kann man dann weiterreisen, z.B. in die EU. Allerdings werden die Flüge deutlich teurer, weil die Nachfrage steigt. Grundsätzlich kann man also das Land verlassen, aber die Bankkarten funktionieren im Ausland nicht und man darf nur 10.000 Dollar ausführen. Es ist also möglich, aber nicht gerade einfach, das Land zu verlassen.

Haben Sie überlegt, das Land zu verlassen?

Oleg Buklemishev: Ich kann mir nicht vorstellen, das Land zu verlassen. Meine Eltern leben hier. Mein Sohn geht hier zur Schule. Das Land zu verlassen, ist nicht einfach für Menschen, die hier Familie haben und verwurzelt sind. Trotzdem denken viele Russen darüber nach.

Hat sich die Arbeit an der Universität in den letzten Wochen verändert?

Oleg Buklemishev: Das würde ich grundsätzlich so nicht sagen. Es ist aber schon eine gewisse Nervosität zu spüren, auch unter den Studierenden. Von ihnen sind viele bereits gegangen, besonders die Austauschstudenten. Und für die, die noch da sind, ist diese Frage nach Job und Karriere auch wichtig. Das beschäftigt sie.

Ich kann mir nicht vorstellen, das Land zu verlassen. Meine Eltern leben hier. Mein Sohn geht hier zur Schule.

Oleg Buklemishev, Wirtschaftsexperte aus Moskau

Ich selbst muss als Verantwortlicher in der Fakultät schauen, wie es finanziell weitergeht. Da wird sich die Krise bemerkbar machen und wir werden sehen, welche Auswirkungen das konkret hat.

Zur Wirtschaft: Der Rubel scheint sich zu stabilisieren. Ist das eine trügerische Stabilität?

Oleg Buklemishev: Diese Frage stellen sich natürlich gerade viele Menschen. Ich gebe mal ein Beispiel: Wenn ich einen Apfel kaufe, kann ich ihn einfach essen. Einen Dollar kann ich zwar kaufen, aber ich kann ihn nicht vom Konto abheben und ausgeben, und deshalb sind die aktuellen Kurse mit Vorsicht zu genießen. (Anm. d. Red.: Durch den Verkaufsstopp von Fremdwährungen will Russland die Nachfrage nach Rubel erhöhen.)

Ich glaube, wenn die Regierung beschließt, die aktuellen Beschränkungen aufzuheben, wird der Wechselkurs ein ganz anderer sein. Man sieht das auch an den Wechselkursen außerhalb Russlands – das ist ein guter Indikator. Die sind deutlich schlechter. Der stabile Rubelkurs ist letztlich ein künstliches Konstrukt.

Wie wirken sich die Sanktionen im Alltag der Bevölkerung inzwischen aus? Und wie ist die Stimmung diesbezüglich?  

Oleg Buklemishev: Die Lage verschlechtert sich weiterhin. Die Waren werden teurer. Die Regale leeren sich deutlich, die Auswahl geht zurück. Und natürlich fehlen auch Rohstoffe für die inländische Produktion. Auf der Verbraucherseite sieht man immer wieder Panik, Menschen stürzen sich auf die Läden und kaufen, was sie können. Es gibt eine deutliche Schere zwischen Preisen und Einkommen, die Regierung passt Renten und Sozialabsicherungen an, aber nicht genug.

Menschen stürzen sich auf die Läden und kaufen, was sie können.

Oleg Buklemishev, Wirtschaftsexperte in Moskau

Die Inflationsrate wird nicht mehr ganz so stark steigen wie zuletzt, aber Analysten gehen von einer Inflationsrate von 20-30 % für dieses Jahr aus. Das ist sehr hoch. Viele Menschen werden sich in einer sehr prekären Lage befinden und die russische Regierung muss sich durchaus Sorgen machen, dass mehr Leute beginnen werden, zu protestieren.

Ein großer Teil der Bevölkerung scheint den Krieg gegen die Ukraine mitzutragen. Ist das auch ihr Eindruck?

Oleg Buklemishev: Ja, aber ich glaube nicht, dass das die Mehrheit ist, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Die Leute antworten auch nicht alle auf die Umfragen und Befragungen. Ich habe das selber erlebt. Man sollte auch seine Handynummer eintragen und dann wollen die Menschen natürlich nicht offen antworten, weil sie Angst vor Konsequenzen haben, wenn sie sich gegen die Regierung äußern.

So, wie sich die Situation entwickelt, wird es schwierig für die Regierung, dafür weiter Zustimmung zu erhalten. Die Propagandamaschinerie läuft zwar, aber natürlich spüren die Leute die Folgen des Krieges. Vom Verteidigungsminister gab es das Versprechen, keine jungen Wehrpflichtigen an die Front zu schicken. Das Versprechen wurde längst gebrochen. Ich glaube nicht, dass die Menschen diese "Kampagne" lange weiter unterstützen. Letztlich geht es um ihre Familien, um ihre eigenen Söhne.

Da sich viele westliche Unternehmen aus Russland zurückgezogen haben, stehen Fabriken und Läden leer. Da gab es von russischer Seite die Drohung: Dann verstaatlichen wir das und nehmen es in die eigene Hand. Gibt es da inzwischen konkrete Schritte?

Oleg Buklemishev: Diese Drohung ist eine leere Drohung gewesen. Man hat diese Überlegungen fallen gelassen. Das hätte auch niemals geklappt – technisch und auch personell nicht.

Wegen des High-Tech-Verbots der EU in Russland soll eine Panzerfabrik ihre Produktion eingestellt haben. Haben Sie von solchen Produktionsstopps gehört?

Oleg Buklemishev: Das passiert. Da gibt es keinen Zweifel. Russland ist auf High-Tech-Importe angewiesen, weil sie nicht für alles eine eigene Produktion haben. Das betrifft Panzer, Flugzeuge, elektronische Ausrüstung. Da ist die Produktion – nicht nur militärisch – vielerorts unterbrochen. Jetzt kann man versuchen, das mit Handelsbeziehungen zu China abzufedern, aber die Chinesen werden auch hohe Preise aufrufen. Wir sind aktuell nicht wirklich darauf vorbereitet, all diese Importe zu ersetzen.

Gibt es Bestrebungen Russlands, die Energieexporte nach China oder Indien umzuleiten? Ist das überhaupt möglich?

Oleg Buklemishev: In Teilen ist das möglich. Aber Europa nimmt, wenn ich mich nicht irre, das Zehnfache an Gas ab im Vergleich zu China. Man müsste große Geldmengen investieren, um die Transportwege in Richtung China und Indien auszubauen. Selbst mit der Kohle scheint das nicht so einfach zu sein. Die Bahnstrecken sind bereits ausgelastet. Das wird noch Jahre dauern, eh man die Exporte gut und umfassend umleiten kann.

Es wird schmerzhaft für Russland, wenn dieser über Jahrzehnte aufgebaute Energiehandel mit Europa Schritt für Schritt von den europäischen Staaten verringert wird.

Lassen Sie uns zum Schluss auf die kommende Zeit schauen: Was glauben Sie, wie sich die Dinge in den nächsten Wochen entwickeln werden? Haben Sie ein Gefühl?

Oleg Buklemishev: Die Lage wird sich verschlechtern, so viel steht fest. Menschen haben ja schon begonnen, zu protestieren, wenn auch manchmal nur "leise". Unter ihnen sind auch Eliten und Oligarchen. Wirtschaftlich wird das eine schwierige Zeit. Die Menschen merken ja, dass Fabriken ihre Arbeit einstellen und sich das alltägliche Leben stark verändert. Sie werden den Optimismus verlieren. Wir werden so schnell nicht zu einer "Vorkriegsnormalität" zurückkommen.  

Quelle: MDR-Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. April 2022 | 12:00 Uhr

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