Ukraine-Krieg Deutsche Landwirte in der Ukraine ächzen unter Preisschwankungen und Transportproblemen

Mais, Raps und Sonnenblumen: Die Aussicht auf gute Ernten bewog deutsche Landwirte, in der Ukraine zu investieren. Doch der russische Angriff droht ihre Pläne zunichte zu machen. Diesel ist knapp und Transportwege sind blockiert. Dabei muss die Ernte vom letzten Jahr verkauft und die neue bald eingeholt werden. Trotzdem versuchen Landwirte, die Produktion mit allen Mitteln aufrecht zu erhalten.

Gerste wächst auf einem Feld vor Kramatorsk
Bauern aus Deutschland bewirtschaften circa 85.000 Hektar Land in der Ukraine. Bildrechte: dpa

Hoffnung auf einen Neuanfang in der Ukraine

Die nährstoffreiche Schwarzerde bescherte der Ukraine den Ruf als Kornkammer Europas. Aber die Bodenqualität war für die meisten Bauern nicht der Hauptgrund, in der Ukraine mit Ackerbau zu beginnen. Vielmehr lockten deutlich günstigere Pachten für Land. Auch die Kosten für Treibstoff und Arbeitskräfte waren niedriger als in Deutschland.

Landwirt Alexander Wolters auf einem Rapsfeld
Landwirt Alexander Wolters stammt aus Sachsen und hat 4.200 Hektar landwirtschaftliche Fläche in der Ukraine gepachtet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

“Ich bin da als junger Mann hingegangen, um meine Ideen zu verwirklichen,“ erinnert sich Alexander Wolters. Der 36-jährige Landwirt aus Sachsen arbeitet seit 2008 in der Ukraine. “Die Pacht für den Hektar lag am Anfang bei 60 Euro pro Jahr. In der Ukraine konnte man mit recht wenig Geld viel bewirtschaften.“  Inzwischen betreibt er auf 4.200 Hektar reinen Ackerbau. Die Flächen pachtet der 36-Jährige von vielen ehemaligen Kolchosenbauern. Sein Hof liegt in der Westukraine, 35 Kilometer südlich der Großstadt Riwne. In der Region werden vor allem Weizen, Raps, Mais und Sonnenblumen angebaut. Die Geschäfte liefen gut – bis der Krieg ausbrach.

Fliegeralarm über den Äckern

Die Nacht, in der der Krieg begann, wird Alexander Wolters nicht vergessen. “Ein Freund war zu Besuch und wollte früh um drei Uhr los. Aber das Tor ging nicht auf und ich musste helfen. Da flogen Düsenjets über unsere Köpfe hinweg und keine Stunde später klingelten dann die Telefone“, erinnert sich der 36-jährige Landwirt. Seine ukrainische Frau, zwei Kinder und die Schwiegermutter hatte er kurz zuvor in den Flieger nach Deutschland gesetzt. Sicherheitshalber, nachdem der russische Präsident der Ukraine das Existenzrecht abgesprochen hatte. Nun pendelt er zwischen der Ukraine und dem Hof seiner Eltern bei Döbeln in Sachsen. Seine Zukunft sieht der 36-Jährige in der Ukraine. “Aufgeben war nie eine Option und wird auch nie eine Option sein. Wir werden da weiter produzieren und wir unterstützen die ukrainische Armee mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen.“

Landwirt Alexander Wolters mit Sohn auf dem Arm
Seine Familie hat Alexander Wolters kurz vor Kriegsbeginn nach Deutschland in Sicherheit gebracht, doch sie alle möchten so bald wie möglich wieder nach Hause. Bildrechte: ARD.de

Aufgeben war nie eine Option und wird auch nie eine Option sein.

Alexander Wolters, Landwirt

Landwirtschaft im Krieg immer schwieriger

Karte
Die Großstadt Riwne liegt im Westen der Ukraine, weit weg von der Front im Osten, doch der Krieg ist auch hier allgegenwärtig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch wenn die Front im Osten weit weg zu sein scheint, ist der Krieg im Westen der Ukraine allgegenwärtig. Die Arbeit der Landwirte wird immer schwieriger. In seinem Betrieb beschäftigt Andreas Wolters ausschließlich ukrainische Mitarbeiter. Für sie fühlt er sich auch in Kriegszeiten verantwortlich. “Ich habe 35 Mitarbeiter, dahinter stehen 35 Familien, die Einkommen wollen. Ich muss irgendwie zusehen, dass der Lohn rankommt.“ Doch eine Vielzahl praktischer Probleme erschwert die Arbeit.

Diesel ist knapp und die Preise für Treibstoff steigen

Ein zentrales Problem: Die hohen Sprit-Preise. „Der Dieselpreis hat sich verfünffacht seit Kriegsbeginn,“ konstatiert Andriy Dykun, Vorsitzender des Allukrainischen Agrarrates. „Wir können Diesel importieren. Aber die großen Lagertanks sind von Russen zerstört worden. Das ist ein weiterer Beweis, dass sie unsere Wirtschaft zerstören und eine globale Lebensmittelkrise erzeugen wollen.“

Bislang produzierte die Ukraine nur 15 Prozent des benötigten Diesels selbst. 60 Prozent wurden aus Russland und Weißrussland importiert, der Rest über das Schwarze Meer eingeführt.

Zerstörter Hof in Ukraine
Laut Allukrainischem Agrarrat zerstören russische Truppen gezielt landwirtschaftliche Betriebe und Lagerkapazitäten. Bildrechte: Allukrainischer Agrarrat

Der Dieselpreis hat sich verfünffacht seit Kriegsbeginn.

Andriy Dykun, Allukrainischer Agrarrat

Diesel ist Lebenselexier für die Landwirtschaft

Ein Mähdrescher verfährt am Tag bis zu 1.300 Liter Diesel. Doch Treibstoff zu beschaffen, ist ein großes Problem. Zeitweise gab es gar keinen Treibstoff. Inzwischen können Großabnehmer wie Landwirt Alexander Wolters wieder kleine Mengen bestellen. “Man muss heute das Geld bezahlen und dann hofft man, dass man in einem bis anderthalb Monaten den Dieselkraftstoff geliefert bekommt.“ Alexander Wolters hat einen Vorrat angelegt. Doch mit Beginn der kommenden Ernte könnte der Sprit auch bei ihm knapp werden.

Traktor auf Feld
Ohne Diesel: keine Saat, keine Ernte, keine Landwirtschaft Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Volle Lager, obwohl die nächste Ernte naht

Für ihr größtes Problem haben die deutschen Landwirte in der Westukraine derzeit noch keine Lösung: Ihre Lager sind durch die Ernte des vergangenen Jahres gut gefüllt. Doch sie können Weizen, Mais oder Zuckerrüben schwer verkaufen. “Ich habe 6.000 Tonnen Mais bei mir liegen, aber den Mais kann ich derzeit nicht vermarkten. Die Häfen im Süden für den Transport sind zu, blockiert und vermint“, moniert Alexander Wolters.

Ein Mann steht in einer Halle vor einem aufgeschüttetem Körnerberg.
Das Weizenlager ist voll und in zwei Monaten muss der Winterweizen vom Feld. 2.000 Tonnen müsste Landwirt Alexander Wolters sofort verkaufen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

75 Prozent der Getreideproduktion der Ukraine werden exportiert. Wegen der riesigen Mengen per Schiff. “In den letzten 30 Jahren haben wir unsere Export-Infrastruktur auf die Häfen ausgerichtet und können sie jetzt nicht nutzen“, erklärt Andriy Dykun, Vorsitzender des Allukrainischen Agrarrates. “Wir können nichts verkaufen. 20 Millionen Tonnen Getreide liegen in Lagern, fertig für den Export. Aber wir können nichts exportieren.“

Export und Import laufen derzeit fast ausschließlich über Straße und Schiene. Doch an der Grenze zu Polen stehen die Züge teilweise einen Monat, klagen Landwirte. Zudem sind LKW- und Bahn- Logistik so überlastet, dass die Preise extrem gestiegen sind. Die Transportkosten haben sich verdreifacht. Das rechne sich kaum noch. “Wir kriegen es gerade so hin, dass es noch interessant ist, den Mais zu exportieren. Allerdings macht man das ehrlich gesagt nur noch aufgrund von Liquidität. Damit man die Ware einfach überhaupt noch vermarktet bekommt“, so Landwirt Alexander Wolters.

Landwirt Alexander Wolters im Getreidelager
In Big-Pack-Säcken will Alexander Wolters 150 Tonnen Mais per LKW nach Sachsen bringen, um wenigstens einen Teil der letzten Ernte in Deutschland zu verkaufen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

“Kurzfristig könnten wohl nur zehn Prozent von dem, was zu exportieren wäre, ins Ausland gelangen“, schätzt Alfons Balmann, Direktor des Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Halle.

20 Millionen Tonnen Getreide liegen in Lagern, fertig für den Export. Aber wir können nichts exportieren.

Andriy Dykun, Allukrainischer Agrarrat

Berg- und Talfahrt beim Preis für Weizen, Mais, Sonnenblumen

Der Weizenpreis in der Ukraine fällt bereits, weil so viel davon auf dem Markt ist. Im Ausland dagegen sind die Preise für Mais und Weizen steil angestiegen. Landwirte mit Geldreserven versuchen durchzuhalten und hoffen auf ein schnelles Kriegsende. Wer kein Geld hat, muss zu Dumpingpreisen verkaufen. Das führt zu extremen Preisunterschieden.

 Zwei Hände halten Maiskörner.
Während die Preise für Getreide in der Ukraine fallen, steigen sie auf dem Weltmarkt deutlich an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für Weizen bekommen Landwirte in der Ukraine derzeit zwischen 180 und 190 Euro pro Tonne, auf dem Weltmarkt könnten sie zwischen 425 und 440 Euro erzielen. Mais bringt im Inland 150 bis 160 Euro, auf dem Weltmarkt mit 300 bis 314 Euro ungefähr das Doppelte. Noch größer ist der Unterschied bei Sonnenblumen. Im Inland werden sie für 390 bis 420 Euro gehandelt, auf dem Weltmarkt für 935 bis 1.030 Euro pro Tonne.

Globale Folgen treffen die Ärmsten der Armen

Durch die Exportprobleme fehlen nicht nur den Landwirten in der Ukraine Einnahmen, mit denen sie Mitarbeiter, Diesel, Dünger oder Saatgut bezahlen.

Die Preisentwicklung auf dem Weltmarkt hat auch gravierende Auswirkungen für Menschen in anderen Ländern. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch warnt, dass durch die massiven Transportprobleme Millionen Menschen in Afrika Hunger leiden könnten. Viele afrikanische Länder seien unverhältnismäßig stark von Weizen aus der Ukraine und aus Russland abhängig.

Prof. Alfons Balmann
IAMO-Direktor Alfons Balmann warnt vor den globalen Folgen für die Ärmsten der Armen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

“Dadurch, dass die Ukraine nicht liefern kann, konkurrieren die verbleibenden Nachfrageländer um das weniger verfügbare Getreide auf den anderen Märkten. Das sorgt für enorme Preissteigerungen. Die Folge ist, dass die Ärmsten der Armen am Ende möglicherweise diejenigen sind, die kein Getreide mehr abbekommen“, warnt Prof. Dr. Alfons Balmann, Agrarökonom, Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Halle.

Humanitärer Korridor als Lösung

Die Ukraine unterstützt daher jetzt auch ausländische Landwirte im Land. “Die Regierung gibt den Staatsbanken Garantien, damit diese den Bauern weiter Geld geben“, sagt Andriy Dykun, der Vorsitzende vom Allukrainischen Agrarrat. Das Transportproblem wegen der blockierten Häfen im Süden müsse aber schnell gelöst werden. Sonst könnten die Bauern die kommende Ernte nicht unterbringen. Andriy Dykun plädiert daher im Gespräch mit dem MDR unter anderem für einen von den Vereinten Nationen beschützten humanitären Korridor, über den Weizen, Mais oder Raps auf Schiffen aus dem Land gebracht werden können. Auch das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen fordert eine solche Korridorlösung.

MDR-Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 31. Mai 2022 | 20:15 Uhr

Mehr aus Wirtschaft

Kälber im Stall. 11 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Grafik Gasumlage 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
1 min 16.08.2022 | 12:45 Uhr

Die Gasumlage ist beschlossene Sache. Ab Oktober steigt der Gaspreis damit um 2,4 Cent je Kilowattstunde. Welche Mehrkosten kommen damit auf eine vierköpfige Familie zu?

Di 16.08.2022 11:30Uhr 00:33 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/wirtschaft/video-grafik-online-gasumlage-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Mehr aus Deutschland