Meine Wende Silke Wagler: Ihr Modelabel ist ein Ergebnis der Einheit

Silke Wagler war 21 Jahre alt, als die Mauer fiel. Kurz danach eröffnete die Schneiderin ihren ersten Laden in Leipzig. Mittlerweile ist ein "Wagler" im Kleiderschrank fast genauso viel wert wie ein "Chanel". Was wäre wohl aus ihr geworden, hätte es den Mauerfall, hätte es die deutsche Wiedervereinigung nicht gegeben?

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Schneiderin Silke Wagler in ihrem Laden. 4 min
Silke Wagler war 21 Jahre alt, als die Mauer fiel. Kurz danach eröffnete die Schneiderin ihren ersten Laden in Leipzig. Bildrechte: MDR / Fanny Kniestedt

Pailletten auf transparentem Stoff, cremefarbener Tüll, der luftig einen seidenen Rock umspielt – Silke Wagler begutachtet eine Kreation, die noch unfertig auf der kopflosen Stoffpuppe auf ihre Vollendung wartet. Daneben experimentiert eine ihrer Schneiderinnen an einer neuen Version des "Kleinen Schwarzen".

"Nichtachtung des menschlichen Körpers"

Die halbe Belegschaft ist wegen Corona in Kurzarbeit. Der unfreiwillige Freiraum wird genutzt: Für Kreativität. Mehr Zeit zu haben, sei manchmal ganz gut, sagt Wagler, denn so finde man neue Ausdrucksformen.

Mode sei nun mal Ausdruck von Persönlichkeit – genau das habe sie zu DDR-Zeiten schmerzlich vermisst: "Dieses Dederon hab ich wirklich gehasst, das ist ja wirklich der Inbegriff der Nichtachtung des menschlichen Körpers. Das war ja wirklich so ein nicht atmender Stoff. Die Menschen haben ja auch dementsprechend gerochen, wenn sie geschwitzt haben."

Schneiderin Silke Wagler in ihrem Laden.
Silke Wagler eröffnete kurz nach Mauerfall ihren ersten Laden in Leipzig. Bildrechte: MDR / Fanny Kniestedt

Es war vieles so unsinnlich in der Mode, vom Material bis zum Schnitt. Mode war kein Ausdruck des eigenen Lebensgefühls, sondern rein praktisch und in die Masse einzuordnen.

Silke Wagler

Die mausgrauen Anzüge, Kittelschürzen und Handgelenkstaschen bei Männern stießen bei Wagler deshalb schon damals auf wenig Liebe.

Provokation mit Mode

Inspiriert durch Theater und Schauspielhaus, wo sie das Handwerk lernte, durchstöberte sie damals Antiquitätenläden nach ausgefallenen Sachen, nahm alte Kleider ihrer Mutter, trennte Nähte auf und schneiderte sich ihre eigenen Klamotten, inspiriert von Depeche Mode: "Ich hatte ganz viel schwarze Sachen selber genäht, Bettlaken schwarz eingefärbt oder mit Textilfarben bemalt. Das lustige war, ich hatte ein gelbes Moped mit rotem Integralhelm aus Budapest und dazu hatte ich mir wie so einen schwarzen Frack genäht. Also das muss ziemlich lustig ausgesehen haben, aber ich wollte damit auch provozieren."

Ich sag immer, man muss mit den Stoffen sprechen können.

Wende brachte die Veränderung

Das Schwarz machte jedoch schnell Platz für Farbe. Der Verkaufsbereich strahlt vor Pink, Türkis, Sonnengelb, Weiß und Creme. Sie selbst trägt ein knallorangenes Kleid – natürlich handgeschneidert.

Was genau diese Veränderung brachte? Sie überlegt kurz und sagt – die Wende: "Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal im Alsterhaus in der Stoffabteilung war. Ich glaub, ich hab da einen ganzen Tag zugebracht, das war natürlich so ein kreativer Super-GAU, wo man dann an die Stoffe kam. Also ich glaube das war auch diese Explosion, die mich auch dazu gebracht hat, mich selbstständig zu machen nach diesem ganzen Mangel und diesem ganzen Aushelfen." Solch tolle Seiden, Samt oder Spitze habe es zuvor ja gar nicht zu kaufen gegeben.

Nelken-Recycling nach der der Wende

Silke Wagler hätte in Hamburg Karriere machen können, sicher auch in Paris. Doch Wagler setzte von Anfang auf Leipzig. 1990 eröffnete sie hier ihren ersten Laden in einem besetzten Haus in der Schulze-Delitzsch-Straße im Eisenbahnstraßenviertel: "Also das Geschäft war völlig runtergekommen. Da war ein Lager für Konsumwerbemittel drin und da waren kistenweise rote Mainelken. Und diese Nelken habe ich auf meinen ersten Kleidern verarbeitet." So habe sie ihr DDR-Trauma "sozusagen vernäht".

Was man heute nachhaltiges Arbeiten nennt, damit sei sie als Kind der DDR einfach groß geworden, erzählt Wagler. Man musste mit den Ressourcen arbeiten, die da waren. Und was wäre nun, wenn die Mauer nicht gefallen wäre, wenn es die Wiedervereinigung nicht gegeben hätte? Für Silke Wagler gibt es nur eine Antwort: "Ich wäre ich auf jeden Fall gegangen. Schweren Herzens. Aber ich wäre gegangen."

Meine Wende – Alle Teile dieser Serie:

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 30. September 2020 | 05:00 Uhr

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