Julia Pshenychna Meine deutschen Wochen | Teil 2

Ich grüße Sie! Mein Name ist Julia Pshenychna. Ich möchte Ihnen meine Eindrücke und Erfahrungen aus meinem neuen Leben hier in Deutschland mitteilen.

Nach einem Monat Krieg, in dem wir uns vor Granaten und endlosen Luftalarmen versteckten, beteten, dass die Raketen uns nicht treffen und wir mehrere Stunden in einem Korridor ausharren mussten, verließen wir hastig unser Zuhause in der Ukraine (Kiew) und flohen nach Deutschland. Meine beiden Töchter (16 und 7 Jahre alt) und ich fanden uns in einem sehr freundlichen, aber unbekannten Land wieder. Und jetzt ist es an der Zeit, unser Leben ganz von vorne zu beginnen, denn wir müssen unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder aus dem Nichts neu aufbauen. Ich war noch nie so konzentriert und organisiert, weil das Leben in der Ukraine und in Deutschland so unterschiedlich war.

Julia Pshenychna
Bildrechte: Julia Pshenychna/MDR

Zuerst war ich beeindruckt von der unglaublichen Menge an verschiedenen
Dokumenten, die wir uns beschaffen mussten und der Vielzahl an Instanzen, die wir durchlaufen mussten. Hier brauchte ich sofort einen großen Ordner, in den ich alle Dokumente sortierte. Ohne diesen ist es sehr schwierig, denn sonst kann man in der Menge an Papier ertrinken. Da ich zwei Kinder habe, musste ich außerdem neben der Wohnungssuche und der Anmeldung beim Sozialamt die Kinder zur Schule schicken. Es musste ein Bankkonto eröffnet und eine Geldkarte beschafft werden, eine Versicherung abgeschlossen, ärztliche Bescheinigungen für die Schulen eingeholt und ein Vertrag für Strom und Internet (Wi-Fi) abgeschlossen werden. Weiterhin gingen (und gehen) wir ständig zu verschiedenen und nicht endenden Terminen. Im Internet gibt es den Witz, dass die Leute deshalb zu Terminen gehen, um sich bei diesen Terminen für die nächsten Termine anzumelden. Es folgten angespannte Wochen des Wartens auf Antwort aus dem Sozialamt (es gibt dort zu wenig Mitarbeiter für Tausende von Ukrainern und es war nicht einfach für mich). Nachdem ich eine Reihe von E-Mails verschickt und keine Antwort erhalten hatte, schrieb ich einen handschriftlichen Brief auf Deutsch (Danke an Google Translate) und warf ihn in den Briefkasten des Sozialamtes. Die Antwort kam und wie durch ein Wunder erhielten wir die notwendigen Mittel und Dokumente!

Bisher war mein größtes Problem der Mangel an Zeit. Ich fing daher an, nicht nur Geld zu sparen, sondern auch meine Zeit zu optimieren. Je mehr ich davon sprach, ich hätte keine Zeit, desto weniger wurde sie. Ich trieb mich und meine Kinder in ein endloses Rennen. Es kam der Tag, an dem mir bewusst wurde, dass es an der Zeit war, innezuhalten, auszuatmen und langsamer zu werden – in erster Linie moralisch, weil es sich nicht lohnt zu versuchen zu kontrollieren, was man nicht kontrollieren kann. Man muss Prioritäten setzen, den Tag sorgfältig planen und immer aufmerksam sein – das ist nun das Wichtigste in meinem deutschen Leben. 

Seitdem überprüfe ich zuerst den Briefkasten (der mir wegen meiner hohen Aufmerksamkeit fast zu einem nahen Verwandten geworden ist), in dem jeden Tag Briefe und Terminvereinbarungen eintreffen können. Ich habe mir einen Wandkalender gekauft, in dem ich wichtige Dinge notiere, damit ich sie immer vor Augen habe.

Kleine Dinge, die bis zu drei Minuten dauern können, erledige ich sofort (denn während du sie aufschreibst, kannst du sie schon erledigen). Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, zuerst die schwierigen Dinge zu erledigen, damit sie nicht über mir schweben wie ein Damoklesschwert. Nach einem langen Chaos wurde mein Leben dadurch nach und nach ruhiger und effizienter.

Ich möchte allen Deutschen aufrichtig danken, die uns dabei helfen, dass wir uns in diesem wunderbaren Land anpassen und leben können.

Und uns Ukrainern möchte ich Geduld, Mut und Frieden in unserem Land und in unseren Herzen wünschen und Selbstvertrauen, denn wir sind sehr stark und können alles bewältigen.

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6 хв. 30.09.2022 | 18:44 Год.

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