Ausbildungsreport 2020 Jeder zweite Azubi kann nicht von seinem Gehalt leben

Die Lage am Ausbildungsmarkt sieht mau aus, die Zahl der Ausbildungsstellen sinkt. Die Sorge, dass Betriebe die Pandemie nicht überstehen, ist groß. Jeder zweite Azubi klagt, von seinem Gehalt nicht leben zu können.

Eine Physiotherapeutin bei einer Patientin
Viele Auszubildende sind mit ihrer Lehrstelle zufrieden, auch wenn viele kaum mit dem Gehalt über die Runden kommen. Bildrechte: dpa

Mehr als die Hälfte aller Auszubildenden (57 Prozent) können "weniger gut" oder "gar nicht" selbstständig von ihrer Vergütung leben. Das geht aus dem aktuellen Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbundes hervor. Danach erhält jeder Zweite (49 Prozent) zusätzliche finanzielle Unterstützung, um sich überhaupt über Wasser halten zu können. Die durchschnittliche Vergütung der befragten Auszubildenden beträgt 836 Euro, über alle Ausbildungsjahre, Berufe und das Geschlecht hinweg. Sie liegt damit mehr als 100 Euro unter dem Durchschnitt der tariflichen Ausbildungsvergütungen von 941 Euro.

Zur knappen Kasse vieler Auszubildenden passt auch die Unzufriedenheit mit der Wohnsituation. Zwei Drittel der Befragten (65 Prozent) würden gern in einer eigenen Wohnung leben, etwa ein Viertel (27 Prozent) kann sich das tatsächlich leisten.

Zufriedenheit nimmt mit Dauer der Ausbildung ab

Der Ausbildungsreport zeigt auch, dass insgesamt 71 Prozent der Befragten mit ihrer Ausbildung "(sehr) zufrieden" sind. Auffällig ist jedoch, dass die Begeisterung vieler im Laufe ihrer Ausbildung abnimmt. Während im ersten Ausbildungsjahr noch fast 71 Prozent ihre Ausbildung weiterempfehlen würden, sind es im letzten Ausbildungsjahr nur knapp über die Hälfte (52 Prozent).

Unklare Zukunftsperspektiven

Auszubildende in einem Supermarkt
Wie geht es nach der Ausbildung weiter? Viele Azubis wünschen sich eine klare Zukunftsperspektive. Bildrechte: imago/Becker&Bredel

Das liegt vor allem daran, dass die Zukunftsperspektiven oft unklar sind: Fast 40 Prozent der Auszubildenden wissen selbst im letzten Ausbildungsjahr nicht, ob sie von ihrem Ausbildungsbetrieb übernommen werden. Zudem wird ein Drittel der übernommenen Azubis nur zeitlich befristet eingestellt, zumeist bis höchstens ein Jahr.

Mehr als ein Drittel der Auszubildenden (34 Prozent) vermisst die Orientierung: sie bekommen keinen betrieblichen Ausbildungsplan, obwohl dieser gesetzlich vorgeschrieben ist. Damit wissen viele nicht, wie ihre Ausbildung ablaufen soll und was die Lerninhalte sind.

Lange Wege zur Berufsschule

Ein weiteres Ergebnis der Befragung ist, dass Auszubildende zum Teil weite Wege zum Ausbildungsbetrieb oder zur Berufsschule zurücklegen müssen. Fast jeder vierte Auszubildende braucht länger als eine halbe Stunde zum Betrieb. Zur Berufsschule sind 40 Prozent der Auszubildenden länger als eine halbe Stunde unterwegs. Lange Fahrtzeiten sorgen für Stress und für zusätzliche Kosten.

Dazu passt, dass sich etwa drei Viertel der Befragten ein kostenloses bzw. kostengünstiges Azubi-Ticket für den öffentlichen Personen- und Nahverkehr wünschen, um ihren Betrieb und ihre Berufsschule besser erreichen zu können.

Insgesamt wurden für den Ausbildungsreport 2020 die Meinungen von 13.347 Auszubildenden erfragt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. August 2020 | 15:10 Uhr

32 Kommentare

THOMAS H vor 3 Wochen

Da die Zeit schnellebig ist, muß ich hier einen Nachtrag anbringen, weil durch t-onlinede, der von mir benannte Artikel "Wie viel Geld brauche ich zum Leben" mit Datum 28.08.2020 verändert wurde.
Es wird jetzt wie folgt geschrieben:
"Das absolute Minimum an Geld, das ein Mensch zum Leben braucht, nennt man Existenzminimum. DAMIT SOLL JEDER ZUMINDEST DEN GRUNDLEGENDEN MATERIELLEN LEBENSUNTERHALT BESTREITEN KÖNNEN."
Nun wird aufgeführt, das es verschiedene Arten gibt:
"1- Existenzminimum welches den Hartz-IV-Leistungen (z. Zt. für Alleinstehende 424 €, plus Kosten für Unterkunft und Heizung im Monat) zu Grunde liegt"
"2- sächliche Existenzminimum gibt Auskunft über die steuerfreien Einnahmen (z. Zt. 784 € im Monat)" und
"3- das pfändungsfreie Existenzminimum (seit Juli 2019 für alleinstehende Schuldner = 1178,59 € Netto im Monat, wobei sich der Betrag, bei Unterhaltszahlungen erhöht)"
Wie damit der großgeschriebene Satz (nach lesen des t-online-Artikels) erfüllt werden soll ???

THOMAS H vor 3 Wochen

Mensch Thomas: Sehen Sie, gerade deswegen ist es doch wichtig solche
Ausgaben (habe dies für einen AN im Artikel "Wieder Sanktionen für Hartz-IV-Empfänger" getan) von den Auszubildenden zu erhalten und diese in die Öffentlichkeit zu bringen, so daß sich die Politik/Wirtschaft in Bezug der Finanzen zum Leben endlich bewegen muß, vor allem, da ja "in Deutschland seit Juli 2019, als absolutes Minimum (auch Existenzminimum genannt) für eine alleinstehende Person in Höhe von 1178,59 € gilt" - Quelle: t-onlinede "Wie viel Geld brauche ich zum Leben" vom 26.08.2020.
Dort ist auch zu lesen: " DAMIT SOLL SICHERGESTELLT SEIN, DASS JEDER DIE MATERIELLEN BEDÜRFNISSE BEFRIEDIGEN KANN, DIE ZUM ÜBERLEBEN NOTWENDIG SIND.".
Es stellt sich also die Frage: Warum gibt es in Deutschland Menschen (Azubis, ArbeitnehmerInnen, Arbeitssuchende, RentnerInnen usw) die diesen Betrag nicht zur Verfügung haben?
In Bezug "WG-Mietwucher" sollte geklärt werden, wie dieser mit den jeweiligen Mietspiegeln vereinbar ist.

MenschThomas vor 3 Wochen

Also Ihnen wünsche ich mal in der tatsächlich Situation eines jungen Azubis zu sein! Sie haben Glück mit Ihrer Miete... Versuchen Sie mal in einer Großstadt als junger Mensch ohne als normal geltendes Gehalt eine Wohnung zu bekommen. 350-450 € sind quasi normal für einen WG Anteil ohne dabei von einer Luxusunterkunft zu reden. Und Unterstützung finanzieller Art gestaltet sich nicht so einfach wie das irgendwo geschrieben steht - wie lange haben Sie Ihre Wohnung denn zur Miete schon @ Thomas. Ja es gibt Mietwucher und oftmals bleibt einem nichts anderes übrig als eine teure Unterkunft zu bewohnen... Wie Malte hier anscheinend

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.