Donald Trump
Die Leistungsbilanz zwischen den USA und der Europäischen Union ist nahezu ausgeglichen. Trumps Behauptung, sein Land sei beim Handel mit Europa mit 150 Milliarden US-Dollar im Nachteil, ist falsch. Bildrechte: dpa

Faktencheck USA und EU: Wie groß ist das Außenhandelsdefizit wirklich?

Die Europäer, so sieht es US-Präsident Donald Trump, sind keine fairen Geschäftspartner. Sie fluten Amerika mit ihren Autos, Maschinen oder Lebensmitteln. Im Gegenzug würden sie aber kaum etwas Amerikanisches kaufen. So entsteht, laut Trump, ein gigantisches Außenhandelsdefizit. Amerika würde für reichlich 150 Milliarden US-Dollar mehr aus Europa einkaufen als es dorthin verkauft. So rechtfertigt Trump auch seine Zoll-Androhungen zum Beispiel auf deutsche Autos. Stimmt die Rechnung überhaupt?

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Donald Trump
Die Leistungsbilanz zwischen den USA und der Europäischen Union ist nahezu ausgeglichen. Trumps Behauptung, sein Land sei beim Handel mit Europa mit 150 Milliarden US-Dollar im Nachteil, ist falsch. Bildrechte: dpa

Dienstleistungen fehlen in Trumps Rechnung

Es heißt ja, das erste Opfer eines Krieges sei die Wahrheit. Offenbar stimmt das auch für Handelskonflikte. Es ist zwar richtig, dass die Europäer deutlich mehr Waren in die USA verkaufen als umgekehrt. Aber das sei eben nur ein Teil der Wahrheit, sagt Markos Jung vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln: "Ja, der US-Präsident bezieht sich hauptsächlich auf die Bilanz der Waren, die zwischen zwei Ländern gehandelt werden. In diesem Fall zwischen der Europäischen Union und den USA. Was er natürlich unterschlägt, ist die Bilanz der Dienstleistungen. Und von daher ist es natürlich eine ganz stark verkürzte Darstellung von Donald Trump."

Tatsächlich fehlen die Dienstleistungen in Trumps Rechnung komplett. Dabei sind digitale Dienste der Exportschlager der USA. Ob Facebook, die Google-Suche, der Verkauf digitaler Musik oder Filme. Wenn man all das in die Bilanz einrechne, schrumpft das US-Defizit gegenüber Europa um ein Drittel auf immer noch rund 100 Milliarden Dollar.

Gewinne der EU-Tochterunternehmen fließen an US-Muttergesellschaft

Doch man müsse noch etwas berücksichtigen, sagt Axel Lindner vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle. "Diese großen Digitalfirmen wie Apple haben Tochterunternehmen aus steuerlichen Gründen gegründet, beispielsweise in Irland. Und dort lassen sie einen Großteil der Gewinne hinfließen. Diese Gewinne fließen dann wieder an die Muttergesellschaft in den USA. Das sind Kapitaleinkommen, die dazu führen, dass die Einkommensbilanz der USA positiv ist. Das verbessert wiederum die Leistungsbilanz."

Diese Leistungsbilanz ist die Summe aus dem Verkehr von Waren, Dienstleistungen und Kapitaleinkommen. Sie gibt ein halbwegs realistisches Bild über die Wirtschaftsstärke ab und sollte deshalb der eigentliche Vergleichsmaßstab sein, sagt Lindner: "Schauen wir jetzt auf den Saldo der Leistungsbilanz der USA gegenüber der Europäischen Union, dann finden wir sogar, dass je nach Statistik die USA entweder ein kleines Defizit oder sogar einen kleinen Überschuss aufweisen."

Statistiken nicht eindeutig

Je nach Statistik heißt: Die Zahlen sind leider nicht ganz eindeutig. Die USA und Europa rechnen unterschiedlich. Das liegt daran, dass sich zum Beispiel digitale Dienstleistungen schwer bilanzieren lassen. Wo genau ist der Gewinn entstanden? Das Problem stelle sich auch schon bei handfesten Produkten, sagt Markos Jung. "Was für mich immer ein sehr gutes Beispiel ist, ist das iPhone X. Das kostet 1.000 Euro hier im Handel und da ist natürlich die Frage: Welchen Anteil von diesen 1.000 Euro ordnen wir den USA zu, welchen Anteil ordnen wir China zu?"

Denn dort wurde das Gerät gebaut. Doch egal, ob man nun wie die amerikanische Statistikbehörde rechnet oder wie die europäische. In beiden Fällen ist das Fazit zulässig: Die Leistungsbilanz zwischen den USA und der Europäischen Union ist nahezu ausgeglichen. Trumps Behauptung, sein Land sei beim Handel mit Europa mit 150 Milliarden US-Dollar im Nachteil, ist falsch.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 26. Juni 2018 | 06:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Juni 2018, 07:22 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

7 Kommentare

26.06.2018 16:37 ralf meier 7

Ralf Geissler Nr 5: Danke zurück,. Zum langjährigen Handelsdefizit der USA gegenüber Deutschland verweise ich gerne auf die Welt vom
14.03.2017: ' Deutsche Autos sind Amerikas größter Exporterfolg' . Zitat: 'Das Handelsdefizit der USA mit Deutschland ist riesig'. Diese Aussage wird nicht dadurch falsch, das einige Wirtschaftsinstitute seit der Regierung Trump (?) nicht mehr nur den Handel, sondern lieber die gesamte Leistungsbilanz inclusive Dienstleistungen und sonstiger Faktoren betrachten und dann feststellen, das die Gesamtleistungsbilanz ausgeglichener ist.
Zurück zur Handelsbilanz und dem immer noch bestehenden riesigen Handelsdefizit der USA. Dieses Handelsdefizit ist mitverantwortlich dafür, das aus dem ehemaligen 'manufactoring Belt' der USA spätestens unter Obama der 'Rosty Belt wurde'. Herr Trump möchte, das dies wieder ein manufactoring belt wird. Dafür wurde er gewählt und daran hält er sich.

26.06.2018 13:58 andre 6

Ist doch klar, dass jeder versucht seine Interessen zu verkaufen und dazu Statistiken beschönigt oder etwas hineininterpretiert, egal ob Europäer oder Ami oder Chinese oder Russe, das ist menschlich! Aber wenn das Handelsdefizit wirklich so groß wäre, wie es Trump immer darstellt, dann wären die ganzen Präsidenten vor ihm und natürlich auch dessen Administrationen völlig inkompetent gewesen und dürften auch nicht bis drei zählen können! Und wie man super dem Bericht und dessen Zahlen entnehmen kann, ist dem nicht so und wenn man nicht ein völlig verblendeter Trumpanhänger ist und lesen kann, ist es gar nicht so schwer, dies zu erkennen... Mal sehen wie lange Trump seinen Protektionismus noch aufrecht erhalten kann, bis ihm seine eigenen Landsleute vom Hof jagen, denn mehr Arbeitsplätze schafft er dadurch, wenn überhaupt, nur kurzfristig.

26.06.2018 13:10 Ralf Geissler 5

Danke für Ihre Anmerkung. Kurz zur Einordnung. Es handelt sich nicht um die Meinung von Markos Jung sondern um eine Einschätzung, die Wissenschaftler am ifo-Institut, am IWH und am IdW unabhängig voneinander so getroffen haben. Nach Zahlen des ifo-Instituts haben die USA im ersten Quartal gegenüber der EU in der Leistungsbilanz einen Überschuss von 2,4 Milliarden US-Dollar erzielt. Gerechnet hat das Institut eigenen Angaben zufolge mit den amtlichen US-Zahlen.

26.06.2018 10:42 ralf meier 4

Da lese ich als Resume des Artikels: 'Die Leistungsbilanz zwischen den USA und der Europäischen Union ist nahezu ausgeglichen. Trumps Behauptung, sein Land sei beim Handel mit Europa mit 150 Milliarden US-Dollar im Nachteil, ist falsch. '

Korrekt formuliert müsste das Resume des Autors lauten: "Trumps Behauptung, sein Land sei beim Handel mit Europa mit 150 Milliarden US-Dollar im Nachteil, ist nach Meinung des Herrn Markos Jung
falsch."
Was ich von der Meinung des Herrn Markos Jung halte, habe ich in einem vorhergehenden Kommentar bereits geschrieben. Dem Autor des Artikels möchte ich zusätzlich einen unter Journalisten sehr geschätzten Wahlspruch des Herrn Hanns Joachim Friedrichs empfehlen:
'Der Journalist macht sich nicht gemein mit einer Sache'.

26.06.2018 10:26 ralf meier 3

Erstaunlich, wie kreativ Statistiker werden können, wenn es ums Trump Bashing geht. ( Das ist natürlich nur meine Meinung liebe Moderation, die ich anschließend erläutere)
Ich würde es schon aus Vergleichsgründen vorziehen, wenn man auch gegenüber Herrn Trump Leistungsbilanzen so vergleicht, wie es international schon immer und gegenüber allen anderen Staaten üblich ist.

PS: Es gibt außer dem von mir vermuteten beliebten 'Trump Bashing' vielleicht noch einen ganz pragmatischen Grund für die kreative Neuinterpretation eines Bilanzvergleiches durch Herrn Markos Jung.
Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln ist laut Wiki ein arbeitgebernahes Wirtschaftsforschungsinstitut und wird von Verbänden und Unternehmen der Wirtschaft finanziert. Die werden vermutlich schon aus Eigeninteresse solch eine innovative Statistik gegenüber der USA begrüßen.

26.06.2018 08:31 kauscha99 2

Sehr guter Beitrag, der den Sachverhalt umfänglicher darstellt als allgemein üblich.

26.06.2018 07:16 winfried 1

Der Artikel beschreibt, dass es an der jeweils herangezogenen Statistik liegt, wer Recht hat.
Es könnte also auch Hr. Trump sein ... oder die EU.
Die Nennung der Leistungsbilanz-Zahlen an jeweils einem Beispiel(pro USA, pro EU) hätten den geneigten Leser "schlauer" und beurteilungsfähiger gemacht.

Mehr zum Thema