Vor dem Parlament in Athen werden die Fahnen von Griechenland und der EU hochgehalten.
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Rettungskredite gegen Reformen Griechenland - mit Rettungskrediten aus der Krise?

Am 20. August 2018 läuft das dritte Rettungspaket für Griechenland aus. Fast 290 Milliarden Euro an Krediten hat es seit 2010 erhalten. Nun steht das Land finanziell wieder auf eigenen Beinen. Doch die Staatsverschuldung liegt bei fast 180 Prozent, die Arbeitslosenquote bei knapp 20 Prozent, der Sozialstaat wurde durch geforderte Reformen massiv beschnitten, öffentliche Unternehmen privatisiert. Was führte zur Krise, welche Hilfen wurden gezahlt und was sind die Folgen? Ein Überblick.

von Johannes Angermann, MDR AKTUELL

Vor dem Parlament in Athen werden die Fahnen von Griechenland und der EU hochgehalten.
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Was war Ursache für die Griechenland-Krise?

Griechenland hatte bereits vor dem Beitritt zur Eurozone wirtschaftliche Probleme. Diese haben sich nach der Einführung der Gemeinschaftswährung noch verschärft. Die Wirtschaft des Landes war im europäischen Vergleich nicht wettbewerbsfähig. Der Staatsapparat war groß und ineffizient. Es gab einen großen öffentlichen Sektor. Griechenland leistete sich zudem ein teures Militär.

Demgegenüber standen nur geringe Einnahmen. Das Land litt unter ineffizienten Steuerbehörden, einem großen Schattensektor und hoher Korruption. Geringe Einnahmen und hohe Ausgaben führten dazu, dass sich Griechenland immer weiter verschuldete. Mit dem Eurobeitritt stiegen zudem die Zinsen auf griechische Staatsanleihen. Griechenlands Schulden stiegen immer weiter – zumeist bei privaten Banken.

Was brachte das Fass zum Überlaufen?

Nach der US-Immobilienkrise 2007 und der Insolvenz der US-Bank Lehman Brothers im Jahr 2008 verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage in Griechenland weiter. Die Neuverschuldung stieg rasant und betrug 2008 10,2 Prozent, 2009 gar 15,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Kreditwürdigkeit des Landes sank, die Zinsen auf griechische Staatsanleihen stiegen immer weiter. Griechenland hatte Probleme neue Schulden aufzunehmen, dem Land drohte ein Staatsbankrott.

Was waren die sogenannten Rettungspakete?

  • Das erste Rettungspaket


Um diesen abzuwenden beantragte die griechische Regierung am 23. April 2010 offiziell Finanzhilfe von der Europäischen Union. Das Land bekam von der sogenannten Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und dem Internationalen Währungsfond (IWF) ein erstes Rettungspaket bewilligt. IWF und die Länder der Eurozone stellten Kredite und Bürgschaften in Höhe von 107,3 Milliarden Euro bereit, von denen 73 Milliarden Euro ausgezahlt wurden. Zudem kaufte die EZB privaten Banken im großen Stil ausfallgefährdete griechische Staatsanleihen ab. Im Gegenzug verpflichtete sich Griechenland zu weitreichenden Reformen. Die griechische Wirtschaft brach im Anschluss weiter ein, das Land brauchte weiteres Geld.

Was ist der Euro-Rettungsschirm? Als Euro-Rettungsschirm wird ein Bündel an Maßnahmen bezeichnet, das die Zahlungsfähigkeit überschuldeter Länder sicherstellen soll.

Darunter fallen unter anderem das erste Griechenland-Programm, der ESM, die EFSF sowie der Europäische Finanzstabilisierungsmechanismus (EFSM), worüber Mittel aus dem EU-Haushalt an überschuldete Länder ausgezahlt werden.


  • Das zweite Rettungspaket


Im Februar und März 2012 wurde vom IWF und Euroländern ein zweites Kreditpaket für Griechenland in Höhe von 163,6 Milliarden Euro vereinbart, inklusive nicht ausgezahlter Gelder aus dem Ersten Paket. Statt direkter Kredite der einzelnen Euroländer erhielt Griechenland nun Geld von der Europäischen Finanzierungsfaszilität (EFSF). Ausgezahlt wurden Griechenland letztlich 142,7 Milliarden Euro durch den EFSF sowie 11,98 Milliarden Euro durch den IWF. Im Rahmen des zweiten Pakets wurde zudem ein Schuldenschnitt vereinbart. Die Gläubiger erließen Griechenland insgesamt 107 Milliarden Euro an Schulden.

Was ist die EFSF? Die Europäische Finanzstabilisierungsfaszilität, kurz EFSF, vergibt günstige Kredite an Krisenländer. Das Kapital dafür nimmt sie über Anleihen am Markt auf, für die die Mitgliedstaaten der Eurozone mit ihrem jeweiligen Anteil bürgen.

Die EFSF wurde 2010 als Zwischenlösung konzipiert. Seit der Einrichtung des ESM kümmert sich die EFSF nur noch um die Abwicklung früherer Programme.

  • Das Dritte Rettungspaket


Nach dem Griechenlandreferendum im Juli 2015 wurde im August 2015 ein drittes Kreditpaket in Höhe von 86 Milliarden Euro für Griechenland aufgelegt. Finanziert wurde dieses über den Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM und nicht mehr dessen Vorgänger ESFS. Der IWF beteiligte sich nicht mehr an der Finanzierung dieses Kreditpakets. 61,9 Milliarden Euro wurden ausgezahlt. Das auf drei Jahre befristete Programm läuft am 20. August 2018 aus.

Was ist der ESM? Der Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM unterstützt überschuldete Staaten mit günstigen Krediten und Bürgschaften. Da alle Staaten der Eurozone dafür bürgen, kann der ESM das Geld dazu günstig über Anleihen am Markt aufnehmen.

Der ESM ist seit 2013 der auf Dauer angelegte Nachfolger der EFSF.

Wie viel Geld hat Griechenland bekommen?

Nach Zahlen der EU-Kommission, des Bundesfinanzministeriums und des ESM wurden insgesamt Mittel in Höhe von 288,8 Milliarden Euro ausgezahlt. 256,9 Milliarden Euro kamen von den Staaten der Eurozone, 31,9 Milliarden stammen vom IWF.

Bis wann muss Griechenland die Schulden bezahlen?

Bis 2016 hatte Griechenland die 20,1 Milliarden Euro des IWF aus dem ersten Paket vollständig getilgt. Bis 2026 sollen die übrigen 11,8 Milliarden Euro zurückgezahlt werden.

Die Kredite der Euroländer, des ESFS und des ESM laufen länger. Die bis 2013 ausgezahlten Gelder des ersten Pakets haben inzwischen eine Laufzeit von 7,5 Jahren und müssen erst ab 2023 bedient werden.
Die EFSF-Kredite des zweiten Pakets haben eine durchschnittliche Laufzeit von 32,5 Jahren und sollen zwischen 2023 und 2056 vollständig getilgt werden.
Die Mittel aus dem dritten Rettungspaket müssen nicht vor 2034 zurückgezahlt werden. Die Laufzeit beträgt durchschnittlich 32,5 Jahre. Laut eines Berichts des Handelsblatts ist mit einer vollständigen Rückzahlung nicht vor 2066 zu rechnen.

Wie viel Geld hat Deutschland beigesteuert?

Im Zuge des ersten Griechenlandpakets, steuerte Deutschland rund 22,4 Milliarden Euro bei. Diese müssen ab 2023 bedient werden. Deutschland hält am EFSF des zweiten Paktes einen Anteil von rund 27 Prozent und steht damit für rund 38,6 Milliarden Euro ein.
Auch am ESM hält Deutschland rund 27 Prozent. Im Falle des dritten Griechenlandpakets entspricht das einem Kreditvolumen von 16,7 Milliarden Euro.

Das Gesamtrisiko liegt rechnerisch bei 77,7 Milliarden Euro. Kann die Regierung in Athen das Geld nicht zurückzahlen, bleibt die Bundesrepublik auf diesem Verlust sitzen.

Hat Deutschland an der Griechenlandrettung verdient?

Bei den sogenannten "Hilfspaketen" handelt es sich um Kredite. Neben der Tilgung der Schulden muss Griechenland für diese Kredite Zinsen zahlen. Für den Kredit aus dem ersten Paket werden inzwischen – nach einer Reduzierung um ein Prozent – 4,8 Prozent Zinsen fällig. Gemeinsam mit Zinsgewinnen aus dem Ankauf griechischer Staatsanleihen durch die EZB verbuchte Deutschland daraus bislang einen Gewinn von 2,9 Milliarden Euro.

Was musste Griechenland als Gegenleistung tun?

Im Gegenzug für Kredite stellten die Gläubiger weitgehende Forderungen. Griechenland wurde zu Privatisierungen, radikalen Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen verpflichtet. Unter anderem wurde die Mehrwertsteuer von 19 auf 23 Prozent erhöht.

  • Sozialbereich


Gespart wurde vor allem im Sozialbereich. Die Renten sanken im Durchschnitt um 45 Prozent, das Rentenalter wurde auf 67 Jahre angehoben. Im Gesundheitssystem kam es zu massiven Einsparungen. Als Folge des Sparkurses stieg unter anderem die Kindersterblichkeit an.

  • Öffentlicher Dienst


Die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst ging um mehr als ein Viertel zurück. Staatsbetriebe wie Häfen, Wasser- und Kraftwerke wurden privatisiert, auch wenn die Einnahmen weit hinter den Erwartungen zurückblieben.

  • Wirtschaft


Die griechische Wirtschaft brach in der Krise massiv ein. Die Arbeitslosenquote stieg um fast 20 Prozent auf zeitweise über 27 Prozent. Der Mindestlohn wurde auf 3,39 Euro in der Stunde herabgesetzt. Das Arbeitslosengeld wurde auf 322 Euro gesenkt.

Wie geht es Griechenland im Jahr 2018?

Griechenland hatte 2017 eine Staatsverschuldung von 178,6 Prozent des BIP. Das bedeutet, die Verschuldung entsprach fast dem Doppelten, was Griechenland innerhalb des einen Jahres an Waren herstellte und Dienstleistungen erbrachte.

Im Jahr vor der Griechenlandkrise 2009 lag die Quote bei 126,7 Prozent. Langsam erholt sich die griechische Wirtschaft: 2017 lag das Wachstum bei 1,4 Prozent. Nach langer Pause werden wieder griechische Staatsanleihen ausgegeben. Griechenland kann sich auf den Finanzmärkten Geld leihen und ist nicht länger auf Mittel aus dem ESM angewiesen. Allerdings liegt die Arbeitslosenquote bei 19,5 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit ist doppelt so hoch.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 20. August 2018 | 10:55 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. August 2018, 05:00 Uhr