Wegweiser zum Betriebsrat.
Viele Unternehmer sehen Betriebsräte eher als hinderlich. Bildrechte: imago stock&people

Hilfreich oder Hindernis? Was bringen Betriebsräte?

Viele Unternehmer sehen die Mitbestimmung durch Betriebsräte kritisch. Schließlich redet ihnen dann ständig jemand ins Geschäft rein. Deshalb werden Versuche, so ein Gremium zu gründen, häufig erstickt. Doch welche ökonomischen Effekte haben Betriebsräte? Am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle gibt es einen Wissenschaftler, der sich seit Jahren damit beschäftigt. Gerade ist eine neue Untersuchung von ihm erschienen.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Wegweiser zum Betriebsrat.
Viele Unternehmer sehen Betriebsräte eher als hinderlich. Bildrechte: imago stock&people

Stephan Pinkwart hat es versucht. Bei einer Logistikfirma in Erfurt wollte er einen Betriebsrat gründen. Mehrfach hatten seine Chefs Samstagsarbeit und Überstunden verlangt. Pinkwart wollte, dass die Kollegen bei solchen Entscheidungen mitreden dürfen. Er druckte Handzettel. Doch das Verteilen im Betrieb wurde ihm verboten. Auf einer Betriebsversammlung sei ein Betriebsrat kategorisch ausgeschlossen worden. Deshalb habe Pinkwart sich auf Gegenwind eingestellt.

Aber wir haben nicht erwartet, dass sie auf Spionage gehen: Verteilen die irgendwelche Flyer in der Pause? Was machen die Leute am Wochenende?

Stephan Pinkwart

Betriebsräte können Produktivität steigern

Tatsächlich sehen viele Unternehmer Betriebsräte zumindest kritisch. In der Privatwirtschaft wird gerade einmal jeder dritte ostdeutsche Beschäftigte durch einen Betriebsrat vertreten. Dabei erhöhen Betriebsräte die Produktivität. Das sagt zumindest Stefan Müller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle. In kleinen Unternehmen verändere ein Betriebsrat an der Produktivität zwar nichts, in Unternehmen ab 100 Mitarbeitern ließen sich aber positive Effekte messen.

Mitarbeiter bekämen die Möglichkeit, Unzufriedenheit mit Arbeitsbedingungen zum Ausdruck zu bringen und auf Besserung zu drängen, so Müller. "Wäre kein Betriebsrat da, würden diese Menschen möglicherweise den Betrieb verlassen, beziehungsweise implizit kündigen. Das heißt nicht formal kündigen, sondern wirklich aufhören, hart zu arbeiten. Das hätte enorme Produktivitätskosten für den Betrieb."

Kein Wundermittel mit Sofortwirkung

Außerdem fänden gute Ideen über einen Betriebsrat leichter den Weg in die Geschäftsführung, sagt Müller. Er räumt aber ein, dass die positiven Effekte erst nach einigen Jahren eintreten. Unmittelbar nach Gründung eines Betriebsrates sinke die Produktivität oft erst einmal: "Es ist jedoch nicht klar aus den Studien herauslesbar, ob das eine Fortführung eines negativen Trends ist, ob also der Betrieb den Betriebsrat bekommt, weil er in eine Krise hineinschlittert. Oder ob tatsächlich der Betriebsrat dafür verantwortlich ist, dass zunächst Konflikte entstehen, die zu einem schlechteren Betriebsklima führen."

Dass Mittelständler auf Betriebsräte keine Lust haben, findet Müller wenig überraschend. Ein Unternehmer lasse sich halt ungern hineinreden. Dabei ist die Rechtslage eindeutig. Ab fünf Beschäftigten kann ein Betriebsrat gewählt werden. Wer die Gründung behindert, macht sich strafbar. Zu Prozessen kommt es aber fast nie, sagt Ronny Streich von der Gewerkschaft Verdi:

Es soll wohl in den vergangenen Jahrzehnten ein oder zwei Fälle gegeben haben. Es kam da aber kein brauchbares Ergebnis heraus.

Ronny Streich, Verdi

Kritik an Staatsanwaltschaften

Die Gewerkschaft hält die Staatsanwaltschaften für nicht gut eingestellt in den Verfahren. Sie setzten sich nicht so sehr mit dem Thema auseinander und würden ihm einen geringen Stellenwert beimessen. Streich fordert: "Das müsste auf jeden Fall dringend geändert werden."

Stephan Pinkwart hat es mit der Betriebsratsgründung dann nicht noch einmal versucht. Er arbeitet inzwischen woanders. Sein ehemaliger Arbeitgeber betont auf Nachfrage von MDR AKTUELL, er habe die Gründung eines Betriebsrates keineswegs behindert. Wenn die Mitarbeiter es wollen würden, könnten sie jederzeit Betriebsräte wählen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. Juni 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Juni 2018, 05:00 Uhr

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2 Kommentare

22.06.2018 13:42 Pfingstrose 2

Vertrauensleute sind neben dem Betriebsrat Ansprechpartner für die Beschäftigten im Betrieb. Vertrauensleute sind nicht gesetzlich institutionalisiert. Trotzdem haben sie eine große Bedeutung. Sie sind meist näher dran an der täglichen Arbeit der Beschäftigten und damit auch an deren Sorgen und Anliegen. Vertrauensleute haben eine andere Aufgabe als der Betriebsrat. Der Betriebsrat ist die gesetzliche Interessenvertretung aller Beschäftigten im Betrieb. Er ist zum Beispiel Verhandlungspartner der Geschäftsleitung bei Betriebsvereinbarungen. Dabei unterstützen ihn die Vertrauensleute. Denn sie sind die Interessenvertreter und Sprecher der IG Metall-Mitglieder in den Abteilungen. Sie wissen durch den täglichen Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen am besten, wo der Schuh drückt. Vertrauensleute und Betriebsrat unterstützen und ergänzen sich. Als Vertrauenskörper wird die Summe aller Ansprechpartner für die Beschäftigten im Betrieb bezeichnet. Dazu zählen Vertrauensleute, Betriebsräte

22.06.2018 13:22 Pfingstrose 1

Das die Arbeitgeber und <chefs den Betriebsrat scheuen wie der teufel das Weihwasser ist doch klar, dakönnen sie ohne einverständnis der Arbeitnehmer über deren Köpfe hinweg entscheiden. Auch wenn sie vielen Chefs ein Dorn im Auge sind: Betriebsräte sind gut fürs Unternehmen. Zumindest, wenn Manager einen Betrieb durch Gruppenarbeit oder flache Hierarchien neu organisieren wollen. Einer aktuellen Studie zufolge bringen solche modernen Arbeitsformen nämlich einen Produktivitätszuwachs von mehr als 25 Prozent. Voraussetzung: In der Firma gibt es einen Betriebsrat, der an der Neuorganisation beteiligt ist. Bei Unternehmen ohne Mitarbeitervertretung lässt sich kein Effekt feststellen.