Erfindungen Nur jedes zwanzigste Patent kommt aus dem Osten

Seit der Wiedervereinigung sind in Deutschland rund 1,7 Millionen Patente und Gebrauchsmuster angemeldet worden. Gerade einmal rund fünf Prozent davon stammen dabei aus dem Osten. Woran liegt das? Ein Wirtschaftswissenschaftler nennt Ursachen.

von Henry Rieck

Deutsches Patent- und Markenamt mit Briefkästen, gereiht nach Wochentagen, 2012
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Seit der Wiedervereinigung wurden in den neuen Bundesländern rund 94.000 Patente und Gebrauchsmuster angemeldet. Damit liegt der ostdeutsche Anteil bei rund fünf Prozent der rund 1,7 Millionen gewerblichen Schutzrechte in Deutschland. Das ergab eine Auswertung des MDR-Magazins "Umschau". Basis dafür ist die Statistik des Deutschen Patent- und Markenamts (DPMA) bis einschließlich 2018. 1989 wurden nach Auskunft des DPMA in der DDR 12.047 Patente angemeldet. Seit der Wiedervereinigung waren es pro Jahr durchschnittlich 3.350. Der größte Teil der Anmeldungen aus den fünf ostdeutschen Ländern kam mit 39 Prozent aus Sachsen. Es folgen Thüringen mit 24 Prozent, Brandenburg mit 15, Sachsen-Anhalt mit 14 und Mecklenburg-Vorpommern mit acht Prozent.

Wirtschaftswissenschaftler geht Ursachen auf den Grund

Prof. Michael Wyrwich
Prof. Michael Wyrwich (Universität Groningen) leitet an der Universität Jena ein Projekt zu Innovationen in Ostdeutschland. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als Ursachen für die Innovationsschwäche des Ostens nennt der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Michael Wyrwich zwei Tatsachen: "25 Prozent der Personen, die auf den DDR-Patentschriften in den späten 80er-Jahren verzeichnet sind, haben nach dem Ende der DDR in den alten Bundesländern einen Arbeitsplatz gefunden. Zudem wurden Akademien und Industrieforschung abgewickelt. Im Osten gibt es insbesondere zu wenige Konzernzentralen. Dort sind die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen angesiedelt." Wyrwich leitet an der Universität Jena ein Forschungsprojekt zu Innovationen in Ostdeutschland. Eine Lösung des Problems könnte aus seiner Sicht zum Beispiel die Förderung von innovativen Unternehmen aus den Regionen heraus und die Schaffung einer lokalen Gründungskultur sein. Das führe langfristig dazu, dass sich ein schlagkräftiger innovativer Mittelstand in Ostdeutschland oder sogar der eine oder andere Technologie-Konzern herausbilden könne, so Wyrwich.

West-Ost- und Nord-Süd-Gefälle

Auch unter Berücksichtigung der Zahl der Erwerbstätigen in den Bundesländern bleibt die Innovationsschwäche des Ostens weiter sichtbar. Im Ranking "Anzahl der Patent- und Gebrauchsmusteranmeldungen je 100.000 Erwerbstätige" belegen die fünf ostdeutschen Länder zusammen mit Bremen und Schleswig-Holstein die hinteren Plätze. In Thüringen gab es seit 1990 durchschnittlich 77 Anmeldungen pro Jahr, in Sachsen 74, in Brandenburg 47, in Sachsen-Anhalt 45 und in Mecklenburg-Vorpommern 35. Das Bundesländer-Ranking führen Baden-Württemberg mit 272 sowie Bayern mit 240 Anmeldungen an. Damit zeichnen sich nicht nur ein West-Ost-Gefälle, sondern auch eine Schwäche im Norden und Schwerpunkte im Süden und Südwesten ab.

Hochschulen im Osten stark bei Patentanmeldungen

Ein wichtiger Faktor für die Forschung im Osten sind die Hochschulen. Jede dritte Patentanmeldung von Hochschulen kommt aus den fünf ostdeutschen Bundesländern. Zudem ist auch der Anteil der Hochschul-Anmeldungen von Patenten in Ostdeutschland höher als im übrigen Bundesgebiet. Während die Quote bei den Anmeldungen im Zeitraum von 2000 bis 2018 im Osten bei rund sechs Prozent liegt, beträgt sie im Westen (inkl. Berlin) 0,6 Prozent. "Hochschulen können auch eine wichtige Rolle zur Schaffung einer lokalen Gründungskultur spielen, wenn man deren Technologietransferfunktion in diesem Bereich stärkt", so der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Michael Wyrwich. Nach seinen Forschungsergebnissen sind die ostdeutschen Hochschulen erfolgreicher im Wettbewerb um Drittmittel für die Forschung. Dieses Geld kommt nicht aus dem Universitätshaushalt, sondern von externen Partnern. "Das deutet auf Kooperationen mit der Industrie hin, die dann entsprechend in der Anmeldung von Patenten münden könnten", so der Wirtschaftswissenschaftler.

Patent- und Gebrauchsmusteranmeldungen der Hochschulen 2000–2018
Bundesland Anzahl Anteil in %
Baden-Württemberg 1470 0,5%
Bayern 1188 0,4%
Berlin 532 2,0%
Brandenburg 235 2,3%
Bremen 189 4,2%
Hamburg 239 1,0%
Hessen 782 1,1%
Mecklenburg-Vorpommern 431 8,2%
Niedersachsen 819 1,1%
Nordrhein-Westfalen 1471 0,7%
Rheinland-Pfalz 204 0,5%
Saarland 97 1,3%
Sachsen 2028 8,0%
Sachsen-Anhalt 447 5,0%
Schleswig-Holstein 308 1,9%
Thüringen 894 5,6%
     
Westdeutschland + Berlin 7299 0,6%
Ostdeutsche Bundesländer 4035 6,1%
Deutschland 11334 1%

Quelle: Deutsches Patent- und Markenamt (DPMA), Arbeitskreis "Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder" (AK ETR); Berechnungen: MDR-"Umschau"

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 14. Januar 2020 | 20:15 Uhr