Mario Draghi
Die Europäische Zentralbank hat ihren Sitz in Frankfurt. EZB-Präsident ist seit 2011 der Italiener Mario Draghi, im November 2019 soll ihm die Französin Christine Lagarde folgen. Bildrechte: dpa

Was sind die Folgen für Verbraucher? EZB: Höhere Strafzinsen für Banken und Anleiheprogramm

Die EZB hat die sogenannten Minuszinsen für Banken angehoben und kauft wieder Staatsanleihen im großen Stil. Der Leitzins bleibt bei Null. Die Finanz- und Versicherungsbranche stöhnt. Was bedeuten die Entscheidungen für Verbraucher?

Mario Draghi
Die Europäische Zentralbank hat ihren Sitz in Frankfurt. EZB-Präsident ist seit 2011 der Italiener Mario Draghi, im November 2019 soll ihm die Französin Christine Lagarde folgen. Bildrechte: dpa

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Strafzinsen für Banken angehoben und nimmt ihre umstrittenen Anleihenkäufe wieder auf. Der sogenannte Einlagensatz liegt künftig bei minus 0,5 statt derzeit minus 0,4 Prozent. Banken müssen also für das Parken von Geld bei der EZB höhere Strafzinsen zahlen.

Zudem kündigte die EZB in Frankfurt an, die im Dezember 2018 beendeten Anleihenkäufe erneut aufzunehmen. Ab 1. November sollen monatlich Staatspapiere für 20 Milliarden Euro erworben werden. Die Zentralbank erklärte, "so lange wie nötig" an ihrem Programm zur Entlastung der Wirtschaft festzuhalten.

Leitzinsen der EZB
Entwicklung der Leitzinsen seit 2008 Bildrechte: MDR.DE

Damit weitet die Europäische Zentralbank ihre ohnehin expansive Geldpolitik weiter aus. Mit der Erhöhung der Strafzinsen sollen Banken noch mehr gedrängt werden, Geld für Kredite an Unternehmen und Privatkunden auszugeben und damit die Wirtschaft anzukurbeln. Die Einlagenzinsen sind bereits seit 2014 negativ.

Der für Verbraucher wichtige zentrale Leitzins bleibt unverändert bei 0,0 Prozent, es gibt für Guthaben auf dem Giro- oder Sparkonto also in der Regel weiterhin keine Zinsen.

Heftige Kritik am EZB-Kurs

Das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung reagierte mit Unverständnis. ZEW-Finanzexperte Friedrich Heinemann sagte, das beschlossene Paket gehe "weit über das Vertretbare hinaus". Die Wiederaufnahme der Anleihekäufe sei ein "gefährliches Signal" an andere Euroländer, der Druck zur Sanierung ihrer Staatsfinanzen sinke.

Auch Bankenpräsident Hans-Walter Peters kritisierte die Maßnahmen als unangemessen. Die Gefahr einer Deflation sei im Euroraum "weit und breit nicht zu erkennen". Die aktuelle wirtschaftliche Schwächephase rechtfertige "kein weiteres geldpolitisches Notprogramm". Sebastian Wanke von der KFW-Bank sprach vom letzten großen Wurf des scheidenden EZB-Präsidenten Mario Draghi. Jedoch glaubten nur noch die wenigsten, dass solche Maßnahmen Konjunktur und Inflation spürbar stimulieren können.

Versicherungsbranche alarmiert

Ähnlich sieht es der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Die EZB nutze Instrumente, die "Krisensituationen vorbehalten sein sollten". Stattdessen würden Anreize für Sparer, für das Alter vorzusorgen, "schwer beschädigt".

Gerhard Schick, Vorstand der Bürgerbewegung Finanzwende, mahnt: "Wer fürs Alter vorsorgen will oder eine Wohnung sucht, leidet unter der Zinssituation." Jetzt sei die Bundesregierung gefordert. Der Staat könnte zur privaten Altersvorsorge ein kostengünstiges und renditeträchtiges Standardprodukt anbieten.

Dagegen begrüßte Sebastian Dullien vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung die EZB-Entscheidungen. Angesichts der zuletzt beobachteten konjunkturellen Abkühlung und Inflationsraten weit unter dem EZB-Ziel von 2,0 Prozent sei der Schritt richtig.

Risiken der Nullzinspolitik für Verbraucher

Leidtragende der Niedrigzinsen sind vor allem konservative Sparer. Sie bekommen keine Zinserträge für ihr Geld auf dem Konto. Selbst sogenannte Tagesgeldkonten bieten keine nennenswerten Erträge. Weil Banken und Sparkassen die Guthabenzinsen nicht noch weiter senken können ohne Kunden zu verlieren, drohen höhere Gebühren.

Kritiker der Nullzinspolitik warnen angesichts der Geldflut am Markt vor Übertreibungen bei anderen Geldanlagen. So gibt es Anzeichen für eine Blase am Immobilienmarkt. Da Immobilienkredite derzeit sehr günstig sind, lassen sich viele Menschen zur Kreditaufnahme verleiten. Das treibt die Immobilienpreise an.

Anhaltende Niedrigzinsen wirken sich auch auf Lebensversicherungen aus. Die Garantiezinsen sind in den letzten Jahren auf knapp über ein Prozent gesunken, Neuabschlüsse lohnen kaum. Von der Misere sind Pensionskassen und Sozialversicherungen ebenso betroffen. Deshalb schmelzen etwa auch bei Krankenkassen die Rücklagen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. September 2019 | 16:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2019, 16:43 Uhr

34 Kommentare

Klaus vor 1 Wochen

Sie widersprechen sich.
Wenn nach Ihrer Darstellung bei niedrigen Zinsen niemand investiert, dann wird das bei höheren Zinsen erst recht niemand tun.
Und was das Personal angeht, wir haben gute Fachkräfte aus Ostdeutschland, Polen und Asien gefunden. Das geht sehr gut und wegen der EZB-Zinspolitik können wir auch ordentlich investieren.
Bei deutlich höheren Zinsen würde sich das nicht rechnen und wir würden das dann auch nicht tun.
Und das Startkapital habe ich durch Arbeit erworben, das kann auch jeder, wenn man das will.

Kritiker vor 1 Wochen

+...Man muss sein wirtschaftliches Handeln an den Rahmenbedingungen ausrichten und dann funktioniert das auch....+
Ja die Rahmenbedingungen und das wirtschaftliche Handeln. Wer nicht das Geld für entsprechende Rahmenbedingungen (und das sind in Ostdeutschland sicher mindestens 75% der dortigen Bevölkerung und in Westdeutschland ggf. 50%, dem nutzt weder irgend eine wirtschaftlichen Handlung noch daraus resultierend eine Ansparung für das Alter. Die Strafzinsen, welche hier bei den "Bunkerung" von Geld bei der EZB wird mit Sicherheit irgendwie wieder auf anderer Seite hereingeholt von den Banken und Geldinstituten. Die machen mit Sicherheit kein Minusgeschäft. Aber auch bei abflauender Konjunktur werden die Wenigsten investieren und wenn da die Zinsen noch so niedrig sind. Da fehlt es dann an ArbKr. an Fachpersonal, an Handelsmärkten oder Dienstleistungen für angemessenes gerechtes Geld, wie bei den anderen Unternehmen, die schon über Fachkräftemangel klagen.

Klaus vor 1 Wochen

Das Lebenskonzept kann jeder eigenverantwortlich für sich selbst anpassen.
Ich habe mir auch alles selbst erarbeitet.
Und die Zeiten, wo man noch 7-8 % Zinsen bezahlt hat, waren deutlich schwerer.

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