Skyline der Frankfurter Innenstadt
Frankfurt am Main, der Sitz der Deutschen Bank und der Commerzbank Bildrechte: Colourbox.de

Hintergrund Deshalb gibt es den Bankenstresstest

Am Freitag veröffentlichen Europas Bankenaufseher die Ergebnisse des jüngsten Fitness-Checks für Banken. In den vergangenen Monaten mussten die Geldhäuser durchrechnen, was im schlimmsten Fall passieren würde. Wir erklären, was hinter diesem Test steckt.

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Frankfurt am Main, der Sitz der Deutschen Bank und der Commerzbank Bildrechte: Colourbox.de

Was ist ein Stresstest?

Stellen Sie sich vor, bei Ihnen zu Hause gehen Auto und Waschmaschine kaputt und Ihr Arbeitgeber geht pleite. Ist in so einem Fall Ihr finanzielles "Polster" dick genug? Reichen Einnahmen, Ersparnisse und Versicherungsschutz? So ähnlich, nur im größeren Rahmen, funktioniert ein Bankenstresstest. Weltweit überprüfen Aufseher regelmäßig, wie anfällig Banken im Fall der Fälle wären. Und zwar anhand eines angenommenen Krisenszenarios. Die Tests sollen Risiken in den Bilanzen offenlegen. Gegebenenfalls können Aufseher dann einzelnen Instituten frühzeitig auftragen, ihr Kapitalpolster für eventuelle Krisenzeiten zu verstärken.


Wer wurde getestet?

Stellen mussten sich dem EBA-Test in den vergangenen Monaten 48 Banken aus 15 Staaten. Die Aufseher nahmen vor allem die Schwergewichte der Branche unter die Lupe: Allein die 37 getesteten Banken aus der Euro-Zone stehen für rund 70 Prozent der Bilanzsumme aller Geldhäuser in der Währungsunion.

Zusätzlich überprüften die Bankenaufseher im Frühjahr die vier großen griechischen Banken. Für sie wurden schon im Mai Ergebnisse veröffentlicht. Parallel zu dem EBA-Test hat die EZB als zentrale Bankenaufsicht für den Euroraum einen nahezu identischen Stresstest für weitere 54 Institute durchgeführt, die sie direkt beaufsichtigt. Unter diesen 54 Instituten sind elf deutsche, beispielsweise die Dekabank als Vertreter des Sparkassenlagers.

Der Bankenstresstest ist in diesem Jahr übrigens nicht ganz so umfangreich wie zuvor: Beim ersten Stresstest im Jahr 2014 wurden noch 130 Geldhäuser geprüft. Vor zwei Jahren waren es noch 51 Geldhäuser.


Für welche deutschen Banken gibt es Ergebnisse?

Aus Deutschland mussten in dem EBA-Test acht Banken Daten liefern: Die beiden großen Privatbanken Deutsche Bank und Commerzbank, die genossenschaftliche DZ Bank, die 4 führenden Landesbanken LBBW, BayernLB, Helaba und Nord-LB sowie das staatliche Förderinstitut NRW.Bank. Unter den deutschen Banken ist die Nord-LB, die aktuell auf Investorensuche ist, mit dem geringsten Kapitalpolster in den Stresstest gegangen.


Was wollten die Aufseher wissen?

Die Banken mussten auf Basis ihrer Bilanz Ende 2017 folgendes Krisenszenario durchrechnen: Wie sehr schrumpft die Kapitalbasis innerhalb von drei Jahren, wenn die Konjunktur stark einbricht, die Arbeitslosenzahlen in die Höhe schießen, die Immobilienpreise in den Keller gehen und bei einem Einbruch der Aktien- und Anleihenkurse die Währung verfällt?

Genauer gesagt: Im Krisenszenario wird unterstellt, dass Europas Wirtschaft innerhalb von drei Jahren um 8,3 Prozent schrumpft. Angenommen wird weiterhin, dass die Arbeitslosenquote um 3,3 Prozentpunkte steigt. Die Preise für Wohnimmobilien würden um 19,1 Prozent abrutschen.


Werden alle Länder über einen Kamm geschoren?

Nein, es gab länderspezifische Krisenszenarien. Das hat mit der unterschiedlichen Stärke der Volkswirtschaften und ihrer Banken zu tun. So wurde zum Beispiel für Deutschland ein weitaus heftigerer Wirtschaftsabsturz angenommen als für Italien, um die Banken in den beiden Ländern einem vergleichbaren "Stress" auszusetzen.

Unabhängige Experten und der Bankenverband BdB halten den Stresstest übrigens für noch strenger als die vorherigen. Laut EBA ist er auch strenger als vergleichbare Tests der US-Notenbank bei US-Banken.


Wird es Durchfaller geben?

Nein, durchfallen konnte man beim Stresstest 2018 nicht. Wie beim Test vor zwei Jahren verzichteten die Aufseher auf die Vorgabe standardisierter Kapitalquoten, die die Banken in der Prüfung erfüllen mussten. Aber: Schneiden Banken im Test schlecht ab, können die Aufseher sie durchaus verpflichten, ihre Kapitalpuffer zu verstärken.

Auch wenn es keine Durchfaller gibt: Investoren, Gläubiger, Ratingagenturen und Öffentlichkeit werden dennoch Rückschlüsse auf die Stabilität jedes einzelnen Instituts ziehen können. Sinkt nämlich die Kapitalquote einer Bank bei dem Test zu stark, offenbart das Probleme.


Auf welchen Wert schauen die Aufseher besonders?

Entscheidend für Erfolg oder Misserfolg einer Bank wird sein, wie stark das Krisenszenario ihr sogenanntes hartes Kernkapital reduziert. Dabei werden die ausgereichten Kredite unter die Lupe genommen, aber auch die Bestände im Handelsbuch einer Bank, wie Staatsanleihen oder Aktien.

Überprüft wird auch, inwiefern sich ein Risiko aus einem eventuellen Fehlverhalten von Bankern ergibt. Denn Verstöße gegen Vorschriften hatten vielen Geldhäusern zuletzt hohe Strafen eingebrockt, allen voran der Deutschen Bank.


Sorgen solche Tests für Beruhigung?

Die Erfahrungen sind durchwachsen. Beim europäischen Stresstest 2010 - noch vor Gründung der EBA - fielen nur Institute durch, von denen es erwartet worden war: beispielsweise der mit Steuermilliarden gerettete Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate. Kurz nach dem damaligen Test musste der Staat zunächst unauffällige irische Banken auffangen. 2011 schnitt im EBA-Test etwa die belgisch-französische Dexia-Bank glänzend ab. Sie wurde wenig später als erstes großes Opfer der Euro-Schuldenkrise zerschlagen.


Sind Stresstests also sinnlos?

Darüber gehen die Meinungen auseinander. Befürworter sagen, solche Tests seien wichtig, um Transparenz über mögliche Gefahren zu schaffen. Kritiker bemängeln dagegen zum Beispiel, dass das Risiko eines Ausfalls von Staatsanleihen im aktuellen Test nicht ausreichend berücksichtigt sei. Zudem profitierten Banken mit hohem Anteil ausfallgefährdeter Kredite von den Kriterien, weil Banken Zinseinkünfte aus solchen Krediten im diesjährigen Test einrechnen dürfen. Beides spielt zum Beispiel Italiens Banken in die Hände. Diese halten nicht nur hohe Bestände an Wertpapieren ihres Heimatstaates, auch der Berg von Problemkrediten in ihren Büchern ist im Vergleich zu Banken in anderen Euroländern besonders hoch.

Quelle: Reuters, dpa

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 02. November 2018 | 10:55 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. November 2018, 10:39 Uhr