Personalmangel Pflegeheime: Kosten steigen stetig – doch wofür genau?

Mehr Pflegepersonal und bessere Bezahlung: So steigt auch der Eigenanteil bei den Heimkosten immer weiter. Dabei zahlen Pflegebedürftige manchmal auch für Personal, das nur auf dem Papier existiert.

Tochter mit ihrer Mutter im Pflegeheim 6 min
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Der Eigenanteil bei den Kosten für einen Pflegeheimplatz steigt und steigt. Dabei zahlen Pflegebedürftige auch für Personal, das nur auf dem Papier steht.

FAKT Di 21.05.2019 21:45Uhr 06:04 min

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Für Marita Scholte aus Bautzen, war es ein Schock. Seit November kostet der Pflegeheimplatz für ihre Schwiegermutter 425 Euro mehr im Monat. Geld, das die Familie nicht hatte, erinnert sie sich: "Das Erste, was ich damals gemacht hab, war die Einzugsermächtigung wiederrufen vom Pflegeheim. Weil ich gesagt hab, wir können es nicht bezahlen und wir müssen irgendwie gucken, wo das Geld dann herkommt." 

Die Pflegeversicherung von ihrer Schwiegermutter Hannelore deckt nur einen Teil der Kosten. 1631 Euro muss sie selbst zahlen. Ihre Rente reicht dafür aber nicht aus. Sie wird zum Sozialhilfefall – nach knapp 40 Jahren Arbeit.

Marita Scholte - Angehörige einer Pflegeheimbewohnerin
"Wir können es nicht bezahlen", sagt Marita Scholte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Deutschlandweit ist der Eigenanteil für Heimbewohner gestiegen. Im Bundesdurchschnitt um 4 Prozent auf 1831 Euro im Monat. Am stärksten haben sich die Beiträge in Sachsen-Anhalt und Brandenburg erhöht. 

Ein häufiger Grund für die Erhöhungen sind gestiegene Lohnkosten. Dass Pflegekräfte mehr Geld bekommen, ist politisch gewollt und gesetzlich vorgegeben. Der Beruf soll attraktiver werden, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Draufzahlen müssen dafür allerdings die Heimbewohner. Denn die Pflegeversicherung zahlt keinen höheren Anteil als vorher.

Fehlendes Personal trotz höherer Beiträge

Geschäftsführerin eines Pflegeheims, Ursula Fleischer
Die Geschäftsführerin des Pflegeheims: Ursula Fleischer. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Heim, in dem Hannelore Scholte lebt, sind die Löhne um 3,6 Prozent gestiegen. Das erklärt die 425 Euro mehr pro Monat aber nicht. Die Geschäftsführerin des Heims, Ursula Fleischer, setzt nach, dass der größte Anteil fünf zusätzliche Stellen für Pflegekräfte finanziert. "Es sind natürlich nicht alle Stellen besetzt. Die Personalsituation auf dem Arbeitsmarkt ist schon katastrophal. Wir hatten lang keine Probleme, weil wir gut bezahlt haben, aber mittlerweile hat uns das alle erreicht." Zwei Stellen sind momentan noch offen. Seit Monaten bezahlen Pflegebedürftige für die aber schon mit.  

Heime, die die vereinbarten und abgerechneten Personalschlüssel nicht erfüllen, können so zusätzliche Gewinne machen. Ein Systemfehler, der falsche finanzielle Anreize setzt, meint der BIVA-Pflegeschutzbund. Und auch der Gesundheitsökonom Professor Heinz Rothgang regt zum Umdenken an. Sein Vorschlag: eine Rückzahlung der Monate, in denen Heime kalkulierte Stellen nicht besetzen konnten.

Rothgang meint, "der ganze Gesundheitsbereich ist ein riesiger Wirtschaftssektor. Da wird auf Kosten geschaut, da wird versucht die Kosten zu drücken, es wird versucht die Erlöse zu erhöhen. Das ist alles vollkommen normal. Schwierig wird es, wenn es entweder zu Lasten des Personals geht oder zu Lasten der Pflegebedürftigen, das heißt, was wir brauchen in diesen Märkten ist eine gewisse Kontrolle."

Neue Finanzierung soll Heimbewohner entlasten

Dass stationäre Pflege für immer mehr Familien nicht mehr zu bezahlen ist, findet Erwin Rüddel (CDU) falsch. Er ist Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Bundestag und meint, die zusätzlichen Kosten sollten von der Pflegeversicherung übernommen werden. Das wäre eine völlig neue Finanzierung. Aktuell ist der Versicherungssatz gesetzlich festgeschrieben. Jede Erhöhung geht voll zu Lasten des Heimbewohners.

Künftig soll der Anteil für Pflegebedürftige feststehen und jede Erhöhung von der Pflegeversicherung gezahlt werden. So würde das Risiko verlagert von der Familie auf die Pflegeversicherung, meint Rüddel. "Weil für die Familie würde feststehen, dieser Maximal-Beitrag, den muss ich im stationären Umfeld bezahlen und das was darüber hinausgeht, das würde dann finanziert über die Pflegeversicherung."

Rüddel hofft, noch in diesem Jahr diese Veränderungen zu erreichen. Bis dahin bleibt die Situation für Familie Scholte, wie sie derzeit ist: Die gestiegenen Pflegeheimkosten zahlt Hannelore Scholte, mit Unterstützung vom Sozialamt. Auch für Leistungen, von denen die 74-Jährige im Moment nichts hat.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 21. Mai 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Mai 2019, 15:08 Uhr