Wirtschaftsforscher Oliver Holtemöller
Wirtschaftsforscher Oliver Holtemöller. Bildrechte: dpa

Interview mit IWH-Vizechef Holtemöller Wirtschaftsforscher erarbeiten in Halle Gemeinschaftsdiagnose

Zweimal im Jahr erstellen die führenden Konjunkturforschungsinstitute Prognosen für die wirtschaftliche Entwicklung im Land. Im Herbst 2018 haben sie eine um 1,7 % höhere Wirtschaftsleistung erwartet, 0,5 Prozentpunkte weniger als noch im Frühjahr. Ab Dienstag erstellen sie in Halle ihre neue sogenannte Gemeinschaftsprognose. IWH-Vizepräsident Oliver Holtemöller erläutert, wie die kommenden 14 Tage ablaufen.

von Wolfgang Brinkschulte, MDR-Wirtschaftsexperte

Wirtschaftsforscher Oliver Holtemöller
Wirtschaftsforscher Oliver Holtemöller. Bildrechte: dpa

Frage: Ihre Kolleginnen und Kollegen aus den führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten bereiten die nächste Gemeinschaftsdiagnose vor. Da sitzen rund sechzig Wissenschaftler zusammen. Wie laufen die Beratungen ab in einem solch großen Kreis?

Professor Dr. Oliver Holtemöller, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle: "Wir gehen arbeitsteilig vor. Es gibt etwa zehn Arbeitsgruppen, die sich jeweils detailliert mit spezifischen Teilbereichen beschäftigen. So gibt es etwa Gruppen, die sich mit dem Arbeitsmarkt, den Investitionen oder der wirtschaftlichen Entwicklung im Euroraum beschäftigen. Die Arbeit in den einzelnen Gruppen wird von der fünfköpfigen Federführung koordiniert, die alles in einen konsistenten Zusammenhang bringt. Am Ende wird das gesamte Gutachten in einer gemeinsamen Lesung von vorne bis hinten noch einmal abgestimmt."

Um was geht es bei der Konjunkturprognose genau, wozu treffen Sie Aussagen?

Unsere Prognose ist eine wichtige Grundlage für die öffentliche Haushaltsplanung. Sie hilft der Bundesregierung bei der Anfertigung einer makroökonomischen Projektion, die dann wiederum Grundlage der Steuerschätzung ist. Dazu prognostizieren wir vor allem diejenigen Größen, die wichtig für die Steuerschätzung sind, zum Beispiel neben dem Bruttoinlandsprodukt auch die Bruttolöhne und -gehälter. Auch die Ausgabenseite des Staates haben wir im Blick. Mithilfe einer Vorausschätzung der Arbeitslosenzahl lassen sich zum Beispiel die zu erwartenden Ausgaben der Arbeitslosenversicherung ermitteln.

Auf welcher Datenbasis geben Sie die Prognose ab?

Wir verwenden eine große Vielzahl an Datenquellen. Die wichtigste statistische Basis sind die volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen. Daneben greifen wir auch auf amtliche Konjunkturindikatoren wie zum Beispiel die Industrieproduktion und auf Umfragedaten, zum Beispiel vom ifo Institut, zurück. Internationale Datenquellen spielen ebenfalls eine große Rolle, da wir auch Prognosen für die wichtigsten deutschen Absatzmärkte erstellen.

Diese Prognosen werden ja schon seit vielen Jahren erarbeitet, nach dem "Gesetz zur Erstellung gesamtwirtschaftlicher Vorausschätzungen der Bundesregierung". Welchen Stellenwert haben sie?

Die Gemeinschaftsdiagnose gibt es in der Tat schon seit dem Jahr 1950, und  wir erstellen jetzt die 139. Gemeinschaftsdiagnose. Natürlich wandeln sich die Anforderungen mit der Zeit. So überprüft die Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose neuerdings  in Einklang mit den einschlägigen EU-Regelungen und dem Vorausschätzungsgesetz auch die Plausibilität der makroökonomischen Projektion der Bundesregierung. Damit soll zum Beispiel verhindert werden, dass die öffentliche Haushaltsplanung auf unrealistischen Annahmen zur Steuerentwicklung basiert. Wir liefern damit einen Beitrag zur Stabilität der Staatsfinanzen.

Inwiefern haben die Prognosen auch eine konkrete Bedeutung für Unternehmen und Verbraucher?

Wir wissen, dass auch private Unternehmen unsere Prognosen als Planungsgrundlage heranziehen. Wir liefern nicht nur eine sogenannte Punktprognose, also einen Einzelwert für bestimmte Indikatoren, sondern diskutieren auch die gesamtwirtschaftlichen Risiken und die Bandbreite der möglichen Entwicklung. Das kann Unternehmen helfen, das wirtschaftliche Umfeld besser einzuschätzen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 19. März 2019 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. März 2019, 06:31 Uhr