Im Kalender ist ein Termin für ein Bewerbungsgespräch vermerkt.
Immer häufiger bleiben Bewerber ihren Bewerbungsgesprächen oder ersten Arbeitstagen fern. Bildrechte: imago/McPHOTO

Job-Ghosting Bewerber versetzen Arbeitgeber

Bewerber kennen das: Man schreibt Dutzende Bewerbungen an Unternehmen – und erhält keine Antwort. Diese Praxis scheint sich mittlerweile mehr und mehr umzukehren. Jetzt, da der Fachkräftemangel den Arbeitsmarkt prägt, sind es immer häufiger die Bewerber, die sich nicht mehr melden. Und die Unternehmen, die ihnen hinterherrennen. Für diesen Trend gibt es sogar schon eine schicke englische Bezeichnung.

von Andre Seifert, MDR AKTUELL

Im Kalender ist ein Termin für ein Bewerbungsgespräch vermerkt.
Immer häufiger bleiben Bewerber ihren Bewerbungsgesprächen oder ersten Arbeitstagen fern. Bildrechte: imago/McPHOTO

Eckhard Schroeder leitet ein mittelständisches Immobilien-Unternehmen in Leipzig. Er sagt, er erlebe immer häufiger, dass Bewerber auf Praktika, Lehrstellen oder Jobs nicht zu vereinbarten Terminen erscheinen. Nach Angaben von Schroeder hatte das Unternehmen im vergangenen Jahr eine Gruppe von Auszubildenden zu einem Round-Table-Gespräch eingeladen.

Von denen, die wir eingeladen haben, sind schon mal vier überhaupt nicht erschienen.

Eckhard Schroeder, Leipziger Immobilien-Unternehmer

Dieses Schwänzen von Vorstellungsgesprächen oder anderen Terminen mache ihm das Leben schwer, sagt Schroeder: "Das versaut die Stimmung, das Niveau insgesamt. Und in vielen Fällen überleg ich mir, macht es überhaupt Sinn einzuladen oder nicht einzuladen oder sitz ich wieder alleine da?"

Überangebot durch attraktiveren Arbeitsmarkt

"Ghosting" nennt man in der Wirtschaft dieses Phänomen. Ein Begriff, der eigentlich aus der Welt der Dating-Plattformen stammt, wenn jemand nicht erscheint, mit dem man online ein Date vereinbart hat – und dann nur ein Geist bleibt.

Markus Behrens während eines Gesprächs
Markus Behrens nennt Veränderungen im Arbeitsmarkt als Grund für Ghosting. Bildrechte: MDR/Karina Hessland-Wissel

Auch die Arbeitsagenturen beobachten "Ghosting". Oft reagierten die Bewerber dann nicht mehr auf Mails oder Anrufversuche, sagt Markus Behrens, Geschäftsführer der Arbeitsagentur Sachsen-Anhalt/Thüringen. Dazu komme es, weil sich Bewerber auf viele Stellen gleichzeitig bewerben und sie – wenn sie eine haben – vergessen oder zu faul sind, bei den anderen Unternehmen abzusagen.

Behrens erzählt: "Die Situationen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt haben sich ja nachdrücklich verändert in den letzten Jahren. Der Arbeitsmarkt ist attraktiv, hält Arbeitsmöglichkeiten bereit in einer Größenordnung, die vielleicht in der Vergangenheit so nicht war." Daher gebe es also eine größere Anzahl von Alternativen. Und diese würden vielleicht dazu führen, dass Bewerber nicht erscheinen. Das sei für den betroffenen Unternehmer natürlich sehr ärgerlich.

Auswüchse des Job-Ghostings noch marginal

Handwerkskammern und IHKs in Mitteldeutschland haben Ghosting noch nicht als großes Thema auf dem Schirm, ergaben Anfragen von MDR AKTUELL. Doch viele Arbeitgeber berichten davon. Unter anderem Stephan Drescher, Geschäftsführer vom Telekommunikationsdienstleister envia Tel:

Jetzt gibt's beispielsweise Auszubildende, die die Zusage bekommen haben für einen Ausbildungsplatz und dann zum ersten Arbeitstag nicht erscheinen.

Stephan Drescher, envia Tel

Die Auswüchse des Job-Ghostings seien aber noch marginal, sagt Andreas Albrecht von der Arcadia Investment Group in Leipzig. Pro Jahr gebe es bei dem Unternehmen ungefähr 200 Bewerbungsgespräche für verschiedene Qualifizierungen oder Stellen. Und diesen Gesprächen würden ungefähr ein Prozent der Leute ohne Abmeldung fern bleiben. Auch danach würden sie sich, Albrechts Worten zufolge, nicht wieder melden.

Im Hotel "Schloss Eckberg" in Dresden erlebte der Geschäftsführer kürzlich einen Fall, der ihn besonders frustrierte: Ein Bewerber hatte den Arbeitsvertrag im Hotel schon unterschrieben, doch dann, am ersten Arbeitstag erschien er nicht und war auch nicht mehr erreichbar.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. Januar 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Januar 2019, 05:00 Uhr

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12 Kommentare

26.01.2019 15:39 M. Jacob 12

Nein, ich wohne an der Grenze Luxemburg, Frankreich, Bundesrepublik Deutschland und habe Familie in Ostsachsen. Daher mein Bestreben dorthin arbeiten zu gehen und zu leben. Übrigens habe ich von Sachsen aus den meisten Rücklauf auf meine Bewerbungen hin. Eine Firma hat, ohne mich vorher überhaupt zum Gespräch eingeladen zu haben, mir ein für Sachsen sehr gutes Gehaltsangebot gemacht. Am Telefon hieß es wörtlich: "Wir möchten Sie gerne gewinnen, was wollen Sie bei uns verdienen!". Hat man selten, erst die Moneten und dann kommt der Rest!

26.01.2019 01:40 Kolibri 11

@ M. Jacob: 1600 km für einen Job in Ostsachsen? Sie wohnen an der polnisch-ukrainischen Grenze, oder?

25.01.2019 22:45 Mario Meyer 10

So ein Quatsch, es gibt keinen Fachkräftemangel und wenn dann nur bei wenigen Nischenjobs. Wenn dem so wäre, dann bräuchte man keine 1600km fahren. Das 1% besteht wahrscheinlich aus fehlerhafter Kommunikation auf beiden Seiten und aus Leuten die von der Arbeitsagentur gezwungen wurden sich zu bewerben. Gäbe es einem Fachkräftemangel, dann bräuchte man keine Mindestlöhne.

25.01.2019 15:26 Arbeitende Rentnerin 9

Vielleicht kann man jetzt erahnen, wie man sichgefühlt hat, als man jahrelang auf Bewerbungen nicht mal eine Antwort bekommen hat und dann vom Arbeitsamt noch blöd angemacht wurde, obwohl die auch nichts hatten, viele junge Leute, die konnten , sind abgewandert oder haben auf Familiengründung verzichtet, die Leute fehlen jetzt aber wir haben doch die vielen Zugewanderten, ist wohl doch nichts?

25.01.2019 14:53 M. Jacob 8

Ich fahre grundsätzlich nur zu den Arbeitgebern, die ersten einen hervorragenden Ruf haben, zweitens ein spannendes Aufgabengebiet bieten und drittens letztendlich auch die gesamten Reisekosten übernehmen. Vorletzte Woche wurde ich sehr kurzfristig von einem holzverarbeitenden Unternehmen in Ostsachsen eingeladen. Ein brillianter Arbeitgeber mit einem hervorragenden Ruf in der Region. Dafür fuhr ich hin- und zurück etwa 1600 km. Sogar das Angebot von zahlreichen Weiterqualifizierungen hat nicht gefehlt. Da fühlt man sich als Bewerber gleich ganz gut. Der Fachkräftemangel macht es eben möglich!

25.01.2019 13:57 Willy 7

ja so ist es ansonstem war stets der Arbeitnehmer der viele Bewerbungen geschreiben hat der dumme, schadet den garnichts . Man hatte stets gehofft man bekommt wenigstens eine kleine Rückmeldung nicht mal das, sollen jetzt die neuen Facharbeiter nehmen die Merkel noch globt hat .

25.01.2019 11:16 Anton 6

@1 Sabrina - natürlich kann man jeden qualifizieren. Ganz einfach: Abitur, dann ein paar Jahre Hochschule...

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25.01.2019 11:01 Pfingstrose 5

Ja wenn der Wind sich dreht. Erst haben die AG die Bewerber ausgenoggt, jetzt hat sich der gedreht, da spüren sie selbst wie es den Bewerbern ergangen ist.

25.01.2019 09:00 David 4

Aha - die gleich Praxis, die die lieben Arbeitgeber mit ihren Bewerbern über viele Jahre gespielt haben, fällt nun auf sie selbst zurück. Und JETZT regen sie sich auf? Ich würde mal an die eigene Nase fassen!!

25.01.2019 07:29 David 3

Aha - die gleich Praxis, die die lieben Arbeitgeber mit ihren Bewerbern über viele Jahre gespielt haben, fällt nun auf sie selbst zurück. Und JETZT regen sie sich auf? Ich würde mal an die eigene Nase fassen!!