Neugierige Kühe im Stall
Die EU soll künftig Umwelt- und Tierschutz fördern, anstatt Flächenprämien zu zahlen. Bildrechte: MDR/Monika Werner

"Agrarpolitik muss raus aus der Nische" "Agrar-Atlas 2019": Initiatoren für neue EU-Agrarpolitik

Die EU-Agrarpolitik ist seit längerem umstritten. Besonders ein Element sorgt auch bei den Initiatoren des "Agrar-Atlas 2019" für harsche Kritik: die Direktzahlungen gemäß Fläche. Sie fordern deren Einstellung sowie ein Umdenken: Das Geld solle künftig in Umwelt- und Tierschutz fließen.

Neugierige Kühe im Stall
Die EU soll künftig Umwelt- und Tierschutz fördern, anstatt Flächenprämien zu zahlen. Bildrechte: MDR/Monika Werner

Die Heinrich-Böll-Stiftung und der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) fordern eine Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik. Sie gehe alle Menschen in Europa etwas an, nicht nur Bäuerinnen und Bauern, teilte die Stiftungsvorsitzende Barbara Unmüßig in einer Pressemitteilung zur Vorstellung des gemeinsam erstellten "Agrar-Atlas 2019" am Mittwoch in Berlin mit. Die Agrarpolitik müsse raus aus der Nische.

BUND-Chef Hubert Weiger dringt dabei auf ein Umdenken bei der bisherigen "verfehlten" EU-Förderpolitik nach Fläche. Von diesen Pauschalzahlungen profitierten nur die Großbetriebe, erklärte Weiger. Kleine und mittlere Betriebe würden nur unzureichend unterstützt. Wie aus dem Atlas hervorgeht, führt diese Regelung dazu, dass EU-weit 80 Prozent der Gelder an nur 20 Prozent der Begünstigten geht.

Auf Deutschland bezogen bekam im Jahr 2016 den Berechnungen zufolge nur ein Prozent der Betriebe rund 20 Prozent der Direktzahlungen.

Große Ostbetriebe – jedoch relativ geringe Summen

Aufgrund der großen Agrarflächen fließt demnach das meiste Geld nach Bayern und Niedersachsen – 976 beziehungsweise 775 Millionen Euro jährlich. Die fünf ostdeutschen Bundesländer hingegen erhalten zusammen rund 1,5 Milliarden Euro. Dort wirtschaftet auch nur rund ein Zehntel der bundesdeutschen Betriebe. Im Durchschnitt sind sie mit 224 Hektar pro Betrieb jedoch sehr viel größer als westdeutsche Firmen mit durchschnittlich 47 Hektar.

Gerade die ostdeutschen Länder mit ihren großen Flächen und Mastanlagen brauchen dringend Unterstützung beim Umbau zu einer tier- und umweltgerechten Landwirtschaft. Eine lebenswerte und ökologische Landwirtschaft gibt es nicht zum Nulltarif, deshalb muss das Geld in den Regionen bleiben und zielgerichtet eingesetzt werden.

Barbara Unmüßig, Vorsitzende der Heinrich-Böll-Stiftung

Jeder zweite Agrarbetrieb "gestorben"

Wegen der großteiligen Betriebsstruktur ist im Osten auch kein massives "Höfesterben" zu verzeichnen. In Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt gab es laut Agrar-Atlas zwischen 2010 und 2018 sogar Neugründungen. Im Westen dagegen sank die Zahl der Betriebe deutlich: So "starben" allein in Bayern seit 2010 fast 14.000 Unternehmen. Deutschlandweit sei deren Zahl seit Mitte der 1990er Jahre um die Hälfte zurück gegangen. Die Zahl der Arbeitsplätze sank um ein Drittel. Weniger Betriebe bewirtschaften also zunehmend größere Flächen und wachsende Viehbestände.

EU will an Förderung festhalten

Die EU-Agrarpolitik fördert diese Entwicklung und ein Ende ist nicht in Sicht: Auch in der im Sommer vorgelegten EU-Agrarreform, die ab 2021 gelten soll, richten sich die Direktzahlungen weiterhin nach den Unternehmensflächen.

Wir wollen, dass Fördergelder für das ausgegeben werden, was wir als Gesellschaft von der Landwirtschaft einfordern, wofür Bäuerinnen und Bauern aber kein Geld am Markt bekommen: Die artgerechte Haltung von Tieren, der Schutz von Vögeln und Insekten, von Gewässern und des Trinkwassers.

BUND-Chef Hubert Weiger BUND-Chef Hubert Weiger

Bundesbürger würden kleinere Höfe unterstützen

Die Initiatoren des "Agrar-Atlas" können sich in ihren Forderungen auf eine deutliche Mehrheit der Deutschen stützen: Wie aus einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im "Agrar-Atlas" hervorgeht, wollen 80 Prozent der Befragten, dass die Landwirtschaft für Leistungen wie Naturschutz, Gewässerschutz oder Klimaschutz staatlich gefördert wird. Fast genauso viele möchten, dass gerade mittlere und kleine Betriebe staatlich unterstützt werden.

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Zuletzt aktualisiert: 09. Januar 2019, 14:59 Uhr