Figuren in Arbeitskleidung unterschiedlicher Branchen stehen vor Euro Geldmünzen im Wert von 8,50.
Wird mit Leiharbeit die Festanstellung umgangen? Bildrechte: imago/Ralph Peters

Anstieg um 43 Prozent Haben wir ein Problem mit Leiharbeit?

Über eine Million Menschen verdienen in Deutschland ihr Geld durch Leiharbeit. 2017 waren es 43 Prozent mehr als noch 2010. Das klingt gewaltig und nährt den Verdacht, dass Unternehmen Leiharbeit nutzen, um feste Anstellungen zu umgehen.

von Raja Kraus, MDR AKTUELL

Figuren in Arbeitskleidung unterschiedlicher Branchen stehen vor Euro Geldmünzen im Wert von 8,50.
Wird mit Leiharbeit die Festanstellung umgangen? Bildrechte: imago/Ralph Peters

Elke Jahn arbeitet am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesarbeitsagentur. Nach ihren Worten hat Leiharbeit tatsächlich zugenommen, aber längst nicht so drastisch, wie die Zahlen suggerierten. Das Gesamtbild sei wichtig, sagt die Wissenschaftlerin. "Das kann man sich am besten deutlich machen, wenn man sich den Anteil der Leiharbeitnehmer an allen Beschäftigten anguckt, also die sogenannte Leiharbeitsquote. Und da sehen wir einfach auch, dass die Leiharbeitsquote relativ konstant geblieben ist. 2013 2,5 und jetzt im Jahresdurchschnitt 2017 2,8 Prozent."

Jahn kann aus ihren Studien viel Positives über Leiharbeit berichten: Sie gebe Firmen je nach Konjunkturlage viel Flexibilität. Dank Leiharbeit würden die Arbeitsplätze der Festangestellten in Krisen sicherer. Migranten helfe Leiharbeit der Studie zufolge, in den deutschen Arbeitsmarkt zu kommen. Die Hoffnung, dass aus der Leiharbeit reguläre Arbeit entsteht, hat sich allerdings nur teilweise erfüllt. Die Hälfte aller Leiharbeitsjobs verdrängt sogar reguläre Arbeit.

Bedürfnis nach Flexibiliät

Trotzdem hält Elke Jahn nichts von einer zu starken Regulierung der Zeitarbeitsbranche durch die Politik. Schließlich dürfe man das Flexibilitätsbedürfnis der Betriebe nicht vernachlässigen: "Unternehmen wären zum Teil einfach auch nicht bereit oder in der Lage, zusätzliche Aufträge abzuarbeiten, wenn sie nicht relativ flexibel auf Personal zurückgreifen könnten. Und infolge dessen ist es sicherlich irgendwo kritisch zu beurteilen, wenn man dort jetzt stark regulieren würde."

Stärkung der Mitbestimmung

Bernd Rützel sitzt für die SPD im Bundestag. Sein Fachgebiet: Arbeit und Soziales. Das neue Leiharbeitsgesetz, das seit April 2017 gilt, hat er mit auf den Weg gebracht. Rützel sagt, man würde am liebsten gar nicht eingreifen, aber das funktioniere nun mal nicht. Aus seiner Sicht sei es völlig krank, wenn Betriebe mit hundert Mitarbeitern doppelt so viele Leiharbeiter beschäftigen: "Deswegen stärken wir die Mitbestimmung, denn diese Leiharbeiter zählen jetzt zu den Schwellwerten, zählen für den Betriebsrat, zählen für die Unternehmensmitbestimmung."

Arbeitet ein Leiharbeiter länger als 18 Monate für einen Betrieb, ist sein Leiharbeitsvertrag unwirksam. Er gilt dann als festangestellter Mitarbeiter des Betriebes, in dem er die Zeit tätig war und ist. Nach neun Monaten soll er den gleichen Lohn erhalten wie die Stammbelegschaft. Das gilt aber nicht für alle Arbeitnehmer, denn ein großer Teil ist vom Gleichstellungsgrundsatz ausgeschlossen. Ob die neuen Regelungen den Leiharbeitsmarkt tatsächlich einschränken, dazu kann der Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen im Moment noch nichts sagen. Dazu sei es noch zu früh, heißt es auf Anfrage von MDR AKTUELL.

Mehr Geld für Leiharbeiter

Bernd Rützel und die SPD wollen Anfang 2020 eine erste Bilanz ziehen. Noch ein bisschen mehr Regulierung fände Rützel aber gut: "Wenn die SPD auch wieder mal stärker wird, dann werden wir sicherlich das auch umsetzen können und werden sagen können: Nichts equal pay. Denn wer Leiharbeit macht, der muss heute hier hin hüpfen, morgen da hin hüpfen, der hat weniger Sicherheit, der hat weniger Schutz und deswegen muss er einfach 30 Prozent mehr Geld bekommen." Dann nämlich würden sich die Unternehmen vielleicht doch öfter für die Festanstellung entscheiden, hofft Bernd Rützel.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. Dezember 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Dezember 2018, 15:37 Uhr