Branchenreport Autobauer im Krisenmodus - vor und mit Corona

Steckt die Automobilbranche wirklich in der Krise, wie es immer heißt? Vor der Corona-Pandemie war das zumindest umstritten. Und jetzt?

Ein Mitarbeiter bereitet 2018 das Heck eines Porsche Macan für das Bekleben mit dem Schriftzug im Werk Leipzig vor.
Die Corona-Krise macht vielen Autobauern zu schaffen. Bildrechte: dpa

Schon Anfang 2020, Corona war noch ein vermeintlich chinesisches Problem, war für viele in der Automobilbranche klar: 2020 wird kein gutes Jahr. Und das ist noch vorsichtig gesagt. Ferdinand Dudenhöffer, Autoexperte von der Universität St. Gallen, formulierte es im Gespräch mit dem MDR Anfang März, als die Auswirkungen der Pandemie noch nicht voll abzusehen waren: Der Autoindustrie stehe, so oder so, ein „rabenschwarzes Jahr“ bevor.

Und nun? Nach wochenlangem Corona-Stillstand in den Fabriken und einer auf eine tiefe Rezession zusteuernde Weltwirtschaft? Wie steht es um die in Deutschland so wichtige Automobilindustrie? Und was bedeutet es speziell für Ostdeutschland, wenn es VW, BMW und Co. schlecht geht?

2019: Zulassungsboom - aber sinkende Produktion

Betrachtet man die nackten Zahlen, sah die Autowelt 2019 eigentlich gar nicht so schlecht aus. 3,6 Millionen Autos wurden in dem Jahr in Deutschland zugelassen, ein Anstieg gegenüber 2018 um fünf Prozent. Auch der europäische Automarkt wuchs um ein Prozent. Und sogar weltweit, so sagte es ifo-Ökonom Timo Wollmershäuser im Interview mit der „Welt“, sei die Nachfrage nach deutschen Autos in dem Jahr gestiegen.

Wo also war die Krise, von der schon im vergangenen Jahr, lange vor Corona, alle in der Automobilbranche sprachen? Das Problem für die deutsche Autoindustrie zeigte sich etwa in dem, was der Ökonom Timo Wollmershäuser in seinem Interview sonst noch so sagte. Die Autos, die weltweit verkauft würden, so sprach er, würden zunehmend nicht mehr in Deutschland produziert. Sie entstünden etwa in Ungarn, Russland oder der Türkei. Das zeigen auch Daten des VDA, des Verbandes der Automobilindustrie. Die Zahl der in Deutschland produzierten Autos ist seit 2017 kontinuierlich gesunken, lag zuletzt bei rund 4,7 Millionen. Der Trend zeigte sich auch in Mitteldeutschland: BMW in Leipzig baute 2019 rund 16.000 Autos weniger als im Jahr zuvor, bei VW in Zwickau sank die Produktion sogar um 89.000 Autos und Opel in Eisenach stellte 25.000 weniger Fahrzeuge her.

Zwar müssen diese Zahlen vorsichtig interpretiert werden, hängen sie doch gerade in Mitteldeutschland teilweise damit zusammen, dass die Werke zuletzt modernisiert worden sind und die Produktion auf neue Modelle umgestellt wurde. Sicher ist aber: Jenseits der Zahlen steht die Autoindustrie seit einiger Zeit unter heftigem Druck. So sinken die Absätze in den so wichtigen Märkten USA und China, die Diesel-Affäre steckt mindestens dem deutschen Verbraucher noch in den Knochen und die veränderte Mobilität mit wachsendem Carsharing und steigenden Radverkäufen macht der Industrie zudem Zukunftssorgen. Zugleich muss die Branche einen extremen Wandel managen: den vom Verbrennungsauto zum Elektroauto. Und eigentlich, so kann man das sagen, war der Produktionsrückgang in Deutschland 2019 so gesehen auch ein positives Signal: Die Branche versuchte, weltweit in die Vorhand zu kommen, baute ihre inländischen Werke E-Auto-tauglich um und lagerte allein schon deshalb die Produktion von Diesel und Benzinern zunehmend aus.

Experten rechnen mit Verlust von bis zu 300.000 Arbeitsplätzen

Trotzdem waren die Prognosen schon vor Corona düster, das zeigen mehrere Studien. Eine Analyse des Center Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen besagt, dass deutschen Autobauern und Zuliefern bis 2030 jeder vierte Arbeitsplatz verloren gehen könnte. Ein Grund ist eben der Wandel zur Elektromobilität, wegen dem weniger Arbeiter gebraucht würden - der Studie zufolge etwa allein wegen des Umbaus von Sprit auf Strom 124.000 weniger. Das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation geht von einem ähnlichen Einbruch aus. Und auch von der Politik beauftragte Studien zeichnen ein düsteres Szenario: Eine vom Bundeswirtschaftsministerium initiierte Untersuchung rechnet im schlimmstmöglichen Szenario damit, dass deutschlandweit in der Branche 300.000 Arbeitsplätze wegfallen.

Allerdings: Für Mitteldeutschland sind die Prognosen der Experten etwas weniger dramatisch, jedenfalls in der hier so wichtigen Zuliefererindustrie. So geht das sächsische Netzwerk der Automobilzulieferer AMZ davon aus, dass mit steigendem  Anteil von Elektroautos zwar bis zu 5.100 Jobs wegfallen - aber immerhin auch 4.250 neue entstehen könnten. Insgesamt, so eine von AMZ und dem Chemnitzer Automotive Institute CATI erstellte Studie, sei in Sachsen trotz des Übergangs zur E-Mobilität also „keine gravierende Veränderung des Beschäftigungsniveaus zu befürchten“. Sogar noch besser sieht es Prognosen zufolge in Thüringen aus, wo mit Ausnahme von Opel in Eisenach vor allem Zulieferer angesiedelt sind. Eine CATI-Studie für Thüringen geht davon aus, dass bis 2030 durch neue Antriebssysteme zwar 4.000 Arbeitsplätze wegfallen - dafür aber auch bis zu 5.000 neue entstehen könnten.

Vor der Corona-Pandemie war das Bild also folgendes: Zwar stand die Autoindustrie unter Druck, so richtig schlug sich das aber zumindest im Absatz noch nicht nieder und nicht alle Prognosen waren düster. Von einer echten Krisen wollten damals auch die Akteure nicht sprechen, weder der Automobilverband VDA, noch die Gewerkschaften, noch die Politik. Es sei eher ein Strukturwandel, hieß es, den die Branche mit Engagement auch gut meistern könnte.

Menschen arbeiten in einer Fabrik 2 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Mi 06.05.2020 19:00Uhr 02:04 min

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Corona verschärft Krisen-Faktoren der Branche

Wie aber sieht es nun aus, mitten in der Corona-Pandemie, mit einem Abschwung der Weltwirtschaft vor der Brust? Aktuell, so sagt es Rico Chmelik, Geschäftsführer des Vereins Automotive Thüringen, gehen die Autohersteller von einem Umsatzrückgang von 15 bis 25 Prozent aus. Hinzu kommt, dass sich all die problematischen Faktoren von vor der Corona-Krise nun noch verstärken könnte. Ein Beispiel ist China, wo sich die Wirtschaft gerade erst langsam wieder erholt. Rund ein Drittel ihres Umsatzes machen die deutschen Automobilhersteller in dem Land - schwächelt es, schwächelt auch die Branche. Auch der schon vor Corona problematische Zollstreit mit den USA könnte die Autobauer nun härter treffen.

Hinzu kommen die hohen Kosten des Schutzes der Mitarbeiter vor Corona in den Werken und eine mögliche Verunsicherung der Verbraucher. Derzeit sei noch völlig offen, wie Konsumenten in der Corona-Pandemie ihren Autokauf planen und möglicherweise auch aufschieben, so Rico Chmelik von Automotive Thüringen. Möglicherweise sorge aber das Corona-Virus für neue Mobilitätsmuster. Das Auto könne zunehmend als geschützter Raum gelten, in dem man sicherer sei als im öffentlichen Nahverkehr oder in Mietwagen. Insgesamt aber, so ist jedenfalls das Fazit von Ferdinand Dudenhöffer von der Uni in St. Gallen, werde sich der eh schon begonnen Ausleseprozess unter den Autounternehmen durch die Pandemie verstärken. „Nicht alle Hersteller werden das überleben“, sagt er.

Produktion läuft wieder - aber Folgen bleiben wohl jahrelang

Inzwischen ist die Produktion fast überall in den deutschen Autowerken wieder angelaufen, auch in Mitteldeutschland. Im Porsche-Werk in Leipzig gibt es seit 1. Mai keine Kurzarbeit mehr, seit einigen Tagen läuft in der Stadt auch bei BMW die Arbeit wieder und VW in der Gläsernen Manufaktur in Dresden arbeitet gar schon wieder auf Volllast. Unklar bleibt allerdings, wie sich die Situation in anderen Länden entwickeln wird, was das kurzfristig mit dem Lieferketten macht. Und, so viel ist sicher: Bis die Branche Vor-Krisen-Niveau erreicht haben wird, wird es dauern, Experten zufolge fünf bis zehn Jahre. Und schon vor der Corona-Krise herrschte in der Autobranche eben nicht gerade Boom-Stimmung.

MDR-Schwerpunkt: Mobilität Ob Verkehrsmittel, Transportweg oder Gehhilfe - das Thema Mobilität begleitet uns im Alltag und ist ein großer Wirtschaftszweig. An welchen Innovationen wird in Mitteldeutschland getüftelt? Wo haben wir uns festgefahren? Diesen Fragen gehen wir mit vielfältigen Beiträgen im MDR-Schwerpunkt "Mobilität – was uns bewegt" vom 24. bis zum 29. Mai nach.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 20. Mai 2020 | 17:00 Uhr