Zwischen Drama und Euphorie Autozulieferer hoffen auf Unterstützung aus Berlin

Wenn über die deutsche Automobilbranche diskutiert wird, stehen die großen Autobauer im Mittelpunkt – und damit die sogenannten Autoländer. Also die Heimatländer von Volkswagen, Mercedes, BMW und Porsche: Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg. Sachsen und Thüringen spielen da trotz ihrer BMW-, VW-, Porsche- und Opelwerke allenfalls die zweite Geige. Die derzeitige Krise auf dem Automarkt hat aber auch die Zuliefererbetriebe hart getroffen. Und davon gibt es in Ostdeutschland Hunderte.

Das Unternehmen hat sich rasant entwickelt. Inzwischen hat TDDK in Straßgräbchen fast 1000 Mitarbeiter. Die fertigen Klimakompressoren für Automarken wie Mercedes-Benz, BMW, Audi, VW und Opel.
Sieht sich im Umbruch - Autozuliefererbranche. Bildrechte: dpa

Die Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen.  Der Branchenverband Automotive Cluster Ostdeutschland (ACOD) schätzt die Umsatzeinbußen der Autoindustrie in diesem Jahr auf 25 bis 35 Prozent. Geschäftsführer Jens Katzek sagt, das steckten einige Unternehmen besser weg als andere. Er rechnet damit, dass es in diesem Jahr noch einige Insolvenzen geben wird. Deswegen sei die Stimmung in der Zuliefererbranche durchwachsen und "irgendwo zwischen Euphorie und Dramatik". Das habe sich erst vor wenigen Tagen auf einem Kongress gezeigt:

Man weiß, dass es in diesem Jahr sehr, sehr schwierig ist. Aber gleichzeitig ist da eine unglaubliche Energie zu spüren. Wir wollen es wieder packen.

Jens Katzek, Geschäftsführer Automotive Cluster Ostdeutschland

Katzek ergänzt: "Wir wollen aus diesen Schwierigkeiten rauskommen.  Wir glauben auch, dass wir im technischen Bereich sehr gut aufgestellt sind."

Produktion hat wieder angezogen

Die Branche steht noch am Anfang eines langen Transformationsprozesses hin zu alternativen Antriebstechnologien. Da hilft es, dass sich die dunklen Wolken zuletzt wieder ein bisschen verzogen haben. 

Die Produktion bei den Zulieferern habe in den vergangenen zwei Monaten merklich angezogen, sagt Rico Chmelik vom Branchenverband Automotive Thüringen. Die Betriebe seien im September schon zu 85 Prozent ausgelastet. Manche seien sogar schon bei über 100 Prozent.

Wobei man genau differenziere müsse, meint Chmelik. Liege die Auslastung daran, die Lager wieder voll zu machen, die ja weitgehend leer gewesen seien durch die Corona-Krise? Oder weil man abwarte, ob vielleicht noch mal eine lange Durststrecke komme? Oder seien das jetzt schon die ersten Anzeichen für einen Aufschwung.

Branche wird schrumpfen und muss sich umorientieren

Die Frage wird sein, ob und wie die Branche diesen Schwung mitnehmen kann in einen sich verändernden Markt. Rund 120.000 Menschen in Mitteldeutschland sind derzeit direkt oder indirekt in der Autoindustrie beschäftigt. Allein 50.000 von ihnen arbeiten bei Zulieferern in Thüringen und Sachsen. Diese Zahlen werden mit großer Sicherheit schrumpfen, denn Elektro- und künftig auch Wasserstoff-Antriebe kommen mit deutlich weniger Komponenten aus als Verbrenner. Deswegen müsse man den Blick auf andere Bereiche richten, sagt Chmelik

Wir wissen aber, dass die Chancen insbesondere bei den neuartigen Antrieben liegen. Wir wissen aber auch, dass es in anderen Bereichen Chancen gibt, wie zum Beispiel beim Interieur und auch im Elektronikbereich.

Rico Chmelik,  Geschäftsführer Automotive Thüringen

Und deswegen, erklärt Chmelik, sei der Blick nach vorn gerichtet und Hilfe für die Unternehmen, um in neue Technologien zu investieren, eine zentrale Forderung. Sie müsse aber auch mit den entsprechenden politischen Maßnahmen flankiert werden.

Forderungen nach Kaufprämie und Infrastruktur

Wie diese Maßnahmen aussehen könnten, ergänzt Branchenkollege Katzek: "Wir brauchen eine Kaufprämie, die breiter aufgestellt ist. Wir brauchen Qualifizierungsmaßnahmen für die Zukunft und wir brauchen vor allem auch eine Technologie-Offenheit. Das heißt: Verbrennermotoren, Dieselmotoren, Elektroautos-Batterie, Elektroautos-Wasserstoff“

Ganz wichtig sei außerdem eine Ladeinfrastruktur für Elektroautos. Nur dann würden die Autos auch in großer Masse gekauft, sagt Katzek. Ganz grundsätzlich brauche es aber ein gemeinsames Verständnis dafür, dass die Automobilindustrie zu den zentralen Standbeinen der deutschen Industrie gehöre. Wenn man sich darauf verständige, sagt Katzek, "dann, um Frau Merkel zu zitieren, werden wir es auch schaffen".

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. September 2020 | 05:05 Uhr