Gefangen auf See Deutsche Seefahrer hängen wegen Corona fest

Rund 5.500 deutsche Seefahrer arbeiten weltweit auf Kreuzfahrt- und Handelsschiffen. Viele von ihnen sind auch jetzt unterwegs – zu Corona-Zeiten – und hängen nicht selten irgendwo fest. Manchen wird wegen der Pandemie seit Monaten der Gang an Land verwehrt, zuweilen sogar in medizinischen Notfällen.

Ein Schiff liegt an im Wasser
Bildrechte: Lutz Jachner

Peter Geitmann ist empört: "Seeleute auf der ganzen Welt hängen gerade wegen Corona fest. Das sind die Leute, die dafür sorgen, dass der Welthandel funktioniert. Aber viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erregt das nicht." Der Verdi-Gewerkschaftssekretär Schifffahrt berichtet von Seeleuten, denen dringende medizinische Behandlungen an Land verwehrt bleiben. Von Besatzungen, die zum Teil seit 15 Monaten unterwegs sind – zwangsweise, weil keine Ablösung kommt. Dass die Kollegen nicht an Land gelassen werden, versteht Geitmann nicht. "Die waren ja Tage oder Wochen unter sich. Wo sollen die sich angesteckt haben?"  

Verzweiflung an Bord

Laut Geitmann werden 80 bis 90 Prozent der Waren im weltweiten Verkehr per Schiff transportiert. Zahlen, die mit denen der Vereinten Nationen übereinstimmen, die von "mehr als 80 Prozent" ausgehen. Wer zur See fahre, sagt Gleitmann, wisse, dass er über Monate von seiner Familie getrennt sein wird. "Für Seefahrer aus der EU sind die Belegzeiten nun aber von vier auf sieben bis acht Monate gestiegen. Seeleute anderer Staaten sind jetzt schon elf bis zwölf Monate auf dem Schiff, manche noch länger", so Geitmann.

Die Pandemie habe dafür gesorgt, dass weltweit Seeleute daran gehindert werden, ihre Schiffe zu verlassen. Sie werden im Unklaren darüber gelassen, wann sie wieder nach Hause zu ihren Familien dürfen. "Die Leute verzweifeln an Bord", sagt Geitmann, der selbst 20 Jahre zur See gefahren ist. Er habe in den vergangenen Wochen mehr als 300 Mails erhalten, in denen Seeleute zum Beispiel schildern, dass sie seit zwei Monaten auf Ablösung warten. Das Problem sei außerdem, dass viele Staaten inzwischen eine Visapflicht eingeführt hätten. Diese mache es der Besatzung zusätzlich schwer, nach Hause zu kommen. Mitunter seien die Visa auch sehr teuer. In einem Fall habe ein Seemann keinen gültigen Reisepass mehr, da dieser wegen der langen Zeit an Bord abgelaufen war, schildert der Gewerkschafter.

Keine angemessene ärztliche Versorgung 

Während die Schiffe unterwegs sind und ihre Ladung auch an Bord gebracht und transportiert wird, haben viele Staaten den Seeleuten untersagt, Land zu betreten  – etwa Brasilien oder Fidschi. "Das betrifft selbst die eigenen Landsleute", sagt Geitmann. Das Problem ist nicht banal: Nach Wochen der Eintönigkeit und Enge an Bord bleibt den Seeleuten der ersehnte Landgang versagt, Fachleute sprechen von einer "Crew Change Crisis".

Wenn der Landgang ausfällt, dann bricht auch die Möglichkeit weg, einen Arzt aufzusuchen. Und oft kann der Schiffsarzt bei einer Erkrankung nicht helfen. Geitmann berichtet von einem Fall, in dem ein Mann wochenlang an einer Zahnwurzelvereiterung litt und ihm in Brasilien der Landgang zum Arzt verweigert wurde. Einem Nautischen Offizier von den Philippinen wurde an zehn Häfen der Landgang verweigert, er starb in seiner Kajüte.

Keinen Kontakt zur Familie

Vielen Seeleuten, die auf Handelsschiffen unterwegs sind, sei es nicht möglich, mit ihren Familien zu kommunizieren. Verdi hat deshalb Geld gesammelt und gemeinsam mit dem Verband Deutscher Reeder (VDR) Seeleuten 400 Handy-Guthabenkarten im Wert von 10.000 Euro geschenkt, dazu 25 Wifi-Boxen in einem Gesamtwert von 18.600 Euro für den Einsatz auf Schiffen während ihrer Liegezeit im Hafen.

Die fehlende Ablösung ist aber nicht nur ein Problem für die Seeleute an Bord. An Land seien Tausende arbeitslos, weil sie nicht auf die Schiffe dürfen, so Geitmann. Inzwischen deute sich aber eine vorsichtige Lockerung der Beschränkungen an. Die International Trade Workers Federation und die International Maritime Organization trafen sich Ende Juni zu einem Spitzengespräch bei den Vereinten Nationen, um die Mitgliedsstaaten auf die Situation der Seeleute aufmerksam zu machen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. Juli 2020 | 06:48 Uhr

1 Kommentar

Auf der Sonnenseite des Lebens vor 4 Wochen

"Vielen Seeleuten, die auf Handelsschiffen unterwegs sind, sei es nicht möglich, mit ihren Familien zu kommunizieren. "

ich darf doch wohl bitten,

jeder Flüchtling aus Arabien, Afrika, jetzt noch Südamerika, usw ....

jeder hat ein Handy mit Guthaben, aber die Seeleute nicht?