Ost-West-Unterschiede Kommt die ostdeutsche Wirtschaft besser durch die Corona-Krise?

Die jüngsten Meldungen zu den Wirtschaftsdaten und Steuerausfällen in Deutschland haben es ganz deutlich gezeigt: Die Corona-Krise trifft auch Deutschland mit voller Wucht – offenbar aber nicht überall gleich stark. Es gibt einige Anzeichen, dass die ostdeutsche Wirtschaft die aktuelle Krise besser überstehen könnte als die Westdeutsche.

Montagelinie des neuen Motor, Mitarbeiter bauen Teile zusammen
Vieles deutet darauf hin, dass die Wirtschaft im Osten die Corona-Krise leichter wegsteckt. Bildrechte: imago/Bild13

Die Corona-Krise wird die deutsche Wirtschaft hart treffen, das zeigt sich schon jetzt: Normalerweise ist der April der Monat, in dem sich der Arbeitsmarkt saisonbedingt erholt. 2020 sieht es ganz anders aus: Die Zahl der Arbeitslosen stieg im April um 13 Prozent. Das sind mehr als 300.000 neue Arbeitslose von März auf April.

Wie stark die Wirtschaft getroffen ist, scheint sich zwischen den Bundesländern im Westen Deutschlands und denen im Osten jedoch stark zu unterscheiden. Auch das zeigen die Arbeitslosenzahlen: Im April 2020 waren im Westen Deutschlands 20 Prozent mehr Menschen arbeitslos gemeldet als noch im April 2019.

Im Osten stieg die Arbeitslosenzahl der Bundesagentur für Arbeit zufolge weniger stark an – um knapp 14 Prozent. Exakt so hoch war auch der Anstieg in Thüringen, in Sachsen lag er bei gut zehn Prozent und in Sachsen-Anhalt zählten die Statistiker sogar nur einen Anstieg um neun Prozent.

Anteil betroffener Branchen im Osten geringer

Woran liegt das? Und könnte es sein, dass die ostdeutsche Wirtschaft besser durch die Krise kommt als die westdeutsche? Die Experten vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle beantworten diese Frage vorsichtig mit Ja. Sie haben dafür die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts untersucht. Tatsächlich, so ihr Ergebnis, könnte dieses im Osten weniger stark einbrechen als im Westen.

Dafür gibt es den Experten zufolge zwei Gründe. Zum einen ist der Anteil des vom Corona-Einbruch besonders betroffenen verarbeitenden Gewerbes in Ostdeutschland mit etwa 16 Prozent geringer als im Westen. Bundesweit hat das verarbeitende Gewerbe nämlich einen Anteil von 23 Prozent an der Gesamtwirtschaft.

Der zweite Grund: Die öffentlichen Dienstleister haben im Osten mit 25 Prozent einen höheren Anteil an der Wirtschaft als im Westen. Dort liegt der Anteil der öffentlichen Dienstleister, die auch während der Corona-Krise recht stabil bleiben dürften, bei nur 18 Prozent.

Bislang weniger Entlassungen im Osten

Auch von einem anderen Wirtschaftsinstitut kommen für den Osten vergleichsweise positive Signale in der derzeitigen Krise – oder jedenfalls nicht ganz so negative. Das ifo-Institut hat im April Betriebe in verschiedenen Branchen befragt, ob sie wegen der Corona-Krise Stellen abbauen wollen oder das schon getan haben.

Deutschlandweit beantworteten demnach 18 Prozent der Betriebe diese Frage mit Ja. In Mitteldeutschland sowie in allen ostdeutschen Bundesländern lag der Anteil der Ja-Antworten dagegen niedriger, bei 14 Prozent.

Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter der ifo-Niederlassung in Dresden, ist verwundert, dass die Zahlen überhaupt so hoch sind. "Ich hätte erwartet, dass das Kurzarbeitergeld den Unternehmen eine größere finanzielle Entlastung bietet", sagt er.

Fachkräftemangel verhindert Entlassungswelle

Dafür, warum die Unternehmen im Osten offenbar zurückhaltender sind bei Entlassungen, hat Ragnitz neben dem in der Region geringeren Anteil stark betroffener Branchen noch eine weitere Erklärung: "Die Firmen im Osten hatten zuletzt stärker als im Westen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen", sagt er.

Das bestätigt auch Oliver Köhn, Geschäftsführer Ost des Verbands der Maschinen- und Anlagenbauer. "Gerade im Osten versuchen die Unternehmen die Leute zu halten, da sie froh sind, sie überhaupt gefunden zu haben", sagt er.

Wenn man hier jemanden entlässt, kann man nicht sicher sein, ob man den irgendwann wieder bekommt.

Joachim Ragnitz ifo-Niederlassung in Dresden

Zudem seien die Firmen hierzulande deutlich kleiner als im Westen Deutschlands. "Schon, wenn man da nur wenige Leute entlassen würde, hat man oft einen erheblichen Einbruch bei der Produktivität", sagt Köhn. Er befürchtet aber, dass sich die Probleme im Osten noch verschärfen könnten.

So meldeten immer mehr Unternehmen an den Verband zurück, dass bei ihnen die Aufträge einbrechen. Seien es am Anfang der Krise noch rund die Hälfte gewesen, denen es so ging, seien es inzwischen rund 75 Prozent. Die Firmen profitierten zwar von einem guten Auftragspolster aus Vor-Krisen-Zeiten, aber das sei auch irgendwann aufgebraucht, sagt Köhn.

Viele Entlassungen in der Gastronomie

Besonders krisenbetroffen sind auch Hotels, Gaststätten, Kneipen, Bars und Restaurants. Dort ist es oft leichter, Kündigungen auszusprechen. So trennten sich die Betriebe bereits von Minijobbern – oft Studenten, die in den kleinen, engen Lokalen in den Universitätsstädten arbeiten.

"Wenn es keinen Rettungsfonds gibt, und die Lage in den nächsten Wochen so bleibt, dann wird es mehr Entlassungen geben", sagt der sächsische Dehoga-Hauptgeschäftsführer Axel Klein. Die Thüringer Dehoga-Unternehmen dagegen reden noch nicht offen über Entlassungen, doch eines tun viele in diesem Jahr bereits jetzt nicht mehr: Nachwuchskräfte ausbilden.

Starker "Corona-Effekt" im Osten

Auch auf den gesamten Arbeitsmarkt bezogen sind Teile Ostdeutschlands zumindest bei einer Kennzahl doch stärker betroffen als der Rest des Landes. Die Bundesarbeitsagentur hat den sogenannten Corona-Effekt berechnet. Dieser bezieht mit ein, wie die wirtschaftliche Entwicklung gewesen wäre, hätte es kein Corona gegeben.

Bei dieser Berechnung leidet der Arbeitsmarkt etwa in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern besonders stark, aber auch in Sachsen-Anhalt. In Bayern und Baden-Württemberg dagegen sind die negativen Effekte geringer.

Grund für dieses Ergebnis: Im Osten ging es 2019 wirtschaftlich besonders stark bergauf. Dieser Trend ist nun gestoppt – wodurch gerade den Ländern, die sich ohne Corona überdurchschnittlich positiv entwickelt hätten, nun überdurchschnittlich viel Schaden zugefügt wurde.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. Mai 2020 | 05:00 Uhr

14 Kommentare

Bernd1951 vor 28 Wochen

@Kritiker
Mit der längeren und höheren Zahlung des Kurzarbeitergelds werden die statistischen Daten über die Arbeitslosenzahlen stark verfälscht. Auch der Bezug auf 1 Jahr alten Prozentzahlen der Arbeitslosen führt mitunter in die Irre. Der eine hatte 5% und der andere 10% Arbeitslose vor einem Jahr. Jetzt haben beide 1% mehr Arbeitslose. Dann hat der mit vorher 5% plötzlich 20 % mehr Arbeitslose und der mit vorher 10% nur 10% mehr Arbeitslose. Mächtig gewaltig Egon Ohlsen ! So können Zahlen täuschen und der arme mit jetzt 6% kommt schlechter durch die Krise wie der jetzt mit 11% Arbeitslosen, weil der mit jetzt 6% ja doppelt so stark betroffen ist wie der mit 11%. Jetzt stelle man sich vor es gäbe keine Arbeitslosen und plötzlich wird einer entlassen. Dann steigt die Arbeitslosenquote von 0 ins unermessliche und die Katastrophe ist da. Nicht vor den Zahlen in Ehrfurcht erstarren und sie als ewige Wahrheit ansehen, sondern erkennen wie sie entstehen und benutzt werden.

Kritiker vor 28 Wochen

+... Die Bundesarbeitsagentur hat den sogenannten Corona-Effekt berechnet. Dieser bezieht mit ein, wie die wirtschaftliche Entwicklung gewesen wäre, hätte es kein Corona gegeben....+
Dies sehe ich persönlich als Quatsch an. Nur um doch irgendwo ein "Haar in der Suppe" zu finden.
In diesem Zusammenhang stellt sich mir die Frage: Wie viele wirtschaftliche Erfolge W-Ä-R-E-N bei einer eingeschränkten Entwicklung der Unternehmerschaft ost, mit dem was diese finanz. als Grundlagen haben, als wirtschaftlich anzusehen, sich am Markt zu etablieren mit oder ohne Corona? Vorerst beherrscht doch die Wirtschaft west den größten Teil des Marktes und bisher in Nischen der Wirtschaft sich entwickelnde Wirtschaft ost endet dort, wo die Nachfrage fehlt oder sinkt. Das wird den Bürgern nach Corona sicher dann auch deutlicher wenn alles wieder einmal teurer wird, nur das Geld/Einkommen in allen Bereichen vom ArbN, Rentner usw. diesen Steigerungen nicht angepasst wird und sich entwickelt. Markt=Nachfrage?

Kritiker vor 28 Wochen

@Sapere Aude: Hat das Eine wirklich mit dem Anderen etwas zu tun oder soll hier wieder einmal nur poli. instrumentalisiert werden? Somit möchte ich @Sascha voll umfänglich zustimmen! Eine Meinungsäußerung muss nicht unbedingt mit Jammern etwas zu tun haben, sondern eine Grundlage bilden über Missstände und Unterschiede in der Gesellschaft ZU DISKUTIEREN!