Corona-Krise Kann billiger Strom die Wirtschaft ankurbeln?

Die Wirtschaft ächzt unter Corona. Die Menschen kaufen weniger ein, Lieferketten funktionieren nicht mehr reibungslos, vielerorts ist Kurzarbeit angesagt. Seit Wochen fordern immer neue Branchen staatliche Hilfen: Steuersenkungen, Förderprogramme oder zinslose Kredite. Dabei gibt es eine Maßnahme, die alle entlasten würde.

Ein Monteur mit Schraubenschlüssel arbeitet an einem Hochspannungsmast.
Günstiger Strom kann die Wirtschaft effektiv ankurbeln. Bildrechte: envia Mitteldeutsche Energie AG

Es gibt ein Produkt, das wirklich jeder nutzt: Strom. Der wird zwar von Energieunternehmen verkauft, sein Preis besteht aber trotzdem zu rund 75 Prozent aus Steuern, Abgaben, Umlagen oder Entgelten.

Der mitteldeutsche Energieversorger enviaM schlägt nun vor, diesen Staatsanteil zu senken. Die Ökostrom-Umlage könnte man zum Beispiel auf 5 Cent je Kilowattstunde deckeln, sagt Vorstandsvorsitzender Stephan Lowis.

Dr. Stephan Lowis, Vorstandsvorsitzender enviaM, steht an einem Geländer.
Stephan Lowis, enviaM Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Und das ist nicht seine einzige Idee: "Zweitens schlagen wir vor, die Stromsteuer deutlich zu reduzieren, aufs europäische Mindestmaß von 0,05 Cent je Kilowattstunde", sagt Lowis. Sein dritter Vorschlag lautet, den Mehrwertsteuersatz auf sieben Prozent zu senken.

Diese Maßnahmen würden demnach eine Entlastung auf den Strompreis von 25 Prozent bringen. "Das wäre eine echte Konjunkturbelebung, weil es die Nachfrage beleben würde", erklärt der enviaM-Vorstandschef.

Wer profitiert von billigem Strom?

Das betrifft auch die Nachfrage nach dem dann billigeren Strom. Womit der Vorschlag auch dem Energieversorger selbst helfen würde. Doch deswegen muss die Idee nicht schlecht sein. Viele Firmen sehen in niedrigeren Strompreisen tatsächlich eine willkommene Hilfe in Corona-Zeiten. Dirk Vogel leitet das Netzwerk der Automobilzulieferer in Sachsen:

Netzwerkmanager bei AMZ - Netzwerk Automobilzulieferer Sachsen Dirk Vogel
Dirk Vogel Bildrechte: AMZ/Vogel

Wenn man jetzt die Gelegenheit nutzt, zum Beispiel die EEG-Umlage zu senken, wenigstens mal temporär, bekommt man einen enormen Vorteil für die gesamte energieintensive Produktion, die ja in der automobilen Wertschöpfungskette stark enthalten ist. Die ganzen Umformer, die Zerspahner, die im Moment unter hohen Energiekosten leiden. Und die könnte man damit sehr stark entlasten.

Dirk Vogel Netzwerk der Automobilzulieferer in Sachsen

Doch nicht nur die Industrie, auch die privaten Haushalte würden von geringeren Stromkosten profitieren. Deswegen fordert auch der Verbraucherzentrale Bundesverband: Ökostromumlage senken, Stromsteuer reduzieren und keine Ausnahmen mehr für diverse Industriebetriebe bei den Netzentgelten.

Es sei jetzt an der Zeit, sagt Verbraucherschützer Thomas Engelke: "Wenn wir uns alleine die letzten 20 Jahre angucken, hat sich der Strompreis in Deutschland mehr als verdoppelt." Inzwischen liege der Strompreis im Durchschnitt für private Verbraucher bei über 30 Cent und gehöre zu den höchsten in Europa. "Allein deswegen ist eine Senkung des Strompreises mehr als überfällig. Es wäre ein Konjunkturpaket für die Coronakrise."

Kritik an genereller Strompreissenkung

Doch wäre das dafür auch wirklich geeignet? Oliver Holtemöller, stellvertretender Präsident am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), sagt, dass geringere Strompreise natürlich allen zugute kämen. Er schränkt aber ein, dass diese Hilfe nicht zielgerichtet sei: "Denn es würde auch mir als Beamten des Landes Sachsen-Anhalt helfen, obwohl ich überhaupt keine Einkommenseinbußen in dieser Krise zu verzeichnen habe."

Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (IWH) stellt auf einer Pressekonferenz das gemeinsamen Frühjahrsgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute vor.
Oliver Holtemöller, IWH Bildrechte: dpa

"Man könne grundsätzlich so argumentieren, dass der Strompreis zu hoch ist und dass man daran was ändern möchte", sagt Holtemöller weiter. Das habe aber nichts mit der aktuellen Corona-Krise zu tun. Er fordert, dass bei den Maßnahmen, die der Staat ergreift, die Zielorientierung nicht aus dem Auge verloren werden dürfe.

Konjunkturmaßnahmen müssten genau wirken. Von Corona seien vor allem Branchen betroffen, in denen soziale Kontakte Geschäftsmodell sind: etwa Hotels oder die Gastronomie. Geld für alle sei jedenfalls kein sinnvolles Konzept. Zumal sich der Staat dieses Geld dann an anderer Stelle holen müsste.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. Mai 2020 | 05:00 Uhr

13 Kommentare

Kritiker vor 40 Wochen

+...2. Entlastung von Bürgern und Wirtschaft
Senkung der Stromkosten: Die EEG-Umlage und andere Preisbestandteile sollen sukzessive aus der CO2-Bepreisung finanziert werden. Anfangs sinkt die EEG-Umlage um 0,25 Cent, 2023 um 0,625 Ct....+
Quelle: "Bundesregierung einigt sich auf Klimaschutzpaket" vom 09.10.2019.
LEIDER wurde dabei nicht ausgewiesen, um wie viel nur mal die EEG-Umlage bis zum fragwürdigen Anfangsjahr gestiegen ist und bis 2023 noch steigen wird ehe diese "vollmundigen" Versprechungen greifen, Grundlage für Bürger bilden das Strom billiger werden soll(te)! Wenn nicht die EEG-Umlage,dann andere in Stromausgaben der Bürger einfließende Mehrausgaben in entsprechender Verbindlichkeit mit Energie aufzählbaren, weiteren, anderen Einzelkosten.
Hier wird angeführt das Energie von Energieerzeugern verkauft wird. Fragt sich an wen wird verkauft und wo wird andererseits eingekauft, was am Ende für einen entsprechenden Preis bei Bürgern und Energiebedarf finanz. noch erfüllbar sei.

frank d vor 40 Wochen

@MDR Redaktion: Nur mal so ein Gedanke, wenn billiger Strom die Wirtschaft ankurbelt, wäre es da eventuell möglich, dass teurer Strom die Wirtschaft abwürgt?
Ich meine könnte ja sein.
Wenn das Zutrifft werte Wirtschaftsredaktion, dann wäre die Politik der vergangenen Jahre also absichtlich Kontraproduktiv gewesen, quasi sand ins Getriebe streuen. Seltsam seltsam wurden nicht die "Saboteure" gefeiert.
Und die Berichterstattenden haben geklatscht dazu als Groupies dieses Umverteilungsschwachsinns. Glückwunsch
Sapere Aude

frank d vor 40 Wochen

@MDR Redaktion: diese Art wie hier die Berichterstatter den Erklär Bär geben,
Volkswirtschaftlich die Komplette Ahnungslosigkeit auch noch niederschreibend.
Wahrlich danke für die "Weisheiten" erklären sie doch einfach mal
1.) Warum die Kosten dermaßen aus dem Ruder laufen?
2.) Keine einziges Gramm CO² durch den Wind-Wahn eingespart wurde.
3.) Wenn ich das richtig verstanden habe wird ja hier gar nix billiger sondern es soll an anderer stelle teurer werden und noch mehr umverteilt.
Fazit:
Die Reperatur der Reperatur der Nachbesserung der Anpassung der Mängel aus der IIX Novelle des Guten Puste Licht Gesetztes immer weiter egal wo lang.
Augen zu und laut Singen ? Hauptsache das richtige Lied
Hey Pippi Langstrumpf Hollahihollaho holla Hopsassa
Sapere Aude
PS: Ich bin gespannt, wann den ersten öffentlich rechtlichen Superinformanten auffällt das es einige Systemimmanente "Fehler" gibt. Quasi Schummel Energiewende. Jetzt neu mit Lastenfahräderförderung in Berlin. Tatsache