Hohe Risiken bei langem Stillstand Corona-Krise und Wirtschaft: Experten mahnen zur Eile

Wolfgang Brinkschulte, MDR aktuell Wirtschaftsexperte
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Immer mehr Unternehmen in Deutschland stehen vor einer ungewissen Zukunft. Dabei geht es nicht um ein paar Prozente mehr oder weniger Umsatz oder Gewinn. Es geht in diesen Wochen für viele um die Existenz. Gesunde Firmen, die durch die Folgen des hochansteckenden Coronavirus jetzt um das wirtschaftliche Überleben kämpfen. Zur Strukturkrise und der sich schon länger abzeichnenden Konjunkturkrise kommt jetzt noch die Corona-Krise hinzu.

Ein Arbeiter verlädt Stahlrrohe in einem Logistikcenter. (Symbolbild)
Laut Experten trifft die Krise vor allem die Metall- und Elektroindustrie sowie die Autobranche. Bildrechte: IMAGO

Das Coronavirus bedroht die menschliche Gesundheit in einem Ausmaß, das die heutigen Generationen bisher nie erleben mussten. Gleichzeitig werden die Folgen auch für Unternehmen täglich bedrohlicher.

Gravierendere Wirtschaftskrise als 2009

Verschiedene Faktoren machen die aktuelle Krise gravierender als die Wirtschaftskrise 2009. Die damalige Krise ging vom Finanzsektor aus und traf insbesondere die Industrie. Die Corona-Krise greift breiter in das Wirtschaftsleben ein, trifft ebenso Dienstleister und wirkt sich stärker auf den Arbeitsmarkt aus.

Strategiepapier des Innenministeriums

Es müsse dringend daraufhin gearbeitet werden, schlimmere Folgen für Gesundheit, Wirtschaft und Gesellschaft abzuwenden. Das fordert ein vertrauliches Strategiepapier aus dem Bundesinnenministerium mit dem Titel "Wie wir Covid-19 unter Kontrolle bekommen".

Bundesinnenminister Horst Seehofer hatte die vertrauliche Studie am 18. März bei seiner Grundsatzabteilung in Auftrag gegeben. Sie entstand binnen weniger Tage mithilfe in- und ausländischer Fachleute und liegt mittlerweile vielen Politikern und Experten vor.

Darin heißt es, die deutsche Volkswirtschaft sei eine Hochleistungsmaschine, die ein hohes Maß an materiellem Wohlstand bereitstelle. Ihre Leistungsfähigkeit sei davon abhängig, dass der überwiegende Teil aller bestehenden Unternehmen und Arbeitnehmer einsatzfähig sei und die Integrität des Gesamtsystems nicht in Frage gestellt werde.

Worst-Case-Szenario: Einbruch der Industrie um 47 Prozent

In vier Szenarien beschreibt eine Expertengruppe, welche fundamentalen wirtschaftlichen Folgen eine weitere Ausbreitung des Virus und die längere Stilllegung großer Teile der Wirtschaft haben könnten. Eine Eindämmung der Virusepidemie müsse unbedingt gelingen, um im schlimmsten Fall einen möglichen Einbruch des Bruttoininlandsprodukts (BIP) um 32 Prozent und der Industrie um 47 Prozent zu vermeiden.

Best Case-Szenario: Eineinhalb Monate Stillstand

Opel-Werk in Eisenach
Bei wenigen Wochen Stillstand ist der geringste Schaden für die Wirtschaft zu befürchten. Bildrechte: imago/Bild13

Die Experten empfehlen, die Regierung müsse auf ein Szenario namens "Schnelle Kontrolle" hinarbeiten, für das eine Phase der Ausgangsbeschränkungen von 1,5 Monaten angenommen wird und bei dem für wesentliche Industriebranchen mit einem weiteren Monat massiver Störungen durch geschlossene Grenzen und, damit verbunden, unterbrochenen Lieferketten ausgegangen wird.

Bei diesem Szenario komme es zu einem Einbruch des BIP um vier Prozent, das sei als wirtschaftlicher Best-Case anzusehen. Für die Industrie bedeute das ein Minus von neun Prozent. Zum Vergleich: In der Weltwirtschaftskrise 2009 fiel das BIP um sechs Prozent, die Wertschöpfung der Industrie um 19 Prozent.

Ifo sieht hohes Risiko für Stellenabbau im großen Stil

Ein Abwärtsrisiko für die deutsche Wirtschaft hat auch das ifo-Institut vor einigen Tagen berechnet: Es sei erheblich. So sei es nicht unwahrscheinlich, dass sich die Krise länger hinziehe, etwa weil sich die Pandemie deutlich langsamer eindämmen lasse, oder weil das Wiederhochfahren der wirtschaftlichen Aktivität nicht reibungslos funktioniere beziehungsweise eine erneute Ansteckungswelle auslöse. 

Je nach Szenario schrumpfe die Wirtschaft um 7,2 bis 20,6 Prozentpunkte. Das entspreche Kosten von 255 bis 729 Milliarden Euro. Mit erheblichen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: In den vom ifo betrachteten Szenarien könnten bis zu 1,8 Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze abgebaut werden und mehr als sechs Millionen Arbeitnehmer von Kurzarbeit betroffen sein.

IWH: Ein Monat Stillstand kostet drei Prozent des BIP, zwei Monate zehn

Auch der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Reint Gropp, schätzt, dass der Stillstand, der "Lockdown", erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen haben wird. Ein Monat koste ungefähr drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Da es sich bei den Belastungen der Wirtschaft um kumulative, nicht-lineare Effekte handele, kosteten zwei Monate nicht sechs Prozent, sondern eher zehn.

Kurzarbeit vor allem in BaWü, NRW und Sachsen

Die Folgen der Corona-Krise sind von Beginn an auch in der mitteldeutschen Wirtschaft spürbar.

Nach einer Untersuchung des Instituts für Mittelstands- und Regionalentwicklung (imreg) vom 1. April gehen 26 Prozent der Industrieunternehmen in Mitteldeutschland von Kurzarbeit in den nächsten drei Monaten aus.

Überdurchschnittlich betroffen ist nach Baden-Württemberg mit 33 Prozent der Freistaat Sachsen, ebenso wie Nordrhein-Westfalen mit 30 Prozent.

Besonders betroffen: Metall- und Elektroindustrie und Fahrzeugbau

Besonders hart trifft es den gesamten Bereich der Metall- und Elektroindustrie und den Fahrzeugbau. Hier vermischt sich die Corona-Krise mit den Struktur- und Konjunkturkrisen und verstärkt deren Negativwirkung. Fast die Hälfte (49 Prozent) der metallerzeugenden Unternehmen in Sachsen planen für die nächsten drei Monate Kurzarbeit. Der Fahrzeugbau zu 43 Prozent, die Automobilbranche zu 41 Prozent und der Maschinenbau, der für die mitteldeutsche und vor allem für die sächsische Industrie ebenfalls von besonderer Bedeutung ist, zu 33 Prozent.

Starker Rückgang bei der Produktion

Es ist daher nachvollziehbar, welche Folgen das für die Produktions- und Personalpläne der Unternehmen haben wird. Schon im Januar verzeichneten die Produktionspläne in der sächsischen Metall- und Elektroindustrie ein Saldo von minus 27 Punkten. Der größte Monatsrückgang seit der Finanzkrise. Auch die Personalpläne verzeichneten einen Rückgang von zwölf Punkten für die folgenden drei Monate, wie das imreg auflistet, das dem Arbeitgeberverband Sachsen Metall und der Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft (VSW) nahesteht.

In der Folge sei ebenfalls mit einer starken Schrumpfung des Pkw-Markts und Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie zu rechnen, die gerade in Sachsen und Mitteldeutschland mit den tausenden Zulieferfirmen und den großen Automobilbauern zu einer Kernbranche gehören.

Globaler Automarkt fährt herunter

Der globale Pkw-Markt könnte in diesem Jahr nach Darstellung des Instituts imreg bis zu 23 Prozent herunterfahren, die Neuaufträge der deutschen Autoindustrie rund 40 Prozent verlieren – mit weiteren Folgen für den Maschinenbau, dessen Produktion schon vor Corona zurückging, und je näher am Auto, umso kritischer eingeschätzt wird.

Deutlicher Einschnitt beim Geschäftsklima im März

Das schlägt sich bundesweit im Monat März unmittelbar auf die Stimmung, das Geschäftsklima, nieder. Im Automotive-Bereich von plus 10 im März 2019 auf minus 20 im vergangenen Monat. Im sonstigen Fahrzeugbau von plus sieben im März 2019 auf minus 55 in diesem März.

Schlechte Basis für Thüringer Wirtschaft

Ebenso belastet ist die Ausgangsbasis für die Wirtschaft im Freistaat Thüringen. Bereits Ende letzten Jahres ging die Zahl der Beschäftigten leicht zurück. Im verarbeitenden Gewerbe sank der Umsatz bereits um 5,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, im Maschinenbau schon um 7,2 Prozent.

Dramatische Folgen für Autozulieferer

Alarm schlägt auch hier die Automobilwirtschaft. Ganz aktuell warnt angesichts der weiteren Zuspitzung der Corona-Krise das Netzwerk "automotive thüringen" vor dramatischen Folgen für die Zulieferindustrie.

Vorsitzender Mathias Hasecke hält die negativen Effekte durch verminderte Kundenabrufe und Werksschließungen für erheblich. Sie belasteten die Zulieferindustrie existenziell. Die Situation verschärfe sich täglich. Es müsse die Liquidität der Unternehmen sichergestellt werden. Insbesondere im verarbeitenden Gewerbe seien die Kosten für Energie und Materialeinkauf sehr hoch. Hier fehle es an Hilfsmaßnahmen.

Zuschüsse der Länder gefordert

Was es jetzt brauche, sei ein Thüringer Zuschussprogramm für Zulieferunternehmen, sagt Hasecke, insbesondere für Unternehmen ab 50 Beschäftigten. Denkbar seien auch Sachkosten- und Tilgungszuschüsse. Er erwarte eine schnelle Überarbeitung der Richtlinien bei der Kreditvergabe an Unternehmen über die KfW und Hausbanken sowie eine 100 Prozent Haftungsfreistellung. Sonst entstehe ein wirtschaftlicher Flächenbrand, der sich nicht löschen lasse.

Ähnlich sieht das auch Sachsens Arbeitgeberpräsident Jörg Brückner. Betriebe bis 250 Mitarbeiter bräuchten einen Landeszuschuss. Ferner müsse die Haftungsblockade der Hausbanken gelöst werden.

Kreditaufnahme problematisch

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die Kredite an Unternehmen vergibt, übernimmt zu 90 Prozent das Ausfallrisiko. Für die restlichen zehn Prozent haften derzeit noch die Hausbanken, die die Kredite ausreichen. Weil die sich häufig davor scheuen, führt es in vielen Fällen dazu, dass Unternehmen gar keinen Kredit bekommen.

Sachsens Arbeitgeberpräsident Brückner empfiehlt zudem, das Schweizer Modell zu übernehmen, wonach Kredite bis 500.000 Euro mit 100 Prozent Haftungsfreistellung kurzfristig ausgereicht würden. Außerdem seien auch stille Beteiligungen des Staates bei Firmen ab 100 Arbeitnehmern sinnvoll.

Krisentreffen in Dresden

Mit solchen Forderungen waren Vertreter der sächsischen Wirtschaft am vergangenen Donnerstag bei einem Krisentreffen bei Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU).

Teilnehmer berichten, auch wenn anwesende Minister eher still gewesen seien, sei es zwischendurch hoch hergegangen. Am Ende habe man sich angesichts der enormen wirtschaftlichen Herausforderungen und Belastungen auf eine Stärkung der mittelständischen Unternehmen verständigt.

Neuverschuldung in Milliardenhöhe

Das sächsische Kabinett hat vor dem Hintergrund der Corona-Krise eine Neuverschuldung in Milliardenhöhe auf den Weg gebracht. Zur Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen sind insgesamt 6,725 Milliarden Euro eingeplant und die Errichtung eines sogenannten Sondervermögens. Am kommenden Donnerstag soll das der sächsische Landtag mit Zweidrittelmehrheit beschließen.

Doch für die Unternehmen kommt es vor allem darauf an, dass sie jetzt sehr schnell und unbürokratisch Finanzhilfen erhalten. Zur Rettung der Unternehmen und der Arbeitsplätze.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. April 2020 | 19:30 Uhr