Interview Wirtschaftsexperte Holtemöller: "Es kommt jetzt vor allem darauf an, dass die Ausbreitung des Virus verlangsamt wird."

Neben den gesundheitlichen Folgen durch den Corona-Virus zeichnen sich auch immer mehr wirtschaftliche Konsequenzen für Unternehmen in Deutschland ab. Die Bundesregierung hat u.a. mit der Vereinfachung des Kurzarbeitergeldes und möglichen Liquiditätshilfen erste Massnahmen ergiffen. Zur aktuellen Lage der Wirtschaft und Folgewirkungen, soweit sie jetzt absehbar sind, haben wir mit Prof. Dr. Oliver Holtemöller, Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), gesprochen.

Prof. Dr. Oliver Holtemoeller, Sprecher des Leibniz-Institut fuer Wirtschaftsforschung Halle
Prof. Dr. Oliver Holtemöller, Vizepräsident des Leibniz-Institut fuer Wirtschaftsforschung Halle Bildrechte: imago images / photothek

Herr Professor Holtemöller, welche Auswirkungen des Corona-Virus auf die hiesige Wirtschaft lassen sich denn in der noch unübersichtlichen Datenlage schon konkret absehen?

Vor dem Corona-Schock sah es so aus, als ob sich die deutsche Wirtschaft langsam von der vorangegangenen Schwäche erholen würde. Jetzt gehen wir davon aus, dass sich der Ausbruch der Epidemie in China und in anderen Ländern negativ auf die deutschen Exporte und Importe auswirken wird. Allein dadurch dürfte die Zuwachsrate des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland in den ersten beiden Quartalen um jeweils mehrere Zehntel Prozentpunkte gedämpft werden.

Wenn man nur diese außenwirtschaftlichen Aspekte ansetzt, dürfte die Zuwachsrate des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2020 im Bereich von etwa einem halben Prozent liegen, wobei auch schon ein positiver Arbeitstageeffekt berücksichtigt ist. Heimische Nachfrageeffekte durch den Ausfall von Veranstaltungen, weniger Restaurantbesuche usw. sind dabei noch nicht berücksichtigt. Wir haben nicht genügend Informationen, um diesen Effekt zum jetzigen Zeitpunkt belastbar zu quantifizieren.

Es ist aber relativ klar, dass diese Effekte geeignet sind, eine leichte Rezession in diesem Jahr hervorzurufen. Deutlich gravierender können die Einbußen werden, wenn die Ausbreitung des Virus nicht zeitnah eingedämmt werden kann und die Anzahl der infizierten Personen deutlich steigt.

Die Bundesregierung hat ein vereinfachtes Kurzarbeitergeld auf den Weg gebracht, und einige Ihrer Wirtschaftsforschungskollegen fordern jetzt Steuerstundungen und ein Vorziehen der Teilabschaffung des Soli. Wie beurteilen Sie das?

Maßnahmen, die die gesamtwirtschaftliche Nachfrage jetzt stimulieren, sind nicht angezeigt. Die notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionen führen zu kurzfristigen Einbußen, die auch aus ökonomischer Perspektive hinzunehmen sind, um Schlimmeres zu verhindern.

Es kommt jetzt vor allem darauf an, dass die Ausbreitung des Virus verlangsamt wird. Im nächsten Schritt kommt es darauf an, einen übermäßigen Anstieg von Unternehmensinsolvenzen zu verhindern. Hier braucht es ein mehrstufiges System. Erster Anlaufpunkt der Unternehmen bei Liquiditätsengpässen sind die Banken. Diese sollten also weiterhin funktionsfähig bleiben. Wenn die Probleme in einem Unternehmen so groß sind, dass Banken keinen Kredit gewähren wollen, dann sind staatliche Garantien bei Beibehaltung eines Eigenrisikos der Banken die nächste Stufe.

Stundungen von staatlichen Forderungen (Steuern, Sozialbeiträge) können dazukommen, wobei es aber schwierig sein dürfte, Mitnahmeeffekte zu verhindern. Wenn alle diese Maßnahmen nicht ausreichen, um größeren Schaden abzuwenden, kommen finanzielle Transfers an einzelne Unternehmen infrage. Darauf sollte man sich jetzt zwar vorbereiten und auch öffentlich signalisieren, dass dieses Instrument bei Bedarf eingesetzt würde, aber für konkrete Entscheidungen über direkte finanzielle Transfers an Unternehmen ist es noch zu früh. Dazu benötigen wir eine bessere empirische Grundlage.

Mit welchen Entwicklungen müssen wir denn bei uns in Mitteldeutschland rechnen?

Im laufenden Jahr dürfte Ostdeutschland nicht ganz so stark betroffen sein wie Westdeutschland. Dazu trägt die geringere Exportorientierung bei. Aber grundsätzlich wird die Entwicklung in Mitteldeutschland nicht völlig anders als im übrigen Deutschland ablaufen.

Die Automobilbranche, auch wegen der engen internationalen Verflechtungen, gilt als anfällig, besonders wegen der Lieferwege und der Vorprodukte. Was heißt das für uns?

Die Automobilbranche befindet sich in einem tiefgreifenden strukturellen Wandel – auch ohne Corona-Krise. Damit sind Chancen und Risiken verbunden. Was unter dem Strich dabei herauskommt, kann man heute noch nicht sagen. Aber die Corona-Epidemie für sich genommen belastet die Automobilbranche schon.

Vielen Dank.

Interview: Wolfgang Brinkschulte

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL TV | 11. März 2020 | 17:45 Uhr