DIHK-Umfrage Lage der Unternehmen sehr angespannt - Insolvenzen befürchtet

Unternehmen in Deutschland sind weiter massiv von den Folgen der Corona-Pandemie betroffen — teils existenzgefährdend. Das geht aus einer aktuellen Blitzumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages hervor. Hier sind die wichtigsten Ergebnisse für Mitteldeutschland.

Auf Geldscheinen steht ein Stempel mit dem Schriftzug Insolvenz.
Laut Umfrage stehen nach den ersten zwei Wochen des Teil-Lockdowns im November die Geschäfte für über 80% des Gastgewerbes sowie der Reisewirtschaft still. Insolvenzen werden befürchtet. Bildrechte: dpa

Die geschäftliche Situation vieler Unternehmen ist infolge der Corona-Pandemie inzwischen wieder äußerst angespannt. Jedes zweite Unternehmen berichtet von einer weiterhin geringen Nachfrage. In der Industrie, im Einzelhandel und in den Betrieben aus den Branchen Verkehr und Lager sowie dem Kfz-Handel sind es sogar über 60 Prozent. Rund ein Viertel der Unternehmen aus Industrie, Handel und Bau haben bei ihren Zulieferprodukten mit logistischen Engpässen zu kämpfen. Das geht aus einer aktuellen Blitzumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) hervor.

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Umschau Di 17.11.2020 20:15Uhr 08:58 min

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Schwierige Gesamtlage

Laut Umfrage stehen nach den ersten zwei Wochen des Teil-Lockdowns im November die Geschäfte für über 80% des Gastgewerbes sowie der Reisewirtschaft still. Dies trifft auch auf mehr als die Hälfte der Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft zu. Aber auch andere Branchen sehen sich mit einer Schließung oder einem weitestgehenden Stillstand des Geschäftsbetriebes konfrontiert. Für die Gesundheitswirtschaft geben das 28% der Unternehmen an, und für den Einzelhandel 13%. Im Bereich der sonstigen Dienstleistungen betrifft das 22% der Unternehmen. Mehr als zwei Drittel der Unternehmen erwarten für das laufende Jahr einen Umsatzrückgang. In den vom Teil-Lock-down betroffenen Branchen sind dies mehr als 90% der Unternehmen.

Die Unternehmen selbst reagieren mit einer ganzen Palette an Maßnahmen auf die andauernde Krise. Fast die Hälfte der Unternehmen verschiebt oder streicht geplante Investitionen. Zwei Fünftel setzen auf Rationalisierungen und nutzen Einsparpotenziale. Dazu zählt für 24% der Betriebe auch Personalabbau. Gleichzeitig ist die Krise Anlass für knapp 36% der Unternehmen, verstärkt zu digitalisieren sowie ihre Online-Präsenz und Online-Kundenbindung auszubauen.  

Zur Situation in Sachsen

In den drei mitteldeutschen Ländern ist die Situation ähnlich. Im Bereich der IHK zu Leipzig haben wegen der Corona-Pandemie zwei von drei Unternehmen (67%) der Umfrage zufolge in diesem Jahr mit Umsatzeinbrüchen zu kämpfen. 18% rechnen sogar mit Einbußen von mehr als 50% im Vergleich zum Vorjahr. Gleichzeitig spitzt sich die Finanzlage zu. Einen Rückgang des Eigenkapitals verzeichnen 44% der Unternehmen, etwa jedes dritte (31%) sieht sich mit Liquiditätsengpässen konfrontiert. Fast jedes zehnte Unternehmen (9%) gibt an, von Insolvenz bedroht zu sein.

Bei 30% stehen die Geschäfte komplett oder zu großen Teilen still. Der Stornierung von Aufträgen sehen sich 29% gegenüber. Weitere Probleme bereiten ausfallende Mitarbeiter (16%), unterbrochene Absatzwege (13%), Ausfälle oder logistische Engpässe in den Lieferketten (12%). Lediglich 14% der Unternehmen spüren keine negativen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf ihre Geschäfte.

Gut die Hälfte der Unternehmen nehmen staatliche Unterstützungsmaßnahmen in Anspruch oder planen dies zu tun. An erster Stelle stehen hier das Kurzarbeitergeld (48%) sowie Programme der KfW und des Landes (43%). 37% wollen die Entschädigung für die vom November-Lockdown betroffenen Branchen ("Novemberhilfe") beantragen.

 

Um die Wirtschaft zu stützen, sehen die Unternehmen weiteren konkreten Handlungsbedarf seitens der Politik. Allen voran wünschen sich 63% der befragten Unternehmen bürokratische Entlastungen. Auch steuerliche Maßnahmen könnten jetzt helfen: 32% sehen insbesondere in einer Ausweitung des steuerlichen Verlustrücktrages eine sinnvolle Maßnahme, auf verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten setzen 28% der Unternehmen. Auch eine forcierte Digitalisierung (29%), ein zusätzliches staatliches Konjunkturprogramm (28%) sowie ein Nachsteuern bei den finanziellen Hilfsmaßnahmen (28%) werden von den Unternehmen als wichtig erachtet.

Kristian Kirpal, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Leipzig
Für staatliche Hilfen zur Abfederung von Umsatzausfällen ist Eile geboten, betont Kristian Kirpal, Präsident der IHK zu Leipzig. Bildrechte: IHK Leipzig

Kristian Kirpal, Präsident der IHK zu Leipzig sieht die Entwicklung skeptisch: "Jede weitere Woche Lockdown wird jetzt die Lage der Unternehmen zunehmend verschärfen. Die staatlichen Hilfen zur Abfederung von Umsatzausfällen müssen deshalb jetzt schnellstens an den Start gehen." Kirpal sagte dem MDR: "Wenn sich nun gar abzeichnet, dass der Lockdown bis Weihnachten und darüber hinaus verlängert wird, müssen die Hilfen für den gesamten Zeitraum der Betriebsschließungen garantiert werden."

Zur Situation in Thüringen

Im Bereich der IHK Erfurt befindet sich derzeit nahezu jedes vierte Unternehmen (24%) in einem weitgehenden oder kompletten Geschäftsstillstand, äußert die IHK-Hauptgeschäftsführerin Dr. Cornelia Haase-Lerch. Darüber hinaus seien bei den Betrieben Nachfrageprobleme, ausgefallene Mitarbeiter und die Stornierung von Aufträgen derzeit die häufigsten Auswirkungen der Corona-Pandemie. Fast jede zweite Firma berichte von einer weiterhin geringen Nachfrage. Bei 32% der Befragten werde die Geschäftslage negativ durch fehlende Mitarbeiter beeinflusst.

Cornelia Haase-Lerch, IHK Erfurt Hauptgeschäftsführerin
Es ist davon auszugehen, dass einige Geschäftsmodelle die Pandemie nicht überstehen werden", warnt Dr. Cornelia Haase-Lerch, Geschäftsführerin der IHK Erfurt. Bildrechte: Marcel Krummrich

"Momentan weiß keiner, ob der eigene Betrieb oder wichtige Zulieferer die Produktion in nächster Zeit drosseln oder gar einstellen müssen, weil Beschäftigte infiziert wurden", so die IHK-Chefin. Dies würde sich auch deutlich in den Bilanzen der Unternehmen niederschlagen. Zwei von drei Firmen erwarteten für das laufende Jahr einen Umsatzrückgang. Jeder Zehnte rechne sogar mit Einbußen von mehr als 50%. "Für viele der betroffenen Unternehmen und Selbstständigen war der erste Lockdown schon mit erheblichen Folgen verbunden. Trotz erster Erholungstendenzen konnte sich der konsumnahe Sektor aber über den Sommer nicht vollständig erholen. Es ist davon auszugehen, dass einige Geschäftsmodelle die Pandemie nicht überstehen werden", warnt die IHK-Hauptgeschäftsführerin. So würden sich aktuell fünf Prozent der Befragten von einer Insolvenz bedroht sehen. 

Zur Situation in Sachsen-Anhalt

Im IHK-Bezirk Halle-Dessau fühlen sich die Unternehmen besonders durch den Ausfall von Mitarbeitern als eine negative Folge betroffen. Hier ist der Anteil mit rund 40% höher als im Bundesdurchschnitt, erläutert die IHK auf Anfrage des MDR. Die knappe Personaldecke in vielen Unternehmen sei zusätzlich belastend. Von einem vollständigen Stillstand der geschäftlichen Tätigkeit berichteten die Unternehmen im Süden Sachsen-Anhalts dagegen seltener.

Auch im IHK-Bezirk Halle-Dessau rechnen die meisten Unternehmen für dieses Jahr mit sinkenden Umsätzen. Diese fallen – so die Einschätzung – jedoch insgesamt nicht so deutlich aus wie in anderen Regionen: Nur wenige Unternehmen rechnen mit Rückgängen von mehr als 25%. Die Belastung der verschiedenen Branchen unterscheidet sich jedoch nicht: Auch hier sind Gastgewerbe und Tourismus am häufigsten von Umsatzeinbußen betroffen. Etwas geringer werden die Umsatzrückgänge von den Industrieunternehmen eingeschätzt. Aufgrund der Struktur mit vielen Herstellern von Verbrauchsgütern und weniger Investitionsgüterproduzenten konnten hier trotz Einschränkungen mehr Unternehmen weiter produzieren als anderswo. Zu nennen ist etwa das Ernährungsgewerbe, das im IHK-Bezirk Halle-Dessau im ersten Halbjahr 2020 verglichen mit dem Vorjahreszeitraum einen Umsatzzuwachs von rund 13% verzeichnen konnte. Dennoch erwarten rund 55% der Industrieunternehmen der Region Umsatzrückgänge für das Gesamtjahr 2020, so die Auskunft der Kammer.

Zur Umfrage An der deutschlandweit durchgeführten Befragung des DIHK, die vom vom 17. bis 20. November 2020 stattfand, haben über 13.000 Unternehmen teilgenommen. Davon waren allein im IHK-Bezirk Leipzig 604 Unternehmen und im Bereich der IHK Erfurt 380 Unternehmen beteiligt.

MDR-Schwerpunkt: Das Coronavirus
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 24. November 2020 | 17:45 Uhr