Fragile Flusslandschaft Streit um die Elbe: Naturparadies oder Wasserstraße?

Ausbaggern oder nicht? Der niedrige Wasserstand der unteren Elbe macht es den Binnenschiffen schwer. Umweltverbände befürchten jedoch, dass der Schaden den Nutzen bei weitem übersteigt. Dabei geht es der Elbe heute wieder verhältnismäßig gut - zumindest, wenn man den katastrophalen Zustand des Flusses in der DDR vor Augen hat. Aber die Situation ist fragil - deutlich vor allem für die, die am und mit dem Fluss leben.

Schiff
Fähre auf der Elbe in Rogätz - allein in Sachsen-Anhalt halten 15 Fähren den Verkehr am Laufen. Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs

Gestern wurde in Leipzig vor dem Bundesverwaltungsgericht in Sachen Elbe verhandelt: Umweltverbände klagen gegen Pläne zur Vertiefung der Unterelbe - einer Maßnahme, mit der die Stadt Hamburg mehr Frachtverkehr auf den Fluss bringen will. Doch die Umweltverbände befürchten, dass dadurch wichtige Seitenarme verlanden und seltene Pflanzen und Tiere Schaden nehmen. Kommende Woche wollen die Richter über das mehrere Hundert Millionen teure Ausbauprojekt entscheiden. Schon 2017 wurde eine Vertiefung der Elbe durch ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes gestoppt. Eine schwierige Abwägung – denn andererseits wäre eine Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf den Fluss durchaus auch eine klimafreundliche Maßnahme.

Abwasserkanal der Republik

Männer neben Boot im Wasser
Gernot Quaschny und ein Kollege kontrollieren die Netze im Hafen von Arneburg. Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs

Trotz aller Befürchtungen über den Zustand der Elbe, geht es dem Fluss im Vergleich zur DDR-Zeit heute wieder richtig gut: "Wir haben die bösen Zeiten der Elbe miterlebt und es ist natürlich schön, so wie es jetzt ist. Kann eigentlich nur noch besser werden, ein bisschen mehr Wasser wäre von Vorteil", sagt Elbefischer Quaschny.

In der DDR war die Elbe stark verschmutzt, galt als dreckigster Fluss Europas. Der Arbeiter- und Bauernstaat war nicht zimperlich bei der Abwasserentsorgung und kippte Zehntausende Tonnen giftiger Industrie-Abfälle ungeklärt in die Elbe und ihre Nebenflüsse.

Rückkehr der Fische

Erst der Zusammenbruch der ostdeutschen Chemieindustrie, die Einführung bundesdeutscher Umweltstandards und der schnelle Ausbau von Kanalisation und Kläranlagen verbessert die Wasserqualität so, dass die Fische zurückkehrten. Gernot Quaschny war schon damals Fischer und hat die Rückkehr der Fische erlebt: "Zu DDR-Zeiten waren es sieben Arten, jetzt sind es 45. Der Lachs ist das Paradebeispiel, Meerneunaugen, Flussneunaugen, Steinbeißer, alles Arten, die es vorher nicht gab." Inzwischen ist die Elbe wieder einer der artenreichsten Flüsse Europas. Doch sein Zustand ist fragil. Die letzten regenarmen Jahre haben den Flusspegel so stark sinken lassen, dass der Schiffsverkehr zeitweise völlig zum Erliegen kam. Auch einer der Gründe, warum die Sächsische Dampfschifffahrt gerade vor der Insolvenz steht.

Lebenstraum Dampfschiff

Techniker im Maschinenraum
Bernd Frenzel im Maschinenraum seines Dampfschiffes. Bildrechte: MDR / Hoferichter & Jacobs

Zu denen, die vom Niedrigwasser der Elbe betroffen sind, gehört auch Bernd Frenzel. Der Veteran der Flussschifffahrt hat in der DDR bei der Weißen Flotte in Dresden gearbeitet. Schon 1980, mit 22 Jahren, hatte er aus einer Laune heraus ein schrottreifes Dampfschiff gekauft. 1991 lässt er es für 350.000 D-Mark generalüberholen: "Das war schon erhebend. Da ist ja so gut wie alles neu geworden hier auf dem Schiff. Mein Lebenstraum wurde da praktisch erfüllt." Seitdem kämpft er dafür, dass sein Dampfschiff auf der Elbe fahren kann, obwohl der Betrieb solch eines antiquierten Dampfers, der noch Steinkohle zum Fahren braucht, eigentlich viel zu teuer ist. Wegen des niedrigen Wasserstandes und der hohen Betriebskosten steht der Dampfer momentan jedoch die meiste Zeit still.

"Die Elbe ist eine launische Diva. Die kann viel geben, aber auch viel nehmen", weiß Fischer Quaschny aus jahrzehntelanger Erfahrung. Und das erleben alle, die ihren Lebensunterhalt mit und an der Elbe bestreiten.

Mehr Geschichten um Ostdeutschlands größten Strom und seine wechselvolle Geschichte können Sie am 1. Juni um 22.30 Uhr in unserer Doku "Wem gehört der Osten? - die Elbe" sehen. Alle Folgen von "Wem gehört der Osten?" jetzt auch in der Mediathek.

Dieses Thema im Programm: Wem gehört der Osten - die Elbe | 01. Juni 2020 | 22:30 Uhr