Reinigungskraft
Die Lohnschere in Deutschland ist auseinander gegangen. Das räumen auch Wirtschaftsexperten ein. Allerdings haben viele der Niedriglöhner früher überhaupt kein Geld verdient. Bildrechte: dpa

Faktencheck Sind die Reallöhne für viele Beschäftigte tatsächlich gesunken?

In Deutschland verdienen 40 Prozent der Beschäftigten heute weniger als noch Mitte der 90er Jahre. Das behauptet die Linkspartei und sorgt damit für Schlagzeilen. Wirtschaftsexperten halten die Aussage für irreführend.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Reinigungskraft
Die Lohnschere in Deutschland ist auseinander gegangen. Das räumen auch Wirtschaftsexperten ein. Allerdings haben viele der Niedriglöhner früher überhaupt kein Geld verdient. Bildrechte: dpa

Keine Reform hat das Land so stark verändert wie die Arbeitsmarktreform von Gerhard Schröder. Für viele Linke ist Hartz IV noch immer eine Zumutung. Vor allem, weil ein großer Niedriglohnsektor entstanden ist. Die Linke beklagt: Die Wirtschaft wächst, aber die Beschäftigten haben nichts davon.

Der Fraktionsvize im Bundestag, Fabio de Masi, stellte vergangene Woche sogar folgende Behauptung auf:

Millionen von Menschen in Deutschland strengen sich jeden Tag hart an. Aber ihnen fehlt die Zuversicht. Vierzig Prozent der Beschäftigten haben heute niedrigere Reallöhne als noch Mitte der neunziger Jahre.

Kann das stimmen? Verdienen heute tatsächlich 40 Prozent der Deutschen weniger als damals?

Zahl der Arbeitslosen deutlich gesunken

Um es gleich zu sagen: Die Behauptung ist irreführend. Natürlich gebe es Menschen, die heute real weniger verdienen als in den 90er-Jahren, sagt Steffen Müller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle. "In der Cafeteria, bei Sicherheitsdiensten und bei der Reinigung hatten wir früher Tarifangestellte. Die großen Unternehmen haben aber viele von diesen Jobs ausgelagert an Subunternehmer. Das heißt, die gleichen Personen sind jetzt bei schlecht zahlenden Subunternehmern beschäftigt. Aber das heißt nicht, dass 40 Prozent der jetzt arbeitenden Deutschen vor 20 Jahren mehr verdient hätten, wie manches Zitat in Öffentlichkeit suggeriert."

Denn für niedrigen Lohn arbeiten heute vor allem Menschen, die vorher arbeitslos waren und damit gar nichts verdient haben. Deswegen sagt auch Judith Niehues vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln, die Behauptung, 40 Prozent der Beschäftigten bekämen heute weniger als früher, stimme nicht. "Hinter dieser scheinbar skandalträchtigen Zahl steckt eigentlich ein Erfolg auf dem Arbeitsmarkt. Gerade, wenn man mal zurückblickt auf 2005, als wir fünf Millionen Arbeitslose hatten. Da hat man versucht, die Beschäftigten wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die sind natürlich eher am unteren Rand der Lohnverteilung eingestiegen."

Löhne steigen jetzt auch im unteren Bereich

Dieser Niedriglohnsektor ist seit Ende der 90er-Jahre stark gewachsen. Beschäftigte dort bekamen, wenn man die Inflation herausrechnet, im Jahr 2015 tatsächlich weniger als Geringverdiener im Jahr 1998. Außerdem räumt Niehues ein, dass die niedrigen Löhne über die Jahre viel weniger gestiegen sind als die hohen Löhne: "Langfristig hat die Ungleichheit der Löhne sicher zugenommen. Einfach, weil sich auch die Bedingungen auf den Arbeitsmarkt verändert haben. Weil es einfach eine höhere Nachfrage nach qualifizierter Arbeit gibt und es für Geringqualifizierte immer schwieriger wird, Beschäftigung zu finden."

Die Statistiken, auf die sich auch der letzte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung bezieht, enden allerdings mit dem Jahr 2015. Derzeit sieht es aber so aus, als schließe sich die Lohnschere wieder ein wenig und es gäbe auch für Geringqualifizierte wieder Chancen, sagt Steffen Müller. "Wir beobachten, dass in den letzten fünf Jahren die Lohnungleichheit in Deutschland wieder leicht rückläufig ist. Vor allem vom unteren Rand her steigen die Löhne wieder stark an. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen die boomende Wirtschaft und die damit einhergehende gestiegene Arbeitsnachfrage der Betriebe. Zum anderen dürfte natürlich auch der Mindestlohn verantwortlich sein."

Derzeit beträgt der Mindestlohn pro Stunde 8,84 Euro. Nicht viel. Aber auch unter Berücksichtigung der Inflation mehr, als die am schlechtesten Entlohnten 1998 bekommen haben.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. Juni 2018 | 06:23 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2018, 05:00 Uhr

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8 Kommentare

14.06.2018 14:06 Stefanius 8

Ein Faktencheck welcher keiner ist. Zum einen sind beide Ökonomen "hier Experten" aus Neoliberal agierenden Instituten. Das ist wie beim Mindestlohn ein typisches vorgehen des MDR. Und inhaltlich muss man sagen, die 40% sind tatsächlich nicht korrekt hergeleitet, aber es ist kein Erfolg wenn der Staat einen Niedriglohnsektor schafft und die Löhne für ca. 40% der aktuellen AN unter dem Niveau der 90iger Jahre liegen. Es ist auch gesamtwirtschaftlich fragwürdig, weil das Einkommen generell weit hinter der Produktivität zurück liegt und der Binnenmarkt geschwächt wird. Und Frau Niehues sei empfohlen sich einmal die realen Bedingungen solcher Jobs anzusehen, vielleicht erkennt Sie dann das solche Arbeitsplätze eben keinen Erfolg darstellen. Und zum letzten Satz, nicht dürfte sondern ist der Mindestlohn verantwortlich.

13.06.2018 07:49 colditzer 7

"Um es gleich zu sagen: Die Behauptung ist irreführend. Natürlich gebe es Menschen, die heute real weniger verdienen als in den 90er-Jahren, sagt Steffen Müller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle. "
Also haben die Linken Recht.
Punkt.

12.06.2018 22:39 part 6

Nimmt man dann noch die Einkommensschwächsten der Gesellschaft, die nebenher manchmal auch noch etwas am Erwerbsleben beteiligt sind aus den unterschiedlichetsen Gründen oder Verhinderungen, aber minderjährige Kinder besitzen, dann hat dieser Staat durch die Anrechnung des Kindergeldes auf Hartz IV zwischen 2007 und 2017 knapp 50 Milliarden Euro eingespart. Das sind so umgerechnet rund 1,2 Millionen Eltern mit Kindern, denen gewährtes Einkommen gleich wieder abgezogen wird, während den oberen Einkommensgruppen das volle Kindergeld zu Teil werden durfte. Besonders krass ist hierbei die Diskrepanz zwischen den steuerlichen Existenzminimum und dem SGB II. Griechische Verhältnisse im eigenen Land vorerprobt könnte man meinen.

12.06.2018 11:25 Gaihadres 5

@Nr.4: Da muss ich Sie korrigieren. Die Tariflöhne sind nicht immer prozentual gewachsen. Zweimal wurden die Tabellenentgelte ausgetauscht und es gab eine Reihe von Neudefinitionen der Eingruppierung. Auch wurden vielfach Zuschläge und andere Zeiten erhöht und Urlaubstage vom Lebensalter entkoppelt bzw. wurden zusätzliche Tage festgelegt. Die Tariflöhne liegen deutlich über der Inflationsrate und haben gegenüber 1998 um etwa 43% zugelegt. Hier können Sie ggf. nur über die steuerlichen Änderungen argumentieren, die zu einem geringeren Anstieg der Reallöhne geführt hat. Eine Absenkung hat es dagegen nicht gegeben. Zu bemängeln ist allenfalls die langsamere Entwicklung der unteren Entgeltgruppen in absoluten Beträgen.

12.06.2018 10:11 part 4

In dem Artikel und den Aussagen des linken Politikers sollte es wohl mehr um das verfügbare Einkommen gehen, das tatsächlich erheblich gesunken ist, da sich Mindestlohn und Tariflöhne nicht der realen Inflationsrate angepasst haben seit Mitte der 90-Jahre. Während die oberen Einkommensgruppen enorme Zuwächse verzeichnen konnten, die natürlich auch die Statistik beeinflussen, sind in den unteren Einkommensgruppen kaum notwendige Anpassungen zu verzeichnen. Mit der Euro-Einführung ergab sich dann eine neue offizielle Inflationsrate, die es zu schönen galt, bis heute. Es geht hier also um Einkommenszuwächse gemessen an die Preisentwicklung, die einige Wirtschaftsexperten negieren möchten. Nimmt man noch die Vorreiterrolle der BRD in der europäischen Austeritätspolitik, dann wird klar, das hier zu Lande schon viel zu lange ein enormer Niedrieglohnsektor exitiert, der sich nachhaltig negativ auf die Binnenwirtschaft ausübt, aber wenig Auswirkungen auf das Exportüberschußland hat.

12.06.2018 09:32 Gaihadres 3

Ein heikles Thema. Zum einen steht immer die Frage im Raum, welches Einkommen ein menschenwürdiges Dasein garantieren kann. Auf der anderen Seite steht aber immer die Frage, was eine Tätigkeit Wert ist. Und da geht die Schere auseinander.

12.06.2018 07:34 Nick Schramm 2

Hallo mdr Aktuell Team,

ich habe mich auf den Faktencheck gefreut, da ich selbst gern wissen würde ob diese Aussage das die Reallöhne gesunken sind zutrifft.
Leider hat mich dieser Faktencheck sehr enttäuscht. Er nimmt bezug auf die damilgen Arbeitlosen und die heutigen Hartz4 Empfänger jedoch sind beide keine Lohnbeschäftigten und sind somit nicht teil der Aussage von Herrn Fabio di Masi. Dies ist für für mich keine faktische Aufklärung sondern irreführend.
Unter einem Faktencheck hätte ich mir folgendes vorgestellt: was verdienten die 40% der Beschäftigten unterer Einkommen 1998 und was verdienen sie heute. Weiter hätte dazugehört welche Lebenshaltungskosten ein Bürger 1998 und welche er heute zu bestreiten hat. Danach hätte man vergleichen können wieviel Lohn für Auto, wieviel für Urlaub, wieviel für mein Kind und die Pflege der Großeltern vom Lohn übrig bleibt.
Ich bitte um Korrektur und warte freudig auf diese.

12.06.2018 06:55 winfried 1

Dieser Artikel berichtet über Fragmente der vergangenen Lohnentwicklung. Das ist mir zu ungenau. Allerdings, ich gebe zu, es ist schwierig eine "objektive Größe" zu finden, die der Sache gerecht wird.
Meine Idee --> Durchschnittliches Arbeitseinkommen aller Arbeitnehmer, und das über die Jahre betrachtet.