Einzelhandel Düstere Aussichten für Geschäfte in Innenstädten

Erst wochenlange Schließungen, jetzt ausbleibende Kundschaft – die Corona-Krise hat den lokalen Einzelhandel schwer getroffen. Die Probleme des stationären Handels begannen allerdings lange vor der Pandemie und liegen tiefer.

Ein Frau schiebt ein Fahrrad über die sonst menschenleere Krämerbrücke
Kaum Betrieb auf der Krämerbrücke in Erfurt während der Corona-Krise. Auch nach der Wiedereröffnung steigen die Umsätze im Handel nur langsam wieder an. Bildrechte: MDR /Karina Heßland

Angesichts wochenlanger Ladenschließungen und anhaltender Zurückhaltung der Kunden wachsen im lokalen Handel die Sorgen um die Zukunft. "Schwache Kundenfrequenzen und geringe Umsätze sorgen dafür, dass der Handel weiterhin enorm unter der Coronakrise leidet", sagte diese Woche der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Handelsverbandes (HDE), Stefan Genth. Vielen Händlern drohe angesichts weiter laufender Fixkosten die Insolvenz. Wenn die Händler aufgeben müssten, verödeten ganze Innenstädte.

Diese Befürchtung teilt inzwischen auch die Politik. Der Präsident des Deutschen Städtetages, Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung, bezeichnete die Entwicklung in den Innenstädten am Sonntag als eine der "größten Sorgen" in der Krise. Dem "Tagesspiegel" sagte der SPD-Politiker: "Wir haben über Jahre hinweg viel unternommen, die Innenstädte zu beleben. Da passiert jetzt ein Rückschlag."

Halbierte Umsätze

Wie groß der Rückschlag ist, lässt sich beziffern. Laut einer Umfrage des HDE sieht jedes dritte Handelsunternehmen seine Existenz "massiv bedroht". Bei rund einem Drittel der etwa 600 teilnehmenden Händler lägen die Umsätze derzeit bei maximal 50 Prozent des Vorjahreszeitraums. Ein weiteres Viertel habe lediglich Erlöse zwischen 50 und 75 Prozent. Lebensmittelhändler wurden nicht befragt.

Wesentliche Faktoren für die Zurückhaltung der Kundschaft sieht der HDE in der allgemeinen Verunsicherung durch die Krise sowie den Hygieneauflagen. "Die Shopping-Lust leidet unter den Hygiene- und Abstandsregelungen. Die meisten Kunden gehen sehr gezielt einkaufen und verweilen möglichst kurz in den Geschäften", erklärte HDE-Chef Stefan Genth.

Alternative Online-Handel

Ein anderer Grund dürfte allerdings sein, dass die Kunden eine gute Alternative haben: den Online-Handel. Bestellungen über das Internet haben in der Krise stark zugenommen. Insgesamt lagen die Umsätze im Online-Handel im April mit 6,8 Milliarden Euro um fast 18 Prozent über dem Vorjahresniveau, wie der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh) vor knapp zwei Wochen mitteilte.

Die größten Zuwächse gab es nach Angaben des bevh im Online-Handel mit Lebensmitteln, Medikamenten und Drogeriewaren. Aber auch die Online-Umsätze mit Bekleidung (plus 12 Prozent), Büchern (plus 15,5 Prozent) oder Spielwaren (plus 31,6) stiegen im Vergleich zum Vorjahr kräftig – allesamt Produkte, die klassischerweise auch in den Innenstädten umfangreich angeboten werden.

Schlechte Prognosen schon vor der Pandemie

Nun sind stationärer und der digitale Handel schon lange keine Gegenspieler mehr. Viele lokale Händler betreiben Online-Shops, manche haben sie erst in der Corona-Krise gestartet. "E-Commerce ist unverzichtbarer Baustein für jedes zeitgemäße Handelskonzept", sagte jüngst etwa auch bevh-Präsident Gero Furchheim. Dennoch: Die schon lange anhaltende Verlagerung der Umsätze ins Internet zeigt, dass die Krise des lokalen Einzelhandels viel tiefer liegt, als es die Zahlen und Äußerungen in der aktuellen Lage suggerieren.

Zu diesem Ergebnis kamen Anfang des Jahres etwa auch Experten des Handelsforschungsinstituts IFH aus Köln. In ihrem im Februar veröffentlichten "Handelsszenario 2030" prognostizierten die Wissenschaftler ein großes Ladensterben – und das ohne jede Berücksichtigung der Auswirkungen durch die Pandemie. Bis 2030 sei – je nach Szenario – "mit einem Verlust zwischen knapp 26.000 und 64.000 Handelsunternehmen in der Gesamtbranche zu rechnen", schrieben die Autoren. Weiter hieß es:

Das bekannte Thema Ladensterben in deutschen Innenstädten wird in den kommenden Jahren weiter an Relevanz gewinnen.

Resümee einer IFH-Studie vor Beginn der Pandemie

Teufelskreis durchbrechen

Die deutschen Innenstädte befinden sich laut IFH-Analyse in einem Teufelskreis. Demnach verlieren die Innenstädte durch Ladenschließungen immer weiter an Attraktivität, was zu weniger Kunden und wiederum zu weiteren Geschäftsaufgaben führe. Um diese Entwicklung zu stoppen, müsse sich der Handel anders positionieren und sich "verstärkt als Freizeitelement neu definieren". Persönliche Nähe zum Kunden müsse in den Fokus gerückt werden, sagten die Studienautoren im Frühjahr.

Abstandsregeln, Kontaktbeschränkungen und Hygienevorschriften waren seinerzeit noch unbekannte Vokabeln.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. Mai 2020 | 04:00 Uhr

40 Kommentare

CrizzleMyNizzle vor 6 Wochen

"Um ihnen sinnvoll antworten zu können müßte ich schreiben dürfen was die Grünen und deren behaupteten Phänomene sind. Das ist leider nicht möglich."
nur mal so, Sie zweifeln ernsthaft an dass die übermäßige Aussendung von Licht den Insekten hart zusetzt?
Sehr ignorant mMn oder Sie gehen nicht mit offenen Augen durchs Leben.

CrizzleMyNizzle vor 6 Wochen

"...die auch gerade von Älteren genutzt wird. "
und sogar von denen die sich als "Verteidiger" der dt. Kultur sehen oder zumindest immer wieder anprangern dass diese verloren geht.

CrizzleMyNizzle vor 6 Wochen

"Nicht die Corona-Krise hat den Einzelhandel schwer getroffen, sondern die behördlich angeordneten Geschäftsschließungen, welche möglicherweise keinerlei Effekt bei der Ausbreitungseindämmung erbracht haben."
oh ja, so "logisch".
"moglicherweise" hats aber auch verhindert dass wir hier in Toten ersticken... aber hey Altmeister wollte sich halt noch mal auslassen.