Eine Pflegerin betreut einen älteren Mann
Pflegeberufe, traditionell Frauenberufe, werden noch heute oft schlecht bezahlt. Bildrechte: Colourbox.de

Gesundheitswesen Haben Pflegerinnen eine zu geringe "Streikmacht"?

Mehr als eine Million Arbeitstage sind im vergangenen Jahr ausgefallen, weil Angestellte gestreikt haben. Das hat die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung ausgerechnet. Die meisten Fehltage entfielen demnach auf die Metaller, die sich einen besseren Tarifvertrag erkämpft haben. MDR-AKTUELL-Hörerin Anne Sophie Jüngel fragt, ob Menschen, die aufgrund ihrer beruflichen Situation schlechter streiken können, auch schlechtere Chancen bei Tarifverhandlungen haben.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Eine Pflegerin betreut einen älteren Mann
Pflegeberufe, traditionell Frauenberufe, werden noch heute oft schlecht bezahlt. Bildrechte: Colourbox.de

Jeder Angestellte darf streiken. So regelt es das Gesetz. Aber sollte auch jeder? Wer ein Atomkraftwerk steuert oder Schwerstkranke pflegt, streikt jedenfalls häufig nicht. Die Gründe dafür sind nachvollziehbar, sagt Bernd Becker von der Gewerkschaft Verdi in Mitteldeutschland.

Becker erklärt: "Wir haben natürlich Bereiche wie gerade im Gesundheitswesen, Krankenhaus, Altenpflegeheime, wo das Streikrecht "eingeschränkt" ist. Das heißt, wir müssen dort in der Regel Notdienstvereinbarungen abschließen, um Gefahr für Leib und Leben abzuwenden", erklärt er und führt weiter aus: "Von daher ist es so, dass vor allem in den Krankenhäusern, wenn zum Streik aufgerufen wird, eben nicht alle Beschäftigten streiken können."

Recht auf Streik

Zum Streik können dann nur die, deren Arbeit nicht unmittelbar lebenswichtig ist: Ärzte außerhalb des Notdienstes, Krankenschwestern, Verwaltungsangestellte. Sie streiken für den Rest der Belegschaft mit. Am Ende gilt der Tarifvertrag für jeden im Betrieb, sagt Jan Pasemann, Sprecher der Arbeitgeberverbände Sachsen-Anhalt.

Diejenigen, die streiken, aktiv vor dem Werktor oder vor der Klinik, erhalten dann am Ende genau das Gleiche, also das ausgehandelte Entgelt, die Entgelterhöhung wie diejenigen, die nicht streiken.

Jan Pasemann | Sprecher der Arbeitgeberverbände Sachsen-Anhalt

Denn der Tarifvertrag gelte für all diejenigen, die tarifgebunden seien. Da spiele es keine Rolle, ob der oder diejenige vorm Werktor stehe oder nicht, sagt er.

Nun sind aber gerade an Kliniken die Dienstpläne eng. In manchen Krankenhäusern sei die Notbesetzung zur Regel geworden, sagt Gewerkschafter Becker. Und dann werde es tatsächlich schwierig, noch Leute für einen Streik zu mobilisieren.

Becker meint: "Man nutzt die Verantwortung, die die Menschen für die Menschen haben, die wird teilweise von Arbeitgebern auch schamlos ausgenutzt. Mit dem Wissen, dass die Leute eben nicht einfach auf die Straße gehen, den Patienten liegen lassen oder auch nicht liegen lassen dürfen."

Er kritisiert, dass sich die meisten Kliniken in Mitteldeutschland aus dem Flächentarifvertrag verabschiedet hätten. Stattdessen gebe es häufig Haustarifverträge. Trotzdem konnten einige Kliniken zuletzt sogar zweistellige Abschlüsse erzielen – nach Streiks.

Mehr Streikmacht - mehr Gehalt?

Aber bedeutet mehr Streikmacht automatisch mehr Gehalt? Heiner Dribbusch forscht zu Arbeitskämpfen bei der Hans-Böckler-Stiftung. Er erinnert an die Lokführer. Trotz großer Streiks verdienten sie nicht sehr viel.

Dribbusch betont, dass es "nicht so einfach ist. Also es ist nicht so, dass die Beschäftigtengruppen, die streiken, automatisch zu denen gehören, die am besten bezahlt sind, weil da eben noch andere Dinge eine Rolle spielen, ob eine bestimmte Berufsgruppe besser oder schlechter bezahlt wird."

Wichtige Faktoren sind: Kann ein Unternehmen überhaupt mehr bezahlen? Was zahlt die Konkurrenz? Welche historische Wertschätzung hat ein Beruf? Frauenarbeit galt lange als nicht sonderlich wertvoll.

Deswegen wird in traditionellen Frauenberufen wie der Pflege noch heute oft schlecht bezahlt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. April 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. April 2019, 05:00 Uhr

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4 Kommentare

16.04.2019 08:33 Gaihadres 4

Streiks dienen in erster Linie der eigenen Verhandlungsposition. Wären die Positionen vernünftig, wären auch Streiks meist gar nicht notwendig. Wer da einmal mit am Tisch saß der wird schnell merken, wie kindisch und bockig die Verhandlungen teilweise ablaufen. Außerdem wird meist nur die Tarifverhandlung, die Laufzeit und ggf. Urlaubstage öffentlich benannt. Was teilweise in den Verträgen sonst noch ausgehandelt wird, dass zu deutlichen Gehaltsaufwüchsen führen kann (Nachtzulagen etc.) und folglich auch immense Kosten für den AG bedeutet - dass bleibt unerwähnt. So sah der TVöD beispielsweise eine Erhöhung der Nachtzuschläge von 15 auf 20 Prozent vor und die Jahressonderzahlung (Weihnachtsgeld) wird Schrittweise auf das Westniveau angehoben. Da holen sich große, kommunale Arbeitgeber schnell mal 10 Millionen Euro Mehrkosten ins Haus - pro Jahr wohlgemerkt. Diese immensen Kosten müssen ja auch erst einmal finanziert sein.

15.04.2019 16:37 Max W. 3

Wer sich nicht wehrt, gewerkschaftlich organisiert, den Widerstand nicht strukturiert und sich ausspielen lässt, hat verloren im Land der Lobbyisten des Verwertungsinteresses - ganz gleich, welches Süßholz mal gerade wieder verlautbart wird.

Wer das nicht begreifen will, hat die Folgen nicht besser verdient - ein interessierter Blick auf das UKH/Halle und hier insbesondere den Pflegebereich bzw. überhaupt die katastrophale arbeitsrechtliche Situation in z. B. Sachsen-Anhalt zeigt das in aller Deutlichkeit. Und wer sich jetzt von ausgerechnet der SPD in dieser Frage einseifen lässt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.

15.04.2019 10:33 Mustermann 2

Und hier zeigt sich mal wieder was uns Deutschen wichtiger ist: der Mensch (z.B. der im Altenheim) oder ein Gegenstand (z.B. ein Auto). Für wenn sind wir bereit mehr zu opfern? Wenn wir für ein Auto 30.000 € und mehr ausgeben dann stört sich keiner daran...wenn aber die Pflegekräfte eine angemessene Bezahlung haben wollen, dann folgen alles nur leere Worte und Versprechungen. Also Pfleger habt mehr Mut zum Streik auch wenn die Patienten darunter leiden müssen - eure Schuld ist es nicht! Last Euch kein schlechtes Gewissen einreden. Das würde und wird schon lange genug getan. Dann sollen sich halt die Pflegekassenmitarbeiter o.ä. hinstellen und das IKM (Windeln) wechseln. Denn gemeinsam seit ihr stark.

15.04.2019 09:09 Gerd Müller 1

Warum streiken, das ist doch das Land in dem wir gut und gerne leben, oder stimmt das doch nicht.
Werden wir doch verar.....

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